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Politik & Gesellschaft

Der Wald der eingewanderten Bäume

Brandenburg ist stolz auf seine heimische Kiefer. Knapp eine Million Hektar Kiefernwälder prägen die Landschaft. Doch mit dem Klimawandel sind die Wälder akut bedroht. Neue Kulturen sollen helfen.

Kiefern-Monokulturen in Brandenburg Copyright: DW/Richard Fuchs

Mythos deutscher Wald

Bernhard Götz zeigt auf den braun verkrusteten Stamm einer Jeffrey-Kiefer. Diese Kiefernart wächst eigentlich an der Westküste Nordamerikas. Seit einigen Jahren allerdings auch in Eberswalde, in einem kleinen Wäldchen direkt hinter dem Büro des Leiters des forstbotanischen Gartens der dortigen Fachhochschule. "Die Jeffrey-Kiefern wachsen in Nordamerika auf sehr armen, trockenen Standorten", erklärt Bernhard Götz. Das könnte für Brandenburg extrem wichtig werden, sagt Götz, sollten die aktuellen Prognosen der Klimaforscher eintreffen. "Wenn es wie vorhergesagt trockener und wärmer wird, dann gibt es ganz bestimmt Bereiche in Brandenburg, wo wir mit den heimischen Baumarten Probleme haben werden, überhaupt einen geschlossenen Wald zu halten."

Klimaopfer Kiefernwald

Bernhard Götz, Leiter des forstbotanischen Gartens der Fachhochschule Eberswalde, erklärt, wie viel diese Jeffrey-Kiefer aus Nordamerika gewachsen ist. Von einem Zweig, in der Fachsprache Würtel, genannt zum nächsten, das entspricht dem Jahreswachstum. Copyright: DW/Richard Fuchs

Bernhard Götz versucht Baumsorten zu finden, die klimaresistenter sind als die deutsche Kiefer

Noch ist das Flächenland Brandenburg geprägt durch die heimische Waldkiefer, wohin das Auge reicht. 1,1 Millionen Hektar Wald bedecken das Land - ein Großteil davon sind Kiefern-Monokulturen. Angepflanzt wurden die vom Menschen, um Holz für Zellstoff- und Baustoffindustrie zu gewinnen. Doch wird es in Zukunft übers Jahr gesehen heißer und trockener, dann seien die Kiefern-Reinbestände ein gefundenes Fressen für Schädlinge. "Wenn Sie einen Mischwald haben, dann findet ein Schädling immer nur wenige Baumarten, auf die es spezialisiert ist. Dort kann es sich also nicht so massenhaft vermehren, wie es beispielsweise in einer Monokultur, wo dieses Schadinsekt eben eine riesige Nahrungsgrundlage vorfindet und sich massenhaft vermehren kann", sagt Bernhard Götz.

Zudem seien viele heimische Baumarten schlicht überfordert, sich schnell genug auf weniger Wasser, höhere Temperaturen, andere Bodenqualitäten oder stärkere Stürme zu gewöhnen, sagt Peter Spathelf, Professor für angewandten Waldbau in Eberswalde. Wenn die Waldflächen den Klimawandel in den mitteleuropäischen Breitengraden überstehen sollen, dann müssen sie umgebaut werden – und zwar massiv. Der Waldkiefernanteil von heute 75 Prozent müsse in den nächsten 40 oder 50 Jahren sinken, sagt Spathelf. "Das Ziel ist, die Kiefer auf etwa 40 Prozent herunterzufahren."

Teurer Waldumbau

Rheinsberg (Brandenburg): Ein Schild am Ortsausgang von Rheinsberg in Richtung Menz/Neuglobsow warnt die Autofahrer, ihre Zigarettenkippen aus dem Fahrzeug zu werfen.

Längere Trockenheit und höhere Temperaturen im Sommer erhöhen auch die Waldbrandgefahr

Die Forstwissenschaftler haben den Wettlauf gegen den Klimawandel aufgenommen. Bewaffnet mit Motorsäge, Schaufeln und Rollen von Drahtzäunen ziehen sie los, um auf einer 145 Hektar großen Waldversuchsfläche die Bäume zu setzen, die dem Klimawandel trotzen kann.

Jede zweite Kiefer wird dafür aus einem alten Monokultur-Bestand geschlagen, kleine lichtbedürftige Jungpflanzen in die Licht-Inseln gepflanzt, darunter Laubbäume wie Eichen und Buchen. Zuvor wurde Saatgut in der Baumschule gezogen, bis zur drei Mal umgepflanzt. Im Wald muss ein Zaun das Junggewächs vor Rehwild schützen, wilde Wucherpflanzen müssen zurückgeschnitten werden.

"So nach zehn Jahren dürfte man schon etwas sehen können", sagt Bernhard Götz. Der Waldumbau in Eberswalde hat seinen Preis: Ein Hektar klimaresistent umgebauter Wald verschlingen hier schnell Investitionen von 20.000 Euro.

Besonders schwierig ist die Suche von geeignetem Saatgut. Ob Jeffrey-Kiefern aus Amerika, Traubeneichen aus der Türkei, Kiefern aus Sibirien oder Nikko-Tannen aus Japan - welche Baumart wohl zum brandenburgischen Klima in 50 Jahren passen dürfte, ist schwer vorherzusagen.

Mischwald in Brandenburg

Für den Klimawandel gewappnet? ein Mischwald nahe Barnim in Brandenburg

Rund 100 Baum- und Straucharten werden beobachtet, wobei Kiefer hier eben nicht gleich Kiefer sei, sagt Ralf Kätzel. Er leitet am Landeskompetenzzentrum Forst in Eberswalde die Abteilung Waldmonitoring. "Jede Kiefern-Population habe sich über Jahrtausende an die jeweiligen Standortbedingungen angepasst", betont Kätzel. "Die sibirische Kiefer hat natürlich andere Standortbedingungen als die spanische".

Ralf Kätzel, Landeskompetenzzentrum Forst in Eberswalde, erklärt, warum es für einen Waldumbau einen langen Atem braucht. Ob fremde Arten tatsächlich auf den hiesigen Klimabedingungen wachsen könnten, das sehe man oft erst nach 30 oder 40 Jahren. Copyright: DW/Richard Fuchs

Ob fremde Arten hier wachse sieht man oft erst nach 40 Jahren, sagt Ralf Kätzel

Und so testen die Eberswalder Forscher derzeit, ob beispielsweise Traubeneichen, die in der Ukraine, Bulgarien, Griechenland oder der Türkei verbreitet sind, besser auf das zukünftige Brandenburger Klima vorbereitet sind. Besonders vielversprechend sind Baumarten aus China, die am Rand der inneren Mongolei wachsen.

Doch ob die Suche von Erfolg gekrönt ist, hänge von vielen Faktoren ab, sagt Ralf Kätzel, "nicht zuletzt der Frostfaktor". Denn obwohl der Durchschnittstemperatur steigt, wird der Frost bleiben.

Ansonsten könnten Forstwirte ganz einfach Baumarten aus warmen Klimazonen nach Brandenburg holen. "Wir brauchen Bäume, die einerseits an die Trockenheit angepasst sind, andererseits aber auch eine hohe Frosttoleranz haben."

Alleskönner gesucht

Gesucht ist also der Alleskönner unter den Bäumen, was die Suche kompliziert macht und skeptische Blicke von Umweltschützern auslöst. Denn je mehr fremde Baumarten hiesige Wälder bevölkern, desto mehr befürchtet mancher Umweltschützer Störungen für das biologische Gleichgewicht.

Kiefern-Monokulturen in Brandenburg Copyright: DW/Richard Fuchs

Brandenburgischs Kiefern im Märkischen Sand

Zudem seien Kiefern-Monokulturen keine "ökologischen Wüsten", sondern hätten bei Untersuchungen eine unerwartet hohe Artenvielfalt vor allem an Insekten aufgewiesen, heißt es von Kritikerseite weiter. Dennoch sind die Eberswalder Forstwissenschaftler davon überzeugt, dass sich der Aufbruch zum Mischwald lohnt. Denn nur wenn Licht- und schattenbedürftige, flach- und tiefwurzelnde Bäume und Sträucher sich abwechseln, könne ein Wald so stabil sein, dass er sich auch dem Klimawandel anpassen könne, sagt Bernhard Götz.

Und so geht das Experimentieren mit fremden Gehölzen weiter. Bei der Jeffrey-Kiefer im forstbotanischen Garten Eberswalde, auf den ersten Blick mit Erfolg. Doch Ralf Kätzel warnt vor verfrühter Euphorie: "Wir sehen jetzt zum Beispiel Versuche mit Douglasien in Sachsen, die sind 30 bis 40 Jahre alt, haben sich bisher bestens entwickelt und sterben jetzt nach dieser Zeit, und zwar massiv." Sein Tipp für alle, die Wälder Fit für den Klimawandel machen wollen, lautet daher: "30 Jahre Versuchsdauer sollte man schon einplanen."

Autor: Richard A. Fuchs
Redaktion: Helle Jeppesen, Hartmut Lüning

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