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Deutschland

Der Wahlkampf ist ein Fernsehereignis

Langweilig finden die Bürger das Werben der Politiker um ihre Stimme - und das, obwohl das Fernsehen den Wahlkampf wie noch nie in Szene setzt.

Fernschreiber Berlin (Grafik: DW)

Geschafft - nach zehn Stunden in der Redaktion bin ich zuhause. Stressig war es heute. Wir haben Wahlkampf. Nicht, dass der besonders spannend wäre: Aber es ist halt viel los. Die Parteien laufen heiß, wie wir Journalisten leicht reißerisch zu sagen pflegen. Deshalb steht mir der Sinn jetzt nach purer Ablenkung: Faul vor dem Fernseher sitzen, sich wegtragen lassen - von einer Fußballübertragung etwa oder einer Soap.

Jens Thurau (Foto: DW)

Doch vergebens - auch am Abend kommt man zurzeit nicht um die Politiker herum. Montagabend: Die Kanzlerin in der "Wahlarena" bei der ARD. Dort wird sie im "Town-Hall-Format" mit den Fragen der Bürger konfrontiert. Will sagen, sie steht in einer Art Zirkusarena, auf den Rängen die Wähler, als Dompteure fungieren zwei Journalisten. Die Kanzlerin macht das ganz souverän - im Gegensatz zu ihrem Herausforderer Frank-Walter Steinmeier von der SPD. Der ist Tags drauf in der gleichen Arena gefangen, wirkt unsicher und schwitzt stark, als ob er fürchtet, dass gleich wirklich ein Tiger in die Arena kommt oder die Bürger mit Popcorn werfen. Montags Merkel, Dienstag Steinmeier - Porträts der beiden gibt es auch in dieser Woche. Doch viel Neues erfährt man trotzdem nicht. Die Fernsehabende sind nicht das, was ich mir erhofft hatte.

Am Donnerstag sind dann gleich drei Politiker im Streitgespräch zu bewundern, die Spitzenkandidaten der kleine Parteien nämlich. Auch sie werden von den Zirkus-Manegen-Bürgern gelöchert. Guido Westerwelle von der FDP wirkt ein wenig angesäuert, denn diese Dreier-Debatte ist nur eine Art Ouvertüre für das große Duell am Sonntag. Dann drängen wieder Merkel und Steinmeier auf den Schirm - diesmal gemeinsam zum Duell. Westerwelle hat vor vier Jahren gar versucht, sich in dieses Spitzenduell einzuklagen - ohne Erfolg. Auch diesmal darf er nicht dabei sein. Das kann einer wie er nur schwer verkraften.

Vier Journalisten - zwei der öffentlich-rechtlichen Sender und zwei der privaten - werden Kanzlerin und Gegenkandidat befragen. Die beiden regieren zurzeit noch gemeinsam, sie sind nicht unbedingt dafür bekannt, dem politischen Gegner bissig ins Gesicht zu springen. Im Gegenteil, sie haben beide ganz offensichtlich starke Hemmungen gegenüber dieser Art des politischen Streits.

Aber Steinmeier, so hört man dieser Tage, hat eigentlich nur noch diese Chance, den Abstand zu Merkel etwas zu verkürzen. Gut möglich, dass diese große Show eine leicht merkwürdige und verspannte Angelegenheit wird. Mit anderen Worten: Eine schöne Soap oder noch besser ein tolles Spiel wäre eine schönere Abendbeschäftigung, so viel lässt sich jetzt schon sagen.

Aber dann: Dann gibt es nur noch eine zweite Debatte mit den Spitzen der drei kleinen Parteien - am Montag. Spätestens dann wird sich zeigen, dass der alte Spruch von Karl-Valentin immer noch aktuell ist: "Es ist alles gesagt worden, aber nicht von allen." Und dann ist Wahl.

Aber danach wird die Arbeit wieder normal stressig - und am Abend kann man vor dem Fernseher wieder richtig entspannen.

Autor: Jens Thurau

Redaktion: Kay-Alexander Scholz