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Asien

Der Wächter: Geschichte eines nordkoreanischen Überläufers

Ahn Myeong Cheol war Wachsoldat in politischen Gefängnissen Nordkoreas. Vor 20 Jahren floh er. Er hofft, dass die Menschenrechtslage in seiner Heimat ein Fall für den Internationalen Strafgerichtshof wird.

"Häftlinge sind keine Menschen." Das wird Ahn Myeong Cheol immer und immer wieder eingebläut. Ihm und allen Wärtern in den berüchtigten nordkoreanischen Straflagern für politische Gefangene. Insgesamt acht Jahre arbeitet Ahn in verschiedenen Lagern, bevor er die Seiten wechselt. In doppelter Hinsicht: 1994 flieht er aus Nordkorea und vor seiner Vergangenheit, lebt seitdem im Süden und tut das, wofür er in seiner Heimat umgehend mit dem Tod bestraft würde: Er spricht über die Zustände in den von der Weltöffentlichkeit abgeschotteten Lagern, will sich auf diesem Weg dafür einsetzen, dass sich die Menschenrechtslage in Nordkorea verbessert.

Während die Vereinten Nationen in New York derzeit Schritte einleiten, um die Führung des Landes aufgrund der katastrophalen Menschenrechtslage vor Gericht zu bringen, ist er zu Gast beim UN-Menschenrechtsrat in Genf, um seine Geschichte zu erzählen. Es ist eine grausame Geschichte. Der Deutschen Welle erzählt er sie am Telefon, ohne zu stocken. Genau nachprüfen lässt sich der Wahrheitsgehalt nicht. Aber: Der Bericht von Ahn Myeong Cheol ist einer von rund 300 Zeugenaussagen, die eine UN-Kommission zusammengetragen und Anfang 2014 veröffentlich hat – der Bericht, der den Grundstein legte für die mögliche strafrechtliche Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Nordkorea. Für die Vereinten Nationen gilt Ahn als wichtige Quelle. Denn er spricht nicht wie die meisten aus der Position eines Ex-Häftlings, sondern war selbst Teil des brutalen Systems.

Von der Schule ins Lager

Kim Jong Un an einem Tisch sitzend(Foto: Reuters)

Der nordkoreanischen Führung unter Diktator Kim Jong Un werden grauenhafte Menschenrechtsverbrechen vorgeworfen

Ausgesucht hat er sich seinen Arbeitsplatz nicht, sagt Ahn Myeong Cheol. "Ich wurde von Seiten des Regimes abkommandiert." Nach dem Schulabschluss und dem Wehrdienst wird er als Wächter in einem Lager für politische Gefangene eingeteilt. Da ist er gerade 18 Jahre alt. Die Regeln dort waren knallhart, sagt er. "Wie hatten die Anweisung, auf jeden zu schießen, der sich wagte, einen Fluchtversuch zu unternehmen oder sonst aufzubegehren. Außerdem wurde uns eingeschärft, dass wir im Fall eines Regime-Zusammenbruchs alle Beweise vernichten sollten, die auf eine Existenz solcher politischen Straflager hinweisen könnten." Denn allen Zeugenaussagen und auch den zahlreichen Satellitenaufnahmen zum Trotz: Bis heute leugnet die nordkoreanische Führung standhaft, dass es derartige Lager in ihrem Land überhaupt gibt.

Er habe Gewalt gegen Häftlinge angewandt, sie geschlagen. Das gibt er offen zu.

"Haben Sie auch Menschen getötet?"

"Nein, ich habe nie selbst jemanden umgebracht. Aber ich habe gesehen, wie andere Wärter Gefangene getötet haben."

Nachprüfen lässt sich auch diese Aussage nicht. Er fühle sich schuldig für das, was er getan habe, sagt Ahn. "Ich habe die Menschenrechte der Gefangenen verletzt. Jetzt möchte ich alles tun, um sie aus diesen furchtbaren Lagern herauszuholen. Deshalb engagiere ich mich als Menschenrechtsaktivist."

Der UN-Menschenrechtsrat in Genf im März 2014 bei der Vorstellung des UN-Untersuchungsberichts zu Nordkorea (Foto: Reuters)

Auch vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf tritt Ahn Myeong Cheol mit seiner Lebensgeschichte und seinem Anliegen auf

Gefangener der eigenen Erinnerungen

Seit 20 Jahren führt Ahn Myeong Cheol mittlerweile ein neues Leben in Seoul, doch sein altes begleitet ihn weiter.

"Gibt es Bilder, die Sie bis heute verfolgen?"

"Ja, als ich in Lager 22 gearbeitet habe, habe ich mitbekommen, wie eine Frau von meinem Vorgesetzten vergewaltigt wurde. Danach wurde aber nicht er, sondern sie wegen sexueller Verfehlungen beschuldigt. Sie wurde dann zur Strafe in eine Kohlemine geschickt, wo sie harte körperliche Arbeit verrichten musste. Dort hatte sie einen Unfall, bei dem sie beide Beine verlor. Sie überlebte das Unglück. Ob sie auch heute noch am Leben ist, weiß ich nicht. Ich hoffe es."

Das Schicksal der Frau sei ihm nahegegangen, berichtet er. "Ich habe Mitleid mit ihr empfunden." Mitleid an einem Ort, an dem derartige Gefühle eigentlich nicht existieren. Nicht existieren dürfen.

Letztendlich ist es eine Entwicklung von außen, die nach acht Jahren Dienst in unterschiedlichen Lagern dafür sorgt, dass Ahn Myeong Cheol aus Nordkorea flieht. Er tut es, um sein eigenes Leben zu retten, um nicht selbst in ein Lager für politische Gefangene gesteckt zu werden. Eines Tages wagt es Ahns Vater, vor Zeugen eine regierungskritische Äußerung zu machen. Ein Kapitalverbrechen, mit dem er auch seine ganze Familie in Lebensgefahr bringt. Denn in Nordkorea gilt die sogenannte Sippenhaft: Wer verwandt ist mit jemandem, der eines Vergehens bezichtigt wird, gilt automatisch als mitschuldig. Denn auch in ihm fließt das Blut eines Verbrechers, so die Begründung.

Einziger Ausweg: Flucht

Michael Kirby (Foto: Reuters/Kim Hong-Ji)

Der Australier Michael Kirby stand an der Spitze der dreiköpfigen UN-Kommission, die Menschenrechtsverstöße in Nordkorea umfassend dokumentierte – Anfang 2014 präsentierte er den Bericht

Ahns Vater sieht sich in einer ausweglosen Situation und beschließt, sich das Leben zu nehmen. Seine Mutter, Schwester und Bruder werden in ein Lager deportiert. Und auch er muss damit rechnen, bald selbst vom Wärter zum Gefangenen zu werden. Er weiß wie kaum ein anderer, was ihn in Gefangenschaft erwarten würde. Um dem zu entgehen, beschließt er, in die Offensive zu gehen. Er spricht mit Vorgesetzten über seinen Vater und versucht, sie zu überzeugen, dass er ihn für einen Verräter hält und mit seinen Äußerungen nichts zu tun hat. "Aber auf der ganzen Linie erfolgreich war ich nicht. Die Partei ließ mich überwachen und kontrollieren."Vorerst aber darf er Wärter bleiben.

Ahn wartet ab. Er wartet auf eine Gelegenheit, sich abzusetzen. "Eines Tages, als die Kontrolle etwas lax war, habe ich mir zwei Pistolen genommen und bin geflohen." Zwei Häftlinge nimmt er mit. Mit einem Auto fährt er los – er kennt sich gut aus im und um das Lager, denn er wird auch offiziell als Fahrer eingesetzt. Daher erregt er auch zunächst kein Aufsehen. Mit dem Wagen geht es weiter bis zum Grenzfluss Tumen. Am anderen Ufer liegt China. Die beiden Gefangenen haben Angst und wollen die Flucht nicht fortsetzen. Ahn weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Er selbst überquert den Fluss und verlässt Nordkorea für immer. Mit Hilfe koreanisch-stämmiger Chinesen gelangt er nach Seoul. Und beschließt, zu erzählen, was er erlebt und gesehen hat.

Unterwegs in gefährlicher Mission

Der nordkoreanischen Führung ist Ahn Myeong Cheol deshalb ein Dorn im Auge.

"Was sie tun, ist gefährlich. Haben Sie Angst?"

"Ja, ich habe Angst. Ich bekomme immer wieder Drohungen, weil ich über die Gefangenenlager in Nordkorea spreche und gut behütete Staatsgeheimnisse preisgebe."

Dennoch will er weitermachen. Das sei er den Gefangenen schuldig.

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre in seinem Land beobachtet Ahn mit großer Sorge. "Seit Kim Jong Un an der Macht ist, hat sich die Menschenrechtslage sogar noch verschlechtert. Er hat mit Jang Song Thaek sogar seinen eigenen Onkel hinrichten lassen, so etwas gab es weder unter Kim Jong Il noch unter Kim Il Sung." Außerdem habe Kim die Grenzbeamten angewiesen, sofort auf Flüchtlinge zu schießen. "Unter ihm ist die Zahl der Menschen, die aus Nordkorea fliehen, zurückgegangen."

Porträt des nordkoreanischen Flüchtlings Shin Dong Hyuk (Reuters)

Seine Geschichte ging um die Welt: Shin Dong Hyuk hat eine Buch über seine Flucht aus Camp 14 geschrieben

Ahn hofft, dass die nordkoreanische Führung sich eines Tages für ihre Menschenrechtsverletzungen juristisch verantworten muss. Einen Schritt weiter auf diesem Weg ist die Internationale Gemeinschaft seit Dienstag (18.11.): Der Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen sprach sich mehrheitlich für einen von der EU und Japan ausgearbeiteten Resolutionsentwurf aus, der darauf abzielt, Nordkorea vor den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag zu bringen. 111 Länder stimmten dafür, 19 – darunter Russland und China – votierten dagegen, und 55 UN-Mitgliedsstaaten enthielten sich. Demnächst stimmt die UN-Vollversammlung darüber ab, ob der Fall weiter an den UN-Sicherheitsrat geht. Die Abstimmung gilt als Formsache. Der Sicherheitsrat allerdings - das einzige Gremium, das befugt ist, die Angelegenheit weiter an den ICC zu überweisen, könnte Endstation sein für die Resolution. Denn dort sitzen sowohl Russland als auch China als ständige Mitglieder. Es gilt als gut möglich, dass Peking, der große Verbündete des international isolierten Regimes, seine schützende Hand über Pjöngjang hält und den Vorstoß mit seinem Veto blockiert.

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