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Kultur

Der Vordenker - zum Tod des Publizisten Frank Schirrmacher

Er öffnete das Feuilleton der FAZ für naturwissenschaftliche Themen. In seinen Büchern stieß er gesellschaftliche Debatten an. Mit 54 Jahren ist FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher am Donnerstag gestorben.

Seine Begabung zum Widerspruch war groß. Die von ihm ausgelösten Debatten nahm Frank Schirrmacher als Journalist gern erneut aufs Korn und trieb seine Themen mit großer Spiellust durch die Medien-Magazine. Ob mit Enthusiasmus in einer Talkshow vorgetragen oder wortreich geschrieben als provokanter Debatten-Beitrag für das Feuilleton der sonst eher konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Frank Schirrmacher liebte die pointierte Zuspitzung.

Auf heftige Reaktionen stieß 2002 sein offener Brief gegen den Vorabdruck von Martin Walsers satirischem Roman "Tod eines Kritikers", in dem er dem berühmten deutschen Schriftsteller "antisemitische Klischees" vorwarf. Abgedruckt wurde der Roman in der FAZ nicht. 2006 folgte ein zweiter auflagensteigernder Medien-Coup: In einem Interview mit Schirrmacher gestand ihm Literaturnobelpreisträger Günther Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Die Veröffentlichung -medienwirksam platziert - löste einen Sturm der Entrüstung und internationale Diskussionen über die NS-Vergangenheit prominenter Zeitgenossen aus.

Steile Karriere: Vom Hospitanten zum Herausgeber

Frank Schirrmacher (Foto: Imago)

Frank Schirrmacher 1992 in seinem Frankfurter Büro

Seinen beruflichen Aufstieg begann Frank Schirrmacher, der 1959 in Wiesbaden geboren wurde, als Hospitant bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sein Ehrgeiz, in höheren Etagen mitzumischen, war früh ausgeprägt: Einser-Abitur, Literatur- und Philosophiestudium an den ehrwürdigen Universitäten in Heidelberg, Cambridge und Yale, glänzende Promotion über Franz Kafka und den amerikanischen Dekonstruktivismus – das Denken über den Tellerrand der aktuellen Kulturdebatten trieb Schirrmacher zu intellektuellen Höchstleistungen an.

Ein Jahr nach seinem Einstieg als Hospitant bot ihm FAZ-Herausgeber Joachim Fest eine Stelle als Feuilletonredakteur an. Schirrmacher griff zu, obwohl er nicht viel vom Journalismus verstand – und begann voller Enthusiasmus, die hausinterne Karriereleiter zu erklimmen. Nicht jeder kam mit seiner spontanen Begeisterung für provokante Thesen klar, aber sein Gespür für brisante Themen, die der FAZ manchen Auflagenrekord einbrachten, war unbestritten. "Er gehörte sicher nicht zu den Bequemen im Land. Das wollte er aber auch nicht sein", bescheinigt ihm Klaus Lehmann, der Präsident des Goethe-Institutes, der ihn gut kannte.

1989 beerbte Schirrmacher Marcel Reich-Ranicki als Feuilleton-Chef der FAZ und mischte die Redaktion mit Themen auf, die stärker am Zeitgeist orientiert waren: Gehirnforschung, Digitale Demenz, Altersrassismus. Fünf Jahre später wurde er als einer von fünf Herausgebern in die Führung des Blattes berufen. In der deutschen Presselandschaft ein Unikum: Bei der FAZ bestimmt nicht der Chefredakteur die Linie des Blattes, sondern ein Herausgeber-Gremium.

Frank Schirrmacher Herausgeber FAZ mit Marcel Reich-Ranicki

Frank Schirrmacher neben Marcel Reich-Ranicki bei einer Preisverleihung

Umtriebiger Querdenker

Schirrmacher erwarb sich – auch international - den Ruf "ein besessener Zeitungsmacher" zu sein und stieg zu einem der einflussreichsten Publizisten in Deutschland auf. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) war seine Idee und äußerst erfolgreich. 1999 wurde er für seine "wichtigen Anstöße" zur Literatur- und Kunstdebatte mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Schirrmachers Artikel und später auch seine Sachbücher hatten immer eine politische Wirkung. Er selbst stand Politikern sehr kritisch gegenüber. 2004 sah er die Generationenkrise, die sich gerade als öffentliche Debatte in Deutschland neu entwickelt, in seinem Buch "Das Methusalem-Komplott" voraus. Das Buch wurde in 14 Sprachen übersetzt und rief zum Widerstand gegen einen Jugendwahn auf , der auch in "Altersrassismus" enden könne. Auch die Auswüchse der Gentechnologie und des Weltfinanzsystems machte er früh zum Thema.

Mit seinen Texten entfachte er öffentliche Debatten

2006 erschien sein Sachbuch "Minimum", in dem Schirrmacher wortreich die Auflösung klassischer Familienstrukturen beklagte. 2009 folgte sein publizistischer Paukenschlag: "Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen". Vom Feuilleton wurde das Buch als "Heilmittel von der digitalen Droge" gefeiert. Alle seine Bücher waren Bestseller und zettelten heftige Debatten in der Öffentlichkeit an.

Frank Schirrmacher - Das Spiel des Lebens

Schirrmachers letztes Buch "Ego. Das Spiel des Lebens"

Sein letztes Buch "Ego: Das Spiel des Lebens", das 2013 erschien, löste ebenfalls nachhaltige Diskussionen über den "Informations-Kapitalismus" der großen Internetkonzerne aus. "Schirrmacher konnte Zukunftsthemen setzen mit untrüglichem Gespür für publikumswirksame Aufmerksamkeit, eindringlich und kompromisslos," sagt der Präsident des Goethe-Instituts Lehmann.

Mit Frank Schirrmacher, der an den Folgen eines Herzinfarktes starb, verliert die deutsche Publizistik einen ihrer mutigsten Vordenker. "Er hat Deutschland einen Orientierungsrahmen gegeben", schreibt "Die Welt" anerkennend über ihn, "immer mit dem Nachdruck, der notwendig ist, um Gehör jenseits der Ratespiele und Fußballwelten zu finden." Auch Klaus Lehmann zeigt sich erschüttert vom Tod Schirrmachers: "Er war ungemein begabt, ein begnadeter Meister des Wortes, ausgestattet mit einem Sensorium für neue Themen, gesellschaftliche Brüche und Fiktionen. Ein führender Intellektueller - ohne Wenn und Aber."

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