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Global Ideas

Der Viktoriasee - ein Ökosystem außer Balance

Ein Fisch zerstört das Ökosystem eines Sees - dieses Bild zeichnete eine Oskar-nominierte Dokumentation 2004 vom Viktoriasee. Im Interview erzählt ein afrikanischer Forscher, wie sich der See entwickelt hat.

Foto: Menschen in Fischerbooten am Viktoriasee (Foto: CC-BY 2.0: sarahemcc/Wikipedia)

Uganda ist einer der Anrainerstaaten des Viktoriasees. Auch hier ist die Fischindustrie eine wichtige Einkommensquelle.

Die Dokumentation „Darwins Alptraum“ wurde 2004 mit dem Oskar nominiert, zog aber auch viel Kritik auf sich. Der Film zeigte ein düsteres Bild von der Nilbarschindustrie im Viktoriasee im südlichen Afrika und den ökologischen sowie sozioökonomischen Auswirkungen. Yunus D. Mgaya, Professor an der Fakultät für Aquawissenschaften an der Universität Dar Es Salaam in Tansania, spricht im Interview mit Global Ideas über die Reaktionen, die der Film ausgelöst hat und wie es um den Viktoriasee heute steht.

Foto: Professor Yunus D. Mgaya von der Universität Dar Es Salaam (Foto: Yunus D. Mgaya)

Professor Yunus D. Mgaya von der Universität Dar Es Salaam

Mgaya arbeitete von 1996 bis 2005 im Rahmen des "Lake Victoria Environmental Management Project“ an einer Studie über die Fischarten im Viktoriasee mit. Heute ist er Berater der "Environmental Association of Tanzania" sowie unter anderem Mitglied der "Wildlife Conservation Society of Tanzania".

Global Ideas: Herr Mgaya, 2004 wurde die Dokumentation "Darwins Alptraum" zum ersten Mal ausgestrahlt und wurde gelobt, aber auch kritisiert. Hielten Sie das damals für gerechtfertigt?

Yunus D. Mgaya: Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich, dass er einige Fakten vermittelt, gleichzeitig aber auch nicht frei von Fehlern ist. Der Film hat die Situation am Viktoriasee leicht überspitzt dargestellt. Gerade in Bezug auf die sozioökonomische Situation haben die Filmmacher nur eine Seite der Medaille gezeigt. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, objektiv zu berichten.

Was fehlte Ihnen konkret an der Geschichte?

Keine der positiven Auswirkungen des Nilbarschbooms der 90er Jahre wurden gezeigt. Wir haben nur Prostituierte gesehen und Kinder, die Fischreste aufpicken. Der Nilbarsch hat den Menschen und den Anrainerstaaten aber als wichtiges Exportgut eine Menge Geld eingebracht.

Nachdem der Nilbarsch in den 50er Jahren im Viktoriasee ausgesetzt worden war, fraß er praktisch alle anderen Fische auf. Er war aber nicht der einzige Grund für das Aussterben der Fischarten.

Mehr als 200 Spezien sind aus dem See verschwunden, nachdem der Nilbarsch dort ausgesetzt wurde. Aber gleichzeitig hat sich auch die Wasserqualität über die Jahre deutlich verschlechtert: Die Konzentration von Phosphaten und Nitraten hat merklich zugenommen. Dadurch haben sich vor allem Algen gut ausbreiten können. Die Fische, für die diese Algen die vornehmliche Nahrungsquelle sind, haben sich stark vermehrt, die anderen sind ausgestorben.

Was hat nun aber zur Verschlechterung der Wasserqualität geführt? Der Umgang mit den natürlichen Ressourcen und der Landwirtschaft in der Region wurde nicht adäquat an das Bevölkerungswachstum angepasst. Zudem fehlte es an Infrastruktur zur Entsorgung und Aufbereitung von Abwässern. Alle Städte im Viktoriabecken haben ihre Abwässer einfach in den See eingeleitet.

Schon in den 90er Jahren haben sich die Anrainerstaaten Kenia, Tansania und Uganda zusammengesetzt, um sowohl die sozioökonomische als auch ökologische Situation am und im See zu verbessern. Die Regierungen haben 1996 das Lake Victoria Environmental Management Project gestartet, das auch von der Weltbank unterstützt wurde. Von der Graswurzelbewegung bis zur Staatsregierung gibt es verschiedene Maßnahmen, die etwa Fischerei und Forstwirtschaft neu regeln sollen. Unter anderem konnte das Abwasserproblem ein wenig eingedämmt werden. So gab es bereits 2004 - als der Film gedreht wurde - eine langsame Normalisierung des Nährstoffangebots im See. Das kam im Film überhaupt nicht vor. Die gesamten positiven Auswirkungen des Projekts wurden ignoriert.

Aber hat sich durch diese drastische, einseitige Darstellung nicht auch vielleicht etwas an der Situation vor Ort verbessert?

Der Film hat verschiedene Reaktionen ausgelöst. Die Regierung hat als eine Art Gegendarstellung eine eigene Dokumentation in Auftrag gegeben. Außerdem wurde ein Projekt gestartet, um das Ökosystem des Viktoriasees zu untersuchen. Daran waren unter anderem die Universität von Dar Es Salaam beteiligt und das Tanzania Fisheries Research Institute. Die Ergebnisse der Studie sind gerade im Druck.

Filmstill: Menschen wühlen mit ihren Händen in Fischresten (Foto: coop99)

Der Film Darwins Alptraum zeigt, wie die Menschen am Viktoriasee in den Fischresten wühlen, um Essbares zu finden oder sie anderweitig verwenden zu können.

Darwins Alptraum hat uns negative Öffentlichkeit beschert, teilweise damit aber Positives bewirkt: Tansania wurde in den Fokus der globalen Agenda gerückt. Natürlich ist alles, was die Nilbarschindustrie zerstört, gut für das Ökosystem des Sees. Das ist eine Möglichkeit, die Dinge zu betrachten. Aber die Leute, die den Nilbarsch als Einkommensquelle betrachten, sehen das natürlich anders.

Aber wie steht es denn nun um das Ökosystem im See? Eine aktuelle Untersuchung im Rahmen des Lake Victoria Environmental Management Programme warnt davor, dass in 30 Jahren alle Lebewesen im Viktoriasee ausgestorben sein werden. Halten Sie das für plausibel?

Das ist eine Prognose. Ein Szenario, das sich bewahrheiten könnte, wenn wir die Wasserqualität im See nicht verbessern können und die nach wie vor andauernde Verschmutzung des Sees durch Abwasser aus Haushalten und Fabriken nicht stoppen.

Die schlechte Wasserqualität gibt es ja nun seit Jahren - aber dem Nilbarsch scheint das nichts auszumachen?

Foto: Der Kopf eines toten Nilbarsches (Foto: CC-BY 3.0: Pavel Zuber/wikipedia)

Der Viktoriabarsch kann bis zu 200 Kilogramm schwer werden. Doch die Fischer lassen ihm immer weniger Zeit zum Wachsen, sodass die meisten Barsche heutzutage mit zehn bis 20 Kilogramm aus dem See geholt werden.

Nun – der Nilbarsch ist der Hauptfeind aller anderen Fischarten. Und zurzeit ist er in Bezug auf die Biomasse immer noch der dominante Fisch. Aber die Qualität der Biomasse hat sich stark verändert. In den 90er Jahren konnte man leicht mal einen gefangenen Barsch sehen, der 200 Kilogramm wog. Jetzt wiegen die Barsche in der Regel zwischen zehn bis 20 Kilogramm. Die Nilbarsche, die aus dem Wasser gezogen werden, sind heute also erheblich kleiner. Das ist ein deutliches Anzeichen für Überfischung. Die Barsche haben einfach nicht genug Zeit zu wachsen, bevor sie aus dem See geholt werden.

Wenn sich daran nichts ändert, dann werden die gefangenen Fische immer kleiner, sodass sie irgendwann zwar nicht aussterben, aber schließlich nicht mehr verkauft werden können. Als brauchbare Ware sterben sie also aus.

Wäre es gut für den See, wenn der Nilbarsch aussterben würde?

Die Frage wird immer wieder gestellt: Warum sorgen wir nicht dafür, dass der Fisch aus dem See verschwindet und versuchen, das Ökosystem wieder in den Zustand vor dem Nilbarschboom zu versetzen? Mit Blick auf die sozioökonomische Situation, würden manche Menschen einen solchen Vorschlag für verrückt halten. Der Nilbarsch hat viele wirtschaftliche Vorteile gebracht. Aber wir brauchen vernünftige Regeln für die Befischung, zum Beispiel durch Fangquoten.

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