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Kultur

Der Vietnamkrieg und seine Geschichten

Vor 30 Jahren endete der Vietnamkrieg. Neun Jahre hatten die USA gegen Nordvietnam und den Vietcong gekämpft. In Amerika hatte eine breite Protestbewegung den Krieg begleitet. Ganz vorn dabei: der Autor Norman Mailer.

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Stimme gegen den Vietnamkrieg: Norman Mailer

Beim großen Marsch auf Washington im Oktober 1967 läuft Norman Mailer nicht nur mit den 70.000 Demonstranten durch die Straßen der US-Hauptstadt zum Pentagon, er hält auch eine Rede gegen den Vietnamkrieg, versucht eine Polizeikette zu durchbrechen und wird schließlich vorm Pentagon verhaftet. Ein Jahr später erscheint unter dem Titel The Armies of the Night ("Heere aus der Nacht") Mailers Roman über die Ereignisse bei dem Protestmarsch. Der Untertitel des Romans ist Programm: History as a Novel. The Novel as a History. ("Geschichte als Roman; der Roman als Geschichte"). Mailer kombiniert in diesem Roman historische Fakten rund um die Demonstration mit der subjektiven Wahrnehmung des Erzählers.

Vietnamkrieg Friedensdemonstration in Washington 1967

Marsch auf Washington 1967

Rückkehr zur realistischen Schreibweise

Mailer ist nicht der Einzige, der diese Technik verwendet. New journalism oder Faktographie heißt die literarische Strömung, bei der Autoren "reale" Fakten verwenden und an ihnen entlang eine Geschichte erzählen. "Der Vietnamkrieg hat zur realistischen Schreibweise zurückgeführt", sagt Alfred Hornung, Professor für nordamerikanische Literatur an der Universität Mainz über dieses neue Bedürfnis nach Fakten in der Literatur. Über die Fiktionalisierung militärischer Aktivitäten hätten die Schriftsteller versucht, diesen mehr Sinn und Verstand zu geben.

Brutal, aber unpolitisch

Winfried Fluck, Professor für Kulturwissenschaften am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien in Berlin sieht keinen direkten Zusammenhang zwischen new journalism und dem Vietnamkrieg. So setze sich Truman Capotes In Cold Blood ("Kaltblütig"), einer der bekanntesten Romane des new journalism, gar nicht mit dem Krieg auseinander und sei außerdem schon vor Mailers The Armies of the Night entstanden.

Romane, bei denen die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur verwischen, sind auch nicht zwangsläufig politisch. So erzählt Capote in dem Roman In Cold Blood die wahre Geschichte eines Raubmordes, bei dem eine ganze Familie umgebracht wird. Tatsächlich eine unpolitische Geschichte -aber unglaublich brutal. Und Aspekte der Gewalt werden mit dem Vietnamkrieg viel stärker in die amerikanische Literatur aufgenommen, sagt Hornung.

Bärenjagd als Parabel

Vietnamkrieg

Schlägt sich die Brutalität des Krieges in der Literatur nieder?

Von Gewalt handelt auch Mailers erster Vietnam-Roman, Why Are We in Vietnam? (1967). Zwar verspricht der Titel eine Auseinandersetzung mit der Frage, die Millionen Menschen auf der Welt beschäftigt: "Warum sind wir in Vietnam?". Eingelöst wir dieses Versprechen aber auf eigenwillige Art: Der Roman berichtet von einer brutalen Bärenjagd. Die Protagonisten schießen aus Helikoptern auf die Bären und missachten dabei jeden Ehrenkodex. Ein krasser Gegensatz zu den Kampfszenen zwischen Mensch und Tier, wie sie beispielsweise noch Ernest Hemingway beschreibt. Bei ihm sind die Chancen gleich verteilt; beide Seiten gehen ein Risiko ein. "In Why Are We in Vietnam verlagert Mailer Vietnam mit der Bärenjagd auf etwas typisch Amerikanisches", sagt Hornung. Einen direkten Bezug zu Vietnam stellt der Roman nur insofern her, als dass einer der Protagonist kurz vor seiner Einberufung in den Vietnamkrieg steht. Trotzdem könnte die Aussage der Jagd-Geschichte kaum deutlicher sein.

Vietnamkrieg

US-Helikopter im Vietnamkrieg

Schnelles Vergessen

Michael Herr, Philip Caputo, Tim O'Brien … andere Autoren folgten Normen Mailer und schrieben über den Vietnamkrieg. Besonders lang sei die Liste der bedeutenden Romane zum Vietnamkrieg nicht, sagt Fluck. "Es ist enttäuschend, aber der Vietnamkrieg hat sich nur in sekundärer Weise in der Literatur niedergeschlagen", sagt der Kulturwissenschaftler. Zwar gebe es einzelne Bücher aber keine richtige Phase der Vietnamliteratur. Einen nachhaltigen Einfluss des Vietnamkrieges auf die amerikanische Literatur sieht auch Hornung nicht. "Die Leute vergessen unglaublich schnell", sagt der Literaturwissenschaftler und erzählt von einem Seminar in Texas, wo 30 von 40 Studenten nichts wussten über den Krieg, bei dem rund drei Millionen Vietnamesen und etwa 58.000 US-Soldaten starben.

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