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Fußball

Der verschuldete Fußball

Der Fußball-Streik in Spanien offenbart die Schattenseiten des fußballerischen Turbokapitalismus: Spieler erhalten teilweise keine Gehälter mehr, weil die Klubs verschuldet sind. Mittlerweile wurde der Streik beendet.

Das leere Santiago Bernabeu Stadion in Madrid (Foto: AP)

Leere Ränge statt volles Haus: In Spanien wurde gestreikt

Weltmeister sind sie, Europameister auch, Champions League-Sieger sowieso und die drei weltbesten Fußballer des Jahres 2010 Messi, Iniesta und Xavi spielen natürlich auch hier: in Spanien, dem derzeit dominanten und so stolzen Fußballland. Doch die Erfolge des spanischen Fußballs scheinen in diesen Tagen ihren Glanz etwas verloren zu haben. Denn angesichts der gewaltigen Schulden-Zahlen wirkt der spanische Fußball wie eine gigantische Seifenblase: Groß, schön, bunt - aber kurz vor dem Platzen.

Barcelonas Dani Alves (l.) im Duell mit Real Madrids Cristiano Ronaldo (Foto: AP)

Ronaldo (r.) kostete 94 Millionen Euro. Viel zu viel?

Fünf Milliarden Euro betragen die Schulden der spanischen Profi-Vereine. Allein in der Saison 2009/2010 kamen 733 Millionen Euro neue Verbindlichkeiten dazu. Bei solchen Zahlen waren Zahlungsschwierigkeiten der Vereine programmiert und sind wohl schon seit längerem eine Realität im spanischen Fußball. 50 Millionen Euro an Gehältern schulden die Klubs rund 200 Spielern und die waren daher in den Streik getreten. Der erste Spieltag fiel aus. Zwar handelt es sich bei den Geprellten meist um gut bezahlte Profis, doch auch für die haben ausgefallene Gehaltszahlungen Folgen.

"Sie schulden mir mehr als die Hälfte meines Einkommens"

"Bei uns mussten einige Spieler ihre Autos verkaufen, um über die Runden zu kommen. Andere haben kein Geld fürs Benzin", sagte David Aganzo, der für Rayo Vallecano stürmt, einem Verein, der Insolvenz anmelden musste. Ähnliches erlebte der schwedische Profi Markus Rosenberg, der im Vorjahr von Werder Bremen an Racing Santander ausgeliehen war. "Sie schulden mir Geld, mehr als die Hälfte meines Einkommens", erzählte der Stürmer kürzlich dem ZDF. "Das war ein Problem der ganzen Mannschaft, der ganzen Liga." Probleme, wie sie auch Gerhard Poschner kennt. Der ehemalige Bundesligaprofi war elf Monate lang Geschäftsführer bei Real Saragossa. Dann kündigte er, weil er die Geschäftsgebaren des Klubs nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren konnte.

Xavi Hernandez jubelt mit seinem Teamkollegen über den Sieg in der Champions League 2011. (Foto: AP)

Große Erfolge, teuer erkauft? Barça holte die Champions League, hat aber rund 400 Mio. € Schulden

Spaniens Fußballprofis forderten nun Garantien für ihre Gehälter. Absurd seien diese Forderungen, hieß es von Seiten des Liga-Verbandes. Denn kein Unternehmerverband könne die Löhne der Arbeitnehmer garantieren. Es ist bereits das fünfte Mal, dass Spaniens Fußballer einen Streik ansetzten. Beim ersten Mal im Jahr 1979 ging es noch um Sozialversicherungen, doch danach stets um die schlechte Zahlungsmoral der spanischen Vereine. Das Problem ist also nicht neu.

Verschulde dich und zahl' am Ende die Hälfte

Das Schulden-System des spanischen Fußballs funktioniert in etwa so: Teure Spieler werden gekauft, hohe Gehälter gezahlt, die insgesamt die Einnahmen aus Sponsoren-, Ablöse- und TV-Verträgen weit überschreiten. Das geht eine Weile lang gut, bis die Schuldenlast den Geldgebern zu groß wird. Was dann geschieht, klingt für jeden Fan schmerzhaft: Der Verein muss Insolvenz anmelden. In der Bundesliga würde dies auch einen Zwangsabstieg bedeuten, in Spanien nicht unbedingt. Denn spanische Fußballvereine können die Zwangsversetzung vermeiden, wenn sie 50 Prozent der Schulden zahlen. Mit anderen Worten: Man verschuldet sich munter, zahlt am Ende die Hälfte davon und ist seine Sorgen los. 21 Vereine der 1. und 2. spanischen Liga meldeten in den vergangenen Jahren Konkurs an und machten ihren profitablen Schuldenschnitt.

Real Madrids Mesut Özil jubelt (Foto: AP)

Weltauswahl: Real angelte sich Stars wie Özil (l.) und Khedira

Das sehr lasche Konkursrecht in Spanien ist aber nicht das einzige Ärgernis für die europäische Konkurrenz der spanischen Fußballklubs. Auch versteckte staatliche Finanzhilfen sollen in den spanischen Fußball geflossen sein. So zeigten Bayern München und Manchester United den 31-fachen spanischen Meister Real Madrid an, weil der von öffentlichen Geldern profitiert haben soll. Der Verkauf eines Trainingsgeländes brachte Real 2001 rund 480 Millionen Euro ein, obwohl das Areal wohl weit weniger wert ist, wie der Leerstand der entstandenen Bürogebäude am Paseo de la Castellana illustriert. Eine getarnte Subventionierung von Real Madrid durch Stadt und Region Madrid, die Partner des Geschäfts gewesen sein sollen, ließ sich aber nicht nachweisen.

Ungleiche Verteilung

Die Probleme des spanischen Fußballs sind auch struktureller Natur: Die "Großen" Real Madrid und FC Barcelona profitieren unverhältnismäßig stark im Vergleich zu den kleineren Klubs. Ein Beispiel: In der Saison 2009/2010 nahmen die spanischen Klubs insgesamt 600 Millionen Euro aus dem Verkauf der TV-Rechte ein. Eine stolze Summe, von der aber mehr als die Hälfte an den FC Barcelona (158 Mio. Euro) und Real Madrid (136 Mio. Euro) ging. Den Rest mussten sich die 40 anderen Klubs der ersten und zweiten Liga teilen.

Spanische Fans mit Tröte bei der WM 2010. (Foto: AP)

Sie hatten viel zu feiern zuletzt: Die spanischen Fans sind erfolgsverwöhnt - und jetzt besorgt.

Die deutsche Bundesliga hat zwar mit 386 Millionen Euro (Saison 2010/2011) eine weit geringere Gesamtsumme an Erlösen aus dem TV-Rechte-Verkauf erzielt, aber dieses Geld wird gerechter verteilt. So erhält etwa Rekordmeister Bayern München 30 Millionen Euro, Zweitligist FC St. Pauli aber beispielsweise immerhin noch gut 13 Millionen Euro.

Nach deutschen Richtlinien keine Lizenz

Die beinahe hoffnungslose Überschuldung des spanischen Fußballs hätte verhindert werden können - durch ein Lizenzierungssystem, das diesen Namen auch verdient. In Deutschland gilt die strenge Lizenzierungsordnung der Deutschen Fußball Liga (DFL), die finanzielle Eskapaden der Vereine wirkungsvoll verhindert. Zwar drücken vor allem den FC Schalke 04 hohe Schulden, doch der Rahmen der DFL ist deutlich enger für verschuldete Vereine. Nach deutschen Richtlinien würden die meisten spanischen aber auch englischen Fußballklubs keine Profilizenz erhalten.

UEFA-Präsident Michel Platini (Foto: AP)

Platini will Chancengleichheit

Nun mehren sich die Stimmen wie die des Ökonomen Juan Francisco Corona, die ein Eingreifen des europäischen Verbandes UEFA fordern: "Die spanischen Instanzen sind nicht bereit, Sanktionen gegen überschuldete Vereine zu verhängen. Die Lösung muss von der UEFA kommen." UEFA-Präsident Michel Platini hat bereits ein Konzept vorgestellt, das allerdings noch keine Anwendung findet. "Financial Fair Play" soll aber ab 2012 greifen und könnte den europäischen Fußball revolutionieren.

Auch in Italien droht ein Streik

Nötig wäre es, denn nach dem spanischen Vorbild droht auch in Italien ein Spielerstreik. Dort geht es um einen Rahmenvertrag, der der Liga mehr Flexibilität bei den Transferregeln geben soll. Doch die Spielergewerkschaft wehrt sich und will zur Not ebenfalls in den Ausstand treten.

Mittlerweile erklärte die spanische Spielergewerkschaft AFE ihren Streik für beendet. Dies gab die Organisation nach Verhandlungen mit der Profi-Liga LFP bekannt. Danach haben sich beide Seiten grundsätzlich darauf geeinigt, dass die mehr als 200 Spieler der 1. und 2. Liga, denen die Clubs Gehaltszahlungen schulden, das ihnen zustehende Geld bekommen. Es geht aber auch noch um die Verbindlichkeiten der Vereine bei der ohnehin klammen spanischen Staatskasse. Steuern und Sozialversicherungsbeiträge in Höhe von 632 Millionen Euro (Stand 2008) sind noch nicht bezahlt. Der verschuldete spanische Fußball wird einen langen Atem brauchen, denn dieses Spiel dauert länger als 90 Minuten.

Autor: Joscha Weber

Redaktion: Frank Wörner