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Politik

Der verkannte Krieg

Ägypten, Iran, Afghanistan. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz wurde viel über Krisengebiete beraten. Doch zeichnet sich eine Bedrohung am Horizont ab, die den Westen besonders fordern dürfte, meint Andreas Noll.

Themenbild Kommentar (Grafik: DW)

Wenn in München über Sicherheitspolitik gestritten wird, sitzen vor allem Herren im reiferen Alter im Publikum. Sie kennen sich aus - mit Fragen zur Urananreicherung im Iran oder den Details eines Raketenabwehrsystems, das die Nato über ihre Mitglieder spannen will. Als Experten für Internetsicherheit oder Soziale Medien sind die meisten bislang nicht aufgefallen - auch wenn einige Politiker während der Debatten manchmal mit ihren Smartphones spielen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon spricht bei der Sicherheitskonferenz (Foto: picture-alliance/dpa)

Wer twitterte wohl gerade über die Sicherheitskonferenz?

Dabei erleben diese Herren gerade eine Revolution in ihrem Job. Ob Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Außenministerin Hillary Clinton oder EU-Ratspräsident Herman van Rompuy: Sie alle betonten in ihren Reden die Rolle der Sozialen Medien wie Twitter, Blogs oder Facebook bei den Umwälzungen in Tunesien und Ägypten. Das Wort von der Twitter-Revolution macht unter den Sicherheitsexperten die Runde - auch wenn durchaus Zweifel angebracht sind, wie groß man den Einfluss der Netze mit etwas zeitlichem Abstand wirklich einordnen wird.

Neue Medien verändern Sicherheitsdenken

Es waren zweifellos Armut, Arbeitslosigkeit und Korruption, die die perspektivlose Jugend im Maghreb auf die Straße getrieben haben. Und sie hat dort auch ausgeharrt, als Internet und Mobilfunk längst abgeschaltet waren. Doch klar ist auch: Das Internet wirbelt das sicherheitspolitische Denken kräftig durcheinander. Beispiel Massendemonstrationen: Weil sich via Facebook und Twitter Zehntausende Menschen innerhalb kürzester Zeit verständigen und mobilisieren können, ohne dass sie dafür Parteien oder politische Führer brauchen, sieht sich die Welt in Ägypten mit einer Revolution ohne Revolutionsführer konfrontiert. Auf welchen Politiker soll man jetzt setzen? Wer kann nach einem Rücktritt von Präsident Husni Mubarak nicht nur für Reformen, sondern auch Stabilität sorgen? In Europa und den USA sorgen diese Fragen immer noch für Sprachlosigkeit.

Demonstrationen in Iran und Symbole von Facebook und Twitter (Foto/Montage: AP/DW)

Bei der 'grünen Revolution' im Iran im Juni 2009 waren Twitter und Facebook wichtige Informationskanäle

Dabei darf sich der Westen durchaus geschmeichelt fühlen. Die Bundeskanzlerin hat Recht, wenn sie feststellt, dass vor allem Freiheit und Kreativität der liberalen Gesellschaften die Netzrevolution ermöglicht haben. Darauf können die Europäer und Amerikaner genauso stolz sein, wie auf den Erfindungsgeist der namenlosen Internetaktivisten, die viele Internetsperren der Diktaturen ins Wirkungslose laufen lassen, indem sie clevere Umleitungen etablieren.

Kein Konzept gegen Cyber-Attacken

Und doch fordert das Netz nicht nur Diktaturen heraus. Anders als sie haben Europäer und Amerikaner zwar keine Angst vor Twitter und Facebook, aber sie sorgen sich um die Sicherheit ihrer Informationen. Die Angriffe auf westliche Regierungscomputer, Militäreinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen nehmen derzeit drastisch zu. Viel zu spät beginnen nun die Politiker ihre Abwehrmaßnahmen zu koordinieren. Noch allerdings scheinen die Konzepte gegen Cyber-Attacken mehr Stückwerk zu sein als Ausdruck einer überzeugenden Strategie. Da fordert die Bundeskanzlerin internationale Verträge, der deutsche Innenminister ein nationales Cyber-Abwehrzentrum und die Fachleute fragen sich, wie man juristisch überhaupt gegen staatliche Hacker in Fernost vorgehen soll und woher das Geld für den teuren Abwehrkampf kommen soll.

Die Herren im reiferen Alter müssen jetzt schnell ihren Aktionsradius erweitern: neben Raketenabwehr gehören auch Internetattacken wie Distributed-Denial-of-service zu ihren zentralen Arbeitsfeldern. Die Zeit drängt. Der Westen hat das Internet erfunden, aber im Cyber-Krieg sind ihm andere Weltregionen weit voraus.

Autor: Andreas Noll, zurzeit München
Redaktion: Klaudia Prevezanos

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