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Kultur

Der Vatikan und der Verkehr

Autofahren kann gefährlich sein - und sündhaft. Mit "Zehn Geboten" für Autofahrer warnt der Vatikan vor Sünden im Straßenverkehr. Nicht bei allen Gläubigen kommt das gut an.

Stop-Schild

Der Vatikan warnt: Beim Autofahren besteht die Gefahr zu sündigen

Sündigen im Straßenverkehr? Matthias Koffler ist irritiert. "Wie ernst ist das denn gemeint?", fragt der Geistliche Leiter der Katholischen Junge Gemeinde (KJG) spontan. Von den Zehn Geboten für Autofahrer hat er noch nichts gehört. "Die erste Reaktion ist, gibt es nicht wichtigere Themen für den Vatikan?", sagt Koffler. Ähnlich geht es Barbara Breher, stellvertretende Bundesvorsitzende des Kolpingwerkes Deutschland: "Ich musste erstmal schrecklich lachen", beschreibt sie den Moment, als sie im Radio von den Zehn Geboten erfuhr.

"Überholen kann Sünde sein"

Autofahrer zeigt Stinkfinger

Autofahrer sollen höflich sein, fordert der Vatikan

Die "Zehn Gebote" für Autofahrer sind aber absolut ernst gemeint. Herausgeber ist der "Päpstlichen Rat der Seelsorge für Migranten und Menschen unterwegs". Die Päpstlichen Räte bestehen aus einem Präsidenten (meistens einem Kardinal) und einem Gremium aus kirchlichen Amtsträgern und Laien. Sie fördern die Seelsorge bestimmter Gruppen. Die Leitlinien dieses Rates befassen sich neben Autofahrern auch mit Prostituierten, Straßenkindern und Obdachlosen.

Die "Autofahrer-Gebote" beschreiben ethisches Autofahren.

Verkehrsteilnehmer sollen sich demnach stets umsichtig verhalten, da Autos "Anlass zur Sünde" sein könnten. Das Dokument fordert eine christliche Vorbildfunktion ein. Verkehrsmittel seien durchaus geeignet, sich in christlichem Verhalten zu üben. Das Automobil dürfe nicht als "Machtmittel und zum Sünden" missbraucht werden: "Wer Jesus Christus kennt, fährt umsichtig." Das erste Gebot lautet: "Du sollst nicht töten." In den weiteren Geboten werden die Autofahrer zu Höflichkeit aufgefordert. "Autos sollten kein Ausdruck von Macht und Dominanz sein", heißt es. Auch an die Nächstenliebe appelliert der Vatikan, etwa im Hinblick auf Hilfe für Unfallopfer und deren Angehörige.

"Selbst gefährliches Überholen kann Sünde sein", warnte Kurienkardinal Renato Martino in Rom bei der Vorstellung des Verhaltenskodexes. Ähnlich verpönt seien "Flüche, unhöfliche Gesten oder Flegelei". Schützen könne man sich, so der Vorsitzende des Päpstlichen Rats für Migranten und Reisende auch: Vor jedem Reiseantritt sollten sich die Verkehrsteilnehmer bekreuzigen.

Im Tagesgeschehen untergegangen

Papst im Papamobil

Der Papst fährt im Papamobil - da besteht kaum die Gefahr zu sündigen

Bei den Gläubigen vor Ort scheinen die Leitsätze jedoch kaum anzukommen. Johannes Reiter, Professor für Moraltheologie an der Universität Mainz, hat von ihnen nur zufällig aus der BILD-Zeitung erfahren. "Im Tagesgeschehen gehen diese Gebote in der Kirche unter", sagt er. In der Anlehnung an die biblischen Zehn Gebote ziehe der Vatikan eine Parallele zur Moralverkündung des alten Testaments, erklärt Reiter. "Die Zehn Gebote stehen symbolisch für die Totalität des sittlichen Handelns."

Die Weisungen für Autofahrer seien wenig spektakulär: "Das sind weitgehend Selbstverständlichkeiten, wie zivilisierte Menschen miteinander umgehen." Einen direkten Bezug zur Theologie von Papst Benedikt sehe er darin nicht. Die Terminologie der "Zehn Gebote" sei in diesem Zusammenhang auch nicht außergewöhnlich: "Man hat einfach wichtige Dinge in einem Schema untergebracht." Er erwarte nicht, dass nun in Zukunft "Zehn Gebote" für alle Lebenslagen veröffentlicht würden.

Zehn Gebote für jeden Bereich?

Genau das befürchten aber manche Gläubige. "Mir erscheint diese Ableitung auf Autofahrer banal", erklärt Barbara Breher. "Alles was in diesen Geboten steht, lässt sich in den biblischen Zehn Geboten finden. Soll man jetzt für alle Lebensbereiche Zehn Gebote formulieren? Diese Regelungswut halte ich nicht für gelungen."

Die Zehn Gebote im Einzelnen:

1. Du sollst nicht töten!

2. Die Straße sei für dich ein Kommunikationsweg zwischen den

Menschen und kein Ort, um tödlichen Schaden anzurichten!

3. Höflichkeit, Korrektheit und Umsicht sollen dir helfen,

unvorhersehbare Situationen zu meistern!

4. Sei barmherzig und hilf dem Nächsten in der Not, besonders

wenn er Opfer eines Unfalls ist!

5. Das Auto sei für dich kein Statussymbol der Macht und

Herrschaft und kein Anlass zur Sünde!

6. Überzeuge in Liebe die jungen Menschen - aber auch die nicht

mehr jungen - sich nicht hinters Steuer zu setzen, wenn sie nicht

fahrtüchtig sind!

7. Hilf den Familien von Unfallopfern!

8. Sorge dafür, dass sich Unfallopfer und Verursacher in einem

geeigneten Moment begegnen, damit sie die befreiende Erfahrung

der Vergebung machen können!

9. Schütze auf der Straße die Schwächsten!

10. Fühle dich stets für die anderen verantwortlich!