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Afrika

Der Vater der tunesischen Unabhängigkeit

Vor zehn Jahren starb Habib Bourguiba, der erste tunesische Präsident. Er brachte Tunesien die Unabhängigkeit und das machte ihn zur Legende. Auch 23 Jahre nach dem Ende seiner Regierungszeit wird er noch immer verehrt.

Portraitaufnahme von Habib Bourguiba (Foto: dpa)

Der tunesische Politiker Habib Bourguiba gilt als Begründer des modernen Tunesien

Die Tische des Cafés sind voll an diesem sonnigen Nachmittag auf der Avenue Bourguiba, mitten im Zentrum von Tunis. Außer dem Namen der Straße erinnert nicht mehr viel an den ehemaligen Präsidenten. In den Cafés und Geschäften hängt seit 1987 das Bild von seinem Nachfolger, Zine El Abidine Ben Ali, und wo früher eine Statue des ersten Präsidenten Tunesiens stand, befindet sich jetzt eine monumentale Standuhr. Die Zeiten haben sich geändert. Doch die Tunesier halten das Ansehen Bourguibas hoch, vor allem die Jugendlichen.

Hoch verehrt, vor allem von der Jugend

Der tunesische Präsident Habib Bourguiba bei einer Sondersitzung um tunesischen Parlament (Foto: dpa)

Bourguiba begründete die Neo-Destur-Partei und war mehrfach in französischer Haft.

In einem der Cafés auf der Hauptstraße sitzen zwei Studentinnen, Karima und Amel, beide Mitte 20. Die Regierung Bourguiba haben sie nicht bewusst erlebt, bei seinem Tod vor zehn Jahren gingen sie noch zur Schule. "Aber ohne Bourguiba gäbe es das hier alles nicht", sagt Karima, und macht eine ausholende Handbewegung. "Er war so wichtig für uns, wegen der Unabhängigkeit und der Frauenrechte", fügt Amel hinzu. "Ich bewundere ihn." Habib Bourguiba ist in Tunesien eine Legende.

Frauenrechte vor Verfassung

Zu dieser Legendenbildung hat der 1903 geborene Bourguiba selbst schon früh beigetragen. Bereits als junger Mann engagierte er sich politisch, ein Jura-Studium im Frankreich der 1920er Jahre prägte sein politisches Denken. Zurück in Tunesien gehörte er bald zu den führenden Köpfen der Unabhängigkeitsbewegung. 1956 wurde er zunächst Ministerpräsident, nach Abdankung des letzten Königs dann 1957 der erste tunesische Staatspräsident. Fünf Monate nach der Unabhängigkeit, am 13. August 1956, wurde in Tunesien der "Code du Statut Personnel", ein neues Personenstandsgesetz verabschiedet, das als wichtigsten Punkt die vollständige Gleichstellung der Frauen beinhaltete.

Verhandlungen mit Israel

Blick auf die Ave Bourguiba in Tunis (Foto: Esther Köhler)

Blick auf die Ave Bourguiba in Tunis

"Das war die erste Amtshandlung des unabhängigen Tunesiens, sogar vor der Verfassung, die erst 1959 verabschiedet wurde." Kmar Bendana, Geschichtsprofessorin in Tunis, sieht darin einen der Schlüsselmomente des modernen Tunesiens. "Das war der Schlüssel zur sozialen Veränderung, die Bourguiba sehr früh vorangetrieben hat, bevor die Gesellschaft überhaupt reagieren konnte." Wenn er länger gewartet hätte, dann wäre das Gesetz kaum durchgekommen, vermutet sie.

Seine Mitmenschen zu überraschen, das gelang Bourguiba immer wieder auch auf der politischen Bühne. Mitte der 1960er Jahre setzt er sich für Verhandlungen mit Israel ein, schlägt der UNO gar einen Staatenverbund Israels mit den arabischen Nachbarstaaten vor. Die Idee Bourguibas führt zum Bruch mit der arabischen Liga, und auch in Tunesien wird der Schritt des Präsidenten kritisch betrachtet, erzählt Kmar Bendana. "Das wurde in den politischen Kreise fast als Dreistigkeit gesehen und man hat darüber lieber geschwiegen, vor allem unter jenen Anhängern Bourguibas, die eigentlich eher panarabistisch orientiert waren." Doch in Bourguibas Logik waren die Anerkennung Israels und Verhandlungen die einzig möglichen Schritte zu einer Lösung des Konflikts. Den gleichen Pragmatismus, der zur frühen und relativ unblutigen Unabhängigkeit Tunesiens geführt hat, wandte er auch auf Palästina an. "Das hat damals keiner verstanden", glaubt Kmar Bendana. Bourguiba sei mangelnde Solidarität vorgeworfen worden. "Sein Weitblick kam zu früh", ist die Historikerin überzeugt.

"Alle sind stolz auf ihn"

Straßenschild Ave Bourguiba (Foto: Esther Köhler)

Straßenschild Ave Bourguiba

Der Weitblick, der den Vater der tunesischen Unabhängigkeit in internationalen Angelegenheiten oft auszeichnete, fehlte ihm manchmal im Inneren. 1975 ernannte er sich zum Präsidenten auf Lebenszeit und führte ein autoritäres Regime. Unter der Regierung von Bourguiba, einem überzeugten Verfechter eines laizistischen Staates, der gerne auch mal provozierte, indem er während des islamischen Fastenmonats Ramadan tagsüber und live im Fernsehen ein Glas Orangensaft trank, gewannen die Islamisten vor allem in den 1980er Jahren an Einfluss. "Er ist in gewisser Weise in seiner Macht gefangen gewesen und hat zu wenig auf sein Umfeld gehört, er hat den Tunesiern selbst zu wenig vertraut ", so die Einschätzung von Kmar Bendana.

Blick über einen Friedhof auf die goldene Kuppel des Bourguiba Mausoleums in Monastir (Tunesien) (Foto: dpa)

Bourguibas Mausoleum in Monastir

Als Bourguiba 1987, mit 84 Jahren, in einem "medizinischen Staatstreich" für amtsunfähig erklärt und von Zine El Abidine Ben Ali, seinem damaligen Premierminister abgelöst wird, macht sich in Tunesien zunächst Erleichterung breit, dass die Herrschaft des zuletzt immer autoritärer regierenden und altersschwachen Präsidenten Geschichte ist. Doch heute erinnert sich in Tunesien kaum einer gerne an die negativen Seiten seiner Regierungszeit, an politische Gefangene und Aufstände. "Ich bewundere ihn auch für viele Dinge, aber sein Erbe muss trotzdem mit richtigem Maß gemessen werden, da sind wir Historiker gefragt", sagt Bendana. "Trotzdem sind alle Tunesier stolz auf ihn, sogar die, die unter ihm gelitten haben."

Autorin: Esther Köhler
Redaktion: Stepahnie Gebert

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