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USA

Der unscheinbare Amokläufer von Las Vegas

Ein weißer Buchhalter im Ruhestand, nicht vorbestraft, erschießt 59 Menschen und verletzt mehr als 500 weitere Personen. Die Polizei rätselt über das Motiv des Schützen. Weltweit sorgte die Tat für Entsetzen.

Video ansehen 02:21

Las Vegas: Über 50 Menschen erschossen

Was die Ermittler wissen: Der Täter, Stephen Paddock, schoss aus dem Fenster eines Hotelzimmers im 32. Stock des Mandalay Bay Hotels auf die Besucher des Country-Festivals "Route 91 Harvest". Der 64-Jährige wohnte als Hotelgast bereits seit vier Tagen in dem Zimmer. Als die Beamten die Zimmertür aufbrachen, war der Schütze schon tot. Die Polizei geht davon aus, dass er sich selbst getötet hat. In dem Zimmer fanden die Polizisten 16 Feuerwaffen.

Absolutes durcheinander im Einsatz: Während die Polizei in Deckung geht, stehen Zivilisten mit ihrem Smartphone auf der Straße (Getty Images/D.Becker)

Absolutes durcheinander im Einsatz: Während die Polizei in Deckung geht, stehen Zivilisten mit ihrem Smartphone auf der Straße

Paddocks Motiv ist nach Polizeiangaben bislang unklar. Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund der Tat gab es zunächst nicht. Nach Angaben der US-Bundespolizei FBI lieferten die ersten Ermittlungen keinerlei Hinweise auf eine Terror-Verbindung des mutmaßlichen Einzeltäters. Auch deutete nichts darauf hin, dass der Rentner irgendwelche Sympathien für islamistisch-extremistische Gruppierungen gehegt haben könnte.

Nach Angaben des US-Heimatschutzministeriums gibt es daher auch keine glaubhaften Hinweise darauf, dass an anderen öffentlichen Orten Anschläge bevorstehen.

Dennoch hat die Terrormiliz "IS "die Bluttat für sich reklamiert. Der Schütze sei ein "Soldat" des Islamischen Staates gewesen, berichtete das IS-Sprachrohr "Amak". Allerdings reklamiert der "IS" fast immer solche Art von Gewalttaten Einzelner oder von Gruppen für sich.

Unbescholtener Bürger

Der Täter war den Behörden bislang wegen Gewalttaten nicht aufgefallen. Einziger Eintrag in seiner Akte sei ein Verkehrsdelikt von vor mehreren Jahren, so die Behörden. Paddocks Haus in Mesquite, einer rund 130 Kilometer von Las Vegas entfernten Kleinstadt, wurde von Polizisten durchsucht. Dort wurden 18 Handfeuerwaffen, mehrere Tausend Schuss Munition und Sprengsätze gefunden. Das teilte Bezirkssheriff Joseph Lombardo mit. In dem Auto des Verdächtigen wurden mehrere Pfund Ammoniumnitrat gefunden, das zur Herstellung von Sprengsätzen verwendet werden kann. 

Bewaffnete Polizisten patroulieren durch Las Vegas (Getty Images/AFP/M.Ralston)

Bewaffnete Polizisten patroulieren durch Las Vegas

Die Befragung der Familie erbrachte bislang keine Erkenntnisse. Paddocks Bruder Eric sagte der Zeitung "Las Vegas Review-Journal", er könne sich nicht vorstellen, warum sein Bruder die Bluttat begangen haben könnte. Stephen sei kein Fanatiker gewesen, weder politisch noch religiös. Auch einen militärischen Hintergrund oder eine ausgeprägte Passion für Waffen habe der Heckenschütze nicht gehabt, wenngleich er einige Schusswaffen besessen habe, sagte Eric Paddock.

Laut Medienberichten besaß der Täter eine Jagdlizenz für den Bundesstaat Alaska, wo die Jagd auf Großwild wie Bären oder Elche beliebt ist. Er sei lediglich hin und wieder nach Las Vegas gefahren, um dem Glücksspiel nachzugehen, so Eric Paddock.

Wohlhabender Bürger

Seinen Bruder beschrieb er als wohlhabenden Mann, der Kreuzfahrten unternahm und gern Poker spielte - mit dem Einsatz von 100 Dollar pro Blatt. Sein Bruder sei ein Normalbürger gewesen, der niemals ein Falschparkerticket bekommen habe, seiner Mutter Kekse geschickt und gern Burritos gegessen habe.

Eric Paddock Bruder des Todesschützen von Las Vegas (picture-alliance/AP Photo/J. Raoux)

Fassungslos: Der Bruder des Attentäters

Ob der 64-Jährige möglicherweise doch von politischen Motiven, von Wahnvorstellungen oder einer Mischung aus beidem angetrieben war, liegt weiter im Dunkeln.

Für die Angehörigen ist die Tat ein Schock: "Es ist, als ob ein Asteroid gerade auf unsere Familie niedergestürzt wäre. Wir haben keine Ahnung, wie das passiert ist", sagte Eric Paddock. Er erklärte auch, dass Vater Benjamin ein gesuchter Bankräuber gewesen sei, der 1969 aus dem Gefängnis ausgebrochen war und in damaligen Steckbriefen als "psychopathisch" bezeichnet worden war. Nach Darstellung von Eric Paddock hatten er und sein Bruder jedoch keinen Kontakt zum Vater.

Der Schütze lebte in Mesquite mit einer Frau zusammen, bei der es sich nach Angaben seines Bruders um seine Lebensgefährtin handelte. Sie hielt sich nach Angaben der Ermittler zum Zeitpunkt des Massakers im Ausland auf - laut dem Sender CNN auf den Philippinen.

Festival im Visier

Warum der Täter sich gerade das Festival ausgesucht hatte, ist ebenfalls unklar. Zehntausende Menschen besuchen in der Regel das dreitägige Festival. Rund 22.000 Fans waren zum Zeitpunkt des Attentats nach Polizeiangaben gerade beim Konzert von Country-Star Jason Aldean, als gegen 22.00 Uhr Ortszeit erste Schüsse fielen. Augenzeugen berichteten von ganzen Salven aus Automatikwaffen, von Panik und Chaos.

Großeinsatz für die Rettungskräfte: Immer wieder wurden Verletzte in die Krankenhäuser gebracht(picture-alliance/AP Images)

Großeinsatz für die Rettungskräfte: Immer wieder wurden Verletzte in die Krankenhäuser gebracht

"Wir hörten dem Konzert zu und hatten unseren Spaß, dann hörten wir etwas, das wie Böller klang", sagte Konzertbesucher Joe Pitz der Lokalzeitung "Las Vegas Sun". Dann sei Jason Aldean von der Bühne gerannt und alle in der Nähe des Casino-Hotels seien in Deckung gegangen.

Robert Hayes, ein Feuerwehrmann aus Los Angeles, der in der Nähe der Bühne stand, glaubte zunächst, mit der Musikanlage stimme etwas nicht. Als klar war, dass es sich um Schüsse handelte, gehörte er zu den ersten freiwilligen Helfern.

Es habe gewirkt wie ein "Kriegsschauplatz", sagte Hayes dem Sender "Fox News". Auf die Frage, ob der Täter wohl Erfahrung mit Waffen habe, sagte der Feuerwehrmann, bei zehntausenden Konzertbesuchern brauche es keinen guten Schützen.

Schweigen für die Opfer: US-Präsident Donald und Melania Trump (Reuters/K.Lamarque)

Schweigen für die Opfer: US-Präsident Donald und Melania Trump

Das Blutbad löste allgemeines Entsetzen aus. US-Präsident Donald Trump sprach von einer "Tat des reinen Bösen" und kündigte für Mittwoch seinen Besuch in Las Vegas an. Gleichzeitig rief Trump sein Land zur Geschlossenheit auf.

Video ansehen 03:24

USA unter Schock nach Massaker in Las Vegas: Carolina Chimoy aus Washington

Bundeskanzlerin Angela Merkel, die britische Premierministerin Theresa May sowie Papst Franziskus zeigten sich erschüttert. Auch der russische Präsident Wladimir Putin hat mit Entsetzen auf den blutigsten Schusswaffenangriff in der jüngeren US-Geschichte reagiert. Das Verbrechen, dem Dutzende "friedlicher Zivilisten" zum Opfer fielen, sei "entsetzlich in seiner Grausamkeit", erklärte Putin in einem Beileidstelegramm an US-Präsident Donald Trump. Den Opfern des Angriffs und ihren Angehörigen sprach er dem Kreml zufolge sein Mitgefühl aus. Country-Star Jason Aldean erklärte, es schmerze ihn sehr, dass so etwas Menschen passieren könne, die nur einen "Abend voller Spaß" genießen wollten.

Unklar war zunächst, ob auch Deutsche unter den Opfern waren. Das Auswärtige Amt in Berlin teilte mit, die Botschaft in Washington stehe in engem Kontakt mit den US-Behörden, zu möglichen deutschen Opfern könne zur Zeit noch keine Auskunft gegeben werden.

Erneute Waffendiskussion in den USA?

In den USA gibt es immer wieder tödliche Angriffe mit Schusswaffen. Trotz mehrerer Amokläufe an Schulen und Universitäten gelang es Trumps Vorgänger Barack Obama nicht, gegen den Widerstand der Republikaner schärfere Waffengesetze durchzusetzen. In jüngster Zeit gab es zudem mehrere blutige Anschläge auf Bars oder Veranstaltungsorte.

Nach dem Massaker von Las Vegas hält US-Präsident Donald Trump eine Debatte über das Waffenrecht nach Worten seiner Sprecherin für verfrüht. Zunächst gelte es, Überlebende zu trösten und um die Opfer zu trauern, sagte Sarah Sanders. Außerdem müsse die Tat vollständig aufgeklärt werden. Allerdings könnten Vertreter beider Parteien in den kommenden Tagen über das Waffenrecht sprechen. Man müsse Maßnahmen prüfen, die tatsächlich zu einem Rückgang der Waffengewalt führten, sagte Sanders.

cgn/ml (afp, dpa, rtr)

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