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Kultur

Der undiplomatische Diplomat für Afrika

Bill Clinton, Bill Gates, Richard Gere - sie alle sind zur Welt-Aids-Konferenz nach Toronto gekommen. Der wahre Held aber ist alles andere als glamourös: der UN-Sondergesandte für HIV und Aids in Afrika, Stephen Lewis.

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Stephen Lewis bei der Aids-Konferenz in Toronto

Statt einer Horde von Sicherheitsleuten wie bei Bill Clinton wird Stephen Lewis nur von einer Mitarbeiterin begleitet, wenn er auf der Welt-Aids-Konferenz (13.-18.8.) von einem Termin zum nächsten hastet. Dennoch ist er ständig von Menschen umgeben: Afrikaner wie Kanadier, US-Amerikaner und Europäer wollen die Hand des 66-jährigen Kanadiers schütteln; ihm sagen, wie sehr sie ihn verehren.

Ein älterer Amerikaner spricht ihn zwischen zwei Veranstaltungen an. Lewis’ Vorträge über Aids in Afrika hätten sein Leben verändert, sagt er. "Sie sind eine große Inspiration für mich geworden." Die Hände des Mannes zittern und er kann vor Aufregung einen Moment lang nicht weiter sprechen. Lewis bleibt stehen, hört ihm geduldig zu und nickt bescheiden. Eine Sozialarbeiterin aus Ghana wartet neben den beiden Männern. Sie will unbedingt ein Autogramm von Stephen Lewis haben. "Seit ich die Uni hinter mir habe, lese ich so gut wie nichts mehr", sagt sie. Dann aber habe sie angefangen, Stephen Lewis’ Buch "Race against Time" (auf Deutsch noch nicht erschienen) zu lesen. "Ich konnte es nicht mehr weglegen. Ich habe die ganze Nacht durchgelesen", erzählt sie.

Lewis scheint die wichtigste Person dieser Konferenz zu sein. Ständig fällt sein Name bei den einzelnen Veranstaltungen. "Er ist einer von uns“ oder "Unser Freund Stephen Lewis", heißt es immer wieder von afrikanischen Rednern und Rednerinnen. Für einen weißen UN-Gesandten in Afrika wohl das größte Lob. Wenn er selbst auftritt, bekommt er Standing Ovations und minutenlangen Applaus.

Offene Kritik

AIDS-Konferenz in Toronto

Einsatz für Frauen: Lewis und Sängerin Alicia Keys mit afrikanischen Großmüttern in Toronto

Dabei ist Lewis eine Figur mit Ecken und Kanten. Der Ex-UN-Botschafter für Kanada ist alles andere als diplomatisch. Statt guter Beziehungen zu Regierungen stehen für den überzeugten Sozialdemokraten die Menschenrechte im Vordergrund. Wütend ist er auf die G8-Staaten, die ihre Millenniumsversprechen im Kampf gegen HIV/Aids bisher nicht einhalten. Er spricht gar von Betrug, wenn er über den Umgang des Westens mit Afrika redet. Auch die UN mit ihren vielen Unterorganisationen bleibt von seiner beißenden Kritik nicht verschont.

Trotzdem denkt er nicht daran, aufzugeben. Ende des Jahres läuft zwar seine Amtszeit als UN-Sondergesandter aus, aber langweilig wird dem temperamentvollen Großvater wohl trotzdem nicht werden. Mit viel Engagement setzt er sich für die Arbeit seiner Stiftung, die Stephen Lewis Foundation, ein. Die Organisation unterstützt neben Aids-Kranken und Waisenkindern insbesondere auch Frauen – vornehmlich Großmütter – die häufig gleich mehrere Aids-Waisenkinder großziehen müssen. So hat Stephen Lewis in diesem Jahr zum ersten Mal ein Treffen zwischen afrikanischen und kanadischen Großmüttern organisiert. Sein Engagement für die Rechte von Kindern geht schon auf seine Zeit beim UN-Kinderhilfswerk UNICEF zurück, wo er von 1995 bis 1999 arbeitete.

Echte Gefühle für Afrika

Stephen Lewis, der mit Anfang 20 über ein Jahr lang in verschiedenen afrikanischen Ländern gelebt hat, empfindet, wie er selbst sagt, eine große Liebe für den Kontinent. Dabei hat er außer der Aids-Pandemie noch andere dunkle Seiten gesehen: So reiste er in den 1980er Jahren während der Hungersnot in Äthiopien als kanadischer UN-Botschafter in das Land, und 1997 wurde er von der Afrikanischen Union berufen, neben anderen wichtigen Persönlichkeiten bei der Aufklärung des Genozids in Ruanda zu helfen.

Der UN-Sondergesandte hat zwar mal kurz studiert, entschied sich dann aber im Alter von 26 Jahren, für die linke NDP ("New Democratic Party") in die Politik einzusteigen. Für einen Uni-Abschluss blieb keine Zeit mehr. Dafür geht er jetzt seit einiger Zeit wieder zur Uni. Allerdings nicht als Student, sondern als Dozent und Wissenschaftler. Lewis, der als brillanter Redner gilt, dürfte sich auch ohne Professorentitel über volle Seminarräume freuen können.

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