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Europa

Der unbekannte Held am Stade de France

Bei den Anschlägen im November 2015 in Paris versuchten Selbstmordattentäter, ins Fußballstadion zu gelangen. Ein Ordner stellte sich in den Weg und verhinderte eine Katastrophe. Bei der EM ist er wieder auf dem Posten.

Für Salim Toorabally ist es eine besondere Rückkehr an eine alte Arbeitsstätte. Beim Vorrundenspiel der Fußballeuropameisterschaft zwischen Deutschland und Polen kontrollierte der Stadionordner deutsche Schlachtenbummler an den Zugängen zum Stade de France. Taschen und Rucksäcke aufmachen, nach gefährlichen Gegenständen suchen. Erinnerungen werden wach an den 13. November 2015, als die deutsche Nationalmannschaft gegen die Franzosen spielte. Ein Freundschaftsspiel vor 80.000 Fans, eine ausgelassen Stimmung.

Der Selbstmordattentäter fällt ihm sofort auf

Als einer von rund 1000 Ordnern hatte Salim Toorabally an diesem Tag Dienst: Karten kontrollieren, ein wachsames Auge auf die Fans werfen. Am Drehkreuz zum Eingang L fällt ihm ein junger Mann auf, der ohne Eintrittskarte ins Stadion will. "Er behauptete, ein Freund im Stadion habe sein Ticket" , sagt Toorabally. "Er wollte die Eintrittskarte holen und mir dann zeigen." Das Verhalten von Bilal Hadfi macht Toorabally misstrauisch. "Er war nicht wie die anderen, er stand unter Druck, er wollte unbedingt ins Stadion."

Frankreich Fußball Salim Tourabally

Polizeieinsatz nach den Anschlägen in Paris

Als das Spiel um 21.00 Uhr angepfiffen wird, steht Bilal Hadfi immer noch vor dem Stadion. Über Funk hat Toorabally die Stadionleitung und seine Kollegen an den anderen Eingängen über den jungen Mann informiert. Hadfi schafft es nicht ins Stade de France – ebenso wenig wie andere Mitglieder des Selbstmordkommandos. Kurz nach Spielbeginn zündet der erste Attentäter seine Sprengstoffweste – vor dem Stadion. Wenig später jagt sich auch Bilal Hadfi in die Luft. Die Terroristen reißen einen Passanten mit in den Tod, weitere Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Das alles passiert in unmittelbarer Nähe von Ordnungshüter Toorabally. Er rennt zum Tatort, leistet erste Hilfe. "Es gab Blut überall und ich hatte nicht mal Handschuhe. Ich sehe noch immer die Hautfetzen des Selbstmord-Attentäters, die am Bein des Verletzten klebten", erinnert sich Toorabally.

Der Stadionordner rettet hunderten Fußballfans das Leben

Toorabally ist aus Mauritius, er kam als Jugendlicher mit seinen Eltern nach Frankreich. Dass er plötzlich vom einfachen Ordner zum Helden werden sollte, wurde dem 43-Jährigen erst Tage später bewusst. Auf Polizeifotos erkannte er einen der selbst ernannten Gotteskrieger, die bei den Anschlägen von Paris insgesamt 130 Menschen getötet hatten. Der Mann, der ohne Eintrittskarte durch das Drehkreuz am Eingang L schlüpfen wollte. Weil er ihn aufgehalten und seine Kollegen gewarnt hatte, hat Toorabally wohl eine Katastrophe verhindert – und hunderten Fußballfans das Leben gerettet.

Zuerst wollte Toorabally nie wieder bei Fußballspielen arbeiten. "Jedesmal, wenn es wieder irgendwo einen Anschlag gibt, kommt das alles hoch", sagt er. Doch jetzt steht der Wachmann, selbst ein Fußballfan, wieder am Stadion. Er weiß: Seit dem Anpfiff der Fußball-Europameisterschaften in Frankreich ist Sicherheit die größte Herausforderung. Das Land steht noch immer unter dem Schock der islamistisch motivierten Terroranschläge des letzten Jahres. Seit den Gewaltausbrüchen rund um einige Spiele wächst zusätzlich die Sorge um randalierende Hooligans.

Frankreich UEFA EURO 2016 Sicherheitskräfte der Polizei vor die Eröffnungszeremonie

Höchste Sicherheitsstufe während der EM in Frankreich

Radikale Islamisten im Dienste von Wachdiensten?

Experten kritisieren das Sicherheitskonzept der Franzosen: Fans würden es immer wieder schaffen, Feuerwerks-Körper in Stadien zu schmuggeln. Außerdem seien für die Sicherheitschecks an den Stadien vor allem private Wachdienste zuständig. Normalerweise sicherten die nur Gebäude vor Einbrüchen. Für Großveranstaltungen mit tausenden Menschen seien sie gar nicht ausgebildet, kritisiert Patrick Haas, Herausgeber der Fachzeitschrift "En Toute Sécurité". Aus Kostengründen rekrutierten die Firmen oft im Migranten-Milieu, ohne ihre Mitarbeiter zu überprüfen. "Es gibt Wachmänner, die sich dem radikalen Islam verschrieben haben. Und die arbeiten natürlich auch an sensiblen Stellen", sagt Haas. Er geht davon aus, dass es mehrere hundert Wachmänner gibt, die als radikale Islamisten bekannt sind.

Auch Toorabally sieht die Einstellungspraxis in der Branche kritisch. Wer bei Großereignissen eingesetzt wird, sollte genauestes überprüft werden. Toorabally ist selbst Muslim, aber die Liberalität der französischen Gesetzgebung geht ihm zu weit. Außerdem müssten alle Wachleute besser im Katastrophenschutz geschult werden, meint er. Beim Attentat im November war er einer der ganz wenigen Ordner, die überhaupt wussten, was zu tun war: Toorabally hatte eine Erste-Hilfe-Ausbildung.

UEFA EURO 2016 - Frankreich vs. Rumänien

Ausgelassene Stimmung bei den Fans im Stade de France

Präsidiale Ehrung für den Helden vom Stade de France

Für seinen Einsatz ist der Wachmann aus Mauritius inzwischen von höchster Stelle geehrt worden. Besonders stolz ist er auf eine persönliche Einladung bei Präsident Francois Hollande, der sich bei Toorabally bedankt hat. "Er hat zu mir gesagt: Sie sind ein Vorbild für die ganze Branche."

Toorabally will auch weiterhin einen guten Job machen. Beim letzten Spiel im Stade de France kamen rund 75.000 Menschen. Die Euphorie ist groß, vor allem nach dem Einzug der Franzosen ins Achtelfinale der EM. Toorabally bleibt auf der Hut am Stade de France - damit auch künftig nichts passiert.

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