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Europa

Der umstrittene Turm von St. Petersburg

Gazprom und die St. Petersburger Stadtoberen wollen die neue Zentrale des Gaskonzerns – gegen den Widerstand der Petersburger Bürger. Befürworter und Gegner des Projekts scheinen verschiedene Sprachen zu sprechen.

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Wie eine umgedrehte Mohrrübe aus Glas und Stahl – so sieht der geplante Gazprom-Tower aus, um den St. Petersburg streitet. Seit 2005 laufen Planungen zum Bau des Wolkenkratzers, den Gazprom an das Ufer des Newa-Nebenflusses Ochta bauen will. Nun ist es von der Stadtregierung genehmigt worden. In der Bevölkerung aber bleibt das Projekt umstritten.

Das neue Hauptquartier der Gazprom-Tochter "Gazprom-Neft" wäre mit rund 400 Metern und 77 Stockwerken der höchste Turm Europas. Umweltfreundlich und ressourcensparend soll er werden, heißt es von den Bauherren. Mit doppelten Glaswänden will Gazprom für natürliche Belüftung, Wärmedämmung und Tageslicht sorgen – ein "Öko"-Turm der Superlative also. Der Umzug des Konzerns in das "Venedig des Nordens" dürfte der Stadt zudem Steuereinnahmen in Milliardenhöhe einbringen, so Experten. Die Bürger hingegen könnten sich über die im Gebäudekomplex enthaltene Bibliothek, den Konzertsaal oder das Museum freuen, argumentieren die Projektplaner.

Doch die meisten Petersburger freuen sich nicht. Im Gegenteil: Eine starke Opposition in der Bevölkerung protestiert wütend gegen den Turm. Er störe das homogene Stadtbild und schade dem historischen Charakter der Stadt, die einst Hauptstadt des Zarenreiches war. Auch international anerkannte Architekten äußerten Kritik und die UNESCO kündigte gar an, St. Petersburg in die Liste bedrohten Weltkulturerbes aufzunehmen, sollte das Projekt realisiert werden.

In St. Petersburg, der Plan- und Traumstadt Peter des Großen, legen auch heute noch viele Bewohner Wert auf Ordnung und Schönheit. Das Stadtbild und die vielen prunkvollen Gebäude von St. Petersburg galten von Anbeginn als heilig, während die Moskowiter ihre Stadt sogar niederbrannten, als Napoleon 1812 vor ihren Toren stand. Um ein einheitliches Erscheinungsbild von Moskau kämpfte kaum jemand. Heute wird in der russischen Hauptstadt an allen Ecken und Enden gebaut – im wilden Stilmix.

So stellt sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, "Gazprom-Neft" von Moskau nach St. Petersburg zu verlegen. In Petersburg herrschen Anti-Stimmung und Anspruch auf Ästhetik. In Moskau gäbe es, stünde der Turm nicht gerade im Vorgarten des Kremls, keinen Weltkulturerbe-Titel, der verloren ginge, keine altehrwürdige Stadtsilhouette, die verschandelt würde und wahrscheinlich auch keine großartige Opposition gegen das Bauprojekt.

Tut sich da denn nicht eine Alternative auf? Als Freund von Literatur, Musik und Kunst würde ich es durchaus gern sehen, wenn der Turm samt Bibliothek, Konzertsaal und Museum neben den Parkplatz vor meinem grauen Plattenbau ziehen würde. Lauter als die E-Gitarre von nebenan, kann kein Bulldozer sein. Und ist der Turm erst einmal fertig, werden vielleicht die Wartezeiten auf die Busse ein bisschen kürzer, die Verkehrsinseln grüner und meine Nachbarn glamouröser. Mit dem Energieriesen vis-á-vis könnte man zudem quasi von Zuhause aus, über den nächsten Gasstreit mit der Ukraine oder Weißrussland berichten. Was für Aussichten!

Autorin: Lale Eckardt
Redaktion: Ranty Islam