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Geschichte

Der traurige Kaiser: Wilhelm II. im Exil

1914 führte Wilhelm II. Deutschland in den Ersten Weltkrieg. Vier Jahre später blieb ihm nur noch die Flucht. Fortan lebte er im niederländischen Exil - und träumte von seinem verlorenen Thron.

Es war ein tiefer Fall. Einst gehörte er zu den mächtigsten Männern Europas. Seit dem 9. November 1918 war er lediglich ein Mann auf der Flucht. Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, musste abdanken. Viele Deutsche brachten ihrem Staatsoberhaupt nur noch Verachtung entgegen. Nachdem das Land vier Jahre lang einen schrecklichen Krieg gegen die halbe Welt geführt hatte, mussten die Deutschen hinnehmen, dass sie diesen Krieg verloren hatten. Das Deutsche Reich war besiegt. Soldaten und Arbeiter rebellierten - und übernahmen in vielen Städten die Macht. Das Objekt ihres Hasses: Der oberste Befehlshaber Wilhelm II.

Porträt Kaiser Wilhelm II. (Mary Evans Picture Library)

Der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859-1941)

Ein Kaiser auf der Flucht

Zu seinem Glück hielt sich Wilhelm II. in diesen Wochen gar nicht in Deutschland auf. Er residierte in seinem Großen Hauptquartier im belgischen Spa. Hier markierte er am Abend des 9. November den starken Mann: "Und wenn wir auch alle totgeschlagen werden - vor dem Tod habe ich keine Angst! Nein, ich bleibe hier!" Dass Wilhelm II. gerne große Sprüche klopfte, hatten die Deutschen bereits hinreichend erfahren. So auch diesmal: Bereits in den Morgenstunden des nächsten Tages setzte sich der Kaiser in die Niederlande ab. So entkam er den Revolutionären und den westlichen Kriegsgegnern, die ihn am liebsten vor Gericht gestellt hätten.

In den Niederlanden avancierte der Ex-Kaiser zu einem Kuriosum. Schloss Amerongen, wo Wilhelm II. zunächst Zuflucht gefunden hatte, wurde zeitweise regelrecht belagert. Jeder wollte den Kaiser ohne Land sehen. Kein Wunder, dass sich der ehemalige Monarch schnell nach einer neuen Bleibe umsah.

Das Exil: Eine ehemalige Wasserburg

Seine Wahl fiel auf Haus Doorn in der Provinz Utrecht. Die Ursprünge dieser ehemaligen Wasserburg reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück. Wilhelms Ansprüchen genügte das Anwesen aber keineswegs. Umfangreiche Bauarbeiten waren notwendig, bis der ehemalige Monarch zufrieden war. Handwerker schwärmten aus, modernisierten die Zimmer, erbauten ein neues Torhaus und richteten das Haus für den Einzug des letzten deutschen Kaisers her.

Wilhelm II. mit seiner Frau Hermine und deren Töchtern auf einem Spaziergang im Exil (Foto: picture alliance)

Im Exil schrumpfte der Hofstaat zusammen. Wilhelm 1926 auf einem Spaziergang in Doorn

Das nötige Kleingeld für all diesen Luxus kam aus Deutschland. Die demokratische Republik hatte das ursprünglich beschlagnahmte Vermögen des Ex-Monarchen teilweise freigegeben. Und noch mehr: 59 Güterwaggons, beladen mit erlesenen Möbelstücken, Kunstwerken, Waffen und Kleidung, rollten aus Deutschland Richtung Niederlande. Derart ausgestattet richtete sich der Kaiser auf Haus Doorn ein. Und tat, was ein Kaiser nun einmal tat: Er hielt Hof. Prachtvolle Lüster, Gemälde der alten Hohenzollernkönige und erlesenes Geschirr versüßten Wilhelm das Exil ein wenig.

Seine Leidenschaft: Das Holzsägen

Stets träumte der Monarch aber von einer Rückkehr nach Deutschland. Als Hitler 1923 seinen erfolglosen Putschversuch in München unternahm, schrieb Wilhelm zwei seiner ehemaligen Offiziere: "Wenn Ihr mich braucht, ruft mich, ich bin jederzeit bereit, zurückzukehren." Allerdings rief ihn niemand, bei allen politischen Lagern war Wilhelm unbeliebt. Trotzdem versammelte er stets eine Schar treuer Monarchisten um sich, in deren Runde er seinen gefürchteten Monologen freie Bahn ließ.

Als eine "Pest, von der sich die Menschheit so oder so befreien muss", beschrieb der Antisemit Wilhelm beispielsweise Juden und die Presse. "Das Beste wäre wohl Gas", schrieb der Ex-Kaiser 1927 nieder. Worte, die einem heute im Halse stecken bleiben würden.

Wenn er nicht gerade hasserfüllte Reden schwang, widmete Wilhelm sich auf Haus Doorn und dessen gewaltigem Grundstück seiner wahren Leidenschaft: dem Holzsägen. Baum um Baum fiel Wilhelm zum Opfer. Ein Vertrauter notierte: "Der Park wird immer kahler, ein Baum nach dem anderen fällt."

Besucher besichtigen die große Diele im Haus Doorn (Foto: dpa)

Heute ist Haus Doorn ein Museum

Tod im Exil

Auf die Nationalsozialisten, die 1933 in Deutschland die Macht übernahmen, war Wilhelm trotz seiner antisemitischen Äußerungen nicht gut zu sprechen - ebenso wenig wie auf die gescheiterte Weimarer Demokratie. Adolf Hitler hatte keineswegs im Sinn, den mittlerweile greisen Ex-Monarchen zurückzuholen. Die Deutschen würden "die Fahne mit dem Hakenkreuz noch einmal verfluchen", prophezeite Wilhelm, noch bevor er 1941 die Augen für immer schloss und bei Haus Doorn in einem Mausoleum zur Ruhe gebettet wurde. Haus Doorn ist heute ein Museum. Es bietet einen Einblick in die Exiljahre des letzten deutschen Kaisers. Die Bäume auf dem umliegenden Grundstück haben sich inzwischen von Wilhelms Hobby erholt.

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