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Wissen & Umwelt

Der Tod als tägliche Arbeit

Kay-Uwe Liebsch hat schon tausende Schädel aufgebohrt. Er arbeitet als Leichenpräparator - ein seltener Beruf in Deutschland. Mit dem Tod hat er täglich zu tun, auch das ist für die meisten Menschen selten.

Mit dem Tod und Toten wollen sich die meisten Menschen eher nicht beschäftigen. Bei Kay-Uwe Liebsch ist das anders. Verstorbene gehören zu seinem Arbeitsalltag. Er ist Präparator am Institut für Rechtsmedizin im Hamburger Universitätsklinikum. Freiwilligen Besuch bekommt er selten.

Ein Ort zum Wohlfühlen sieht anders aus: Ein langer Flur, links 30 Kühlkammern. Über jedem großen schwarzen Riegel kleben mehrere handschriftliche Zettel: Die Namen der Toten. Am Ende des Ganges ist statt der Namen die Kennzeichnung "Madenfächer" zu lesen. "Dahinter sind Verstorbene, die einen längeren Zeitraum in der Wohnung gelegen haben, bei denen schon ein gewisser Fäulniszustand eingetreten ist, oder die von Maden befallen sind", erklärt Leichenpräparator Liebsch.

Fakten des Todes

Seit 13 Jahren arbeitet er am Institut für Rechtsmedizin des Hamburger Universitätsklinikums. Wenn er nicht gerade eine Zigarettenpause macht, schneidet er hier im Keller Leichen auf. In der Rechtsmedizin kommen mit den Toten auch die Fakten des Todes auf den Tisch. Diese Arbeit hält nicht jeder aus. Doch auch sie muss gemacht werden.

Der Leichenpräparator Kay-Uwe Liebsch zieht Gummihandschuhe über (Bild: dw)

Präparator Kay-Uwe Liebsch

Heute liegt ein 51 Jahre alter Mann auf Liebschs Metalltisch. Er wurde tot in seiner Wohnung gefunden. Nun will ein Angehöriger wissen, woran er gestorben ist. "Verwaltungsleiche" heißt das im Fachjargon und ist ein kostenloser Service des Krankenhauses.

Während Präparator Kay-Uwe Liebsch mit dem Messer gekonnt Schnitte an Brustbein und Bauch setzt, erzählt er, worum es bei der Obduktion geht: "Alles muss entnommen und untersucht werden." Aber ebenso wichtig ist es ihm, den Toten anschließend wieder ordentlich herzurichten, damit Angehörige und Freunde in Würde Abschied nehmen können.

Präparator und Ärztin arbeiten als Team

Über die einzelnen Schritte, die notwendig sind, um die Todesursache festzustellen, erfahren die Angehörigen nichts. Es ist ein Faktencheck, für den der Präparator dem untersuchenden Arzt zuarbeitet. Liebsch entnimmt die Organe in drei Paketen. Während er für das Halspaket den Gaumen des Toten löst, die Zunge herunterdrückt, Mandeln und Lungen in einen silberfarbenen Metallbecher gleiten lässt, schneidet die anwesende Ärztin mit einer Schere in Bauch und Brust. Vorsichtig entnimmt sie das Herz, duscht es ab und untersucht es dann. Danach sind Oberbauch- und Genitalpaket dran. Im Obduktionssaal hängt ein süßlich-metallischer Geruch. Konzentriert arbeitet sich der 43 Jahre alte Präparator weiter vor. "Ich muss jetzt quasi das ganze Becken leer räumen."

Tod durch Herzversagen

Dann geht er ans Ende des Tisches. Der Kopf des Toten ruht auf einem Plastikkeil. Druckvoll zieht Liebsch das Messer vom rechten Ohr am Hinterkopf entlang. "Ich löse zunächst die Kopfhaut, die dann nach vorn geklappt wird." Anschließend muss der Schädel aufgebohrt werden. Nach wenigen Minuten fällt das Gehirn in eine Schädelhälfte und kommt direkt auf den Tisch der Ärztin. Sie schneidet es in Scheiben, denn nur so kann sie sehen, ob sich eventuell Tumore gebildet haben. Dies ist hier nicht der Fall.

Der Tote starb an Herzversagen. Das hat die Ärztin schnell festgestellt. Von den einzelnen Organen werden nun kleine Ecken in ein Glas Formaldehyd geschnitten. Dieser Gewebemix muss für mögliche Nachfragen gelagert werden. Die Angehörigen bekommen nun Klarheit über den Tod ihres Verstorbenen.

Jedem seine Würde geben

Für den Präparator beginnt jetzt sozusagen die Aufräumarbeit. Damit der Leichnam später abgeholt werden kann, wird der Bauchraum mit einer großen Bioplastiktüte ausgelegt. "Die muss sein, damit die Umwelt nicht belastet wird", sagt Liebsch während er sämtliche Organe in die Tüte legt. Auch das Gehirn wandert jetzt in den Bauch. "Das kann nicht in den Kopf zurück, denn sonst würde Flüssigkeit austreten." Stattdessen legt er Zellstoff in Schädel und Hals. Der bindet Flüssigkeit und wird später hart.

Kühlfächer am Institut für Rechtsmedizin im Universitätsklinikum Hamburg (Bild: dw)

Kühlfächer am Institut für Rechtsmedizin im Universitätsklinikum Hamburg

"Für mich ist es das Wichtigste, jedem Menschen seine Würde zu erhalten. Und sie Verwandten sollen später so wenig wie möglich von der Obduktion sehen", sagt Liebsch. Schon greift er nach einer S-förmigen Nadel, sticht in die Haut und näht den Mann wieder ordentlich zu.

Kein Job wie jeder andere

Liebsch ist sich bewusst, dass viele Menschen eine gewisse Abneigung gegen seinen Beruf haben. Er selbst war früher einmal Bestatter. "Ich hatte irgendwie schon immer mit Leichen zu tun", sagt er, und guckt dabei fast ein wenig entschuldigend. Inzwischen ist er leitender Präparator am Institut für Rechtsmedizin. Ein Beruf, der mitten in einem Veränderungsprozess steht. Auf lange Sicht sollen Obduktionen virtuell durchgeführt werden, also mittels einer Computertomographie.

Nach gut drei Stunden in dem 24 Grad warmen Obduktionssaal muss Kay-Uwe Liebsch jetzt mal wieder ins Leben zurück - aus dem Keller ans Tageslicht, eine Zigarette rauchen.