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Wirtschaft

Der (tiefe) Fall des Gáston Azcárraga

Er gehörte zu den 100 einflussreichsten Männern Mexikos. Jetzt fahndet Interpol in 189 Ländern nach dem flüchtigen Unternehmer. Azcárraga soll für den Konkurs der Fluggesellschaft Mexicana mitverantwortlich sein.

Gastón Azcárraga Andrade wird Geldwäsche und Steuerhinterziehung vorgeworfen. Nach Angaben der mexikanischen Staatsanwaltschaft soll er illegal aus dem Verkauf von Vermögenswerten und Aktien der Fluggesellschaft Mexicana erworbenes Kapital für geschäftliche Operationen verwendet und dabei gegen verschiedene Gesetze verstoßen haben. Einzelheiten wurden nicht genannt. Darüber hinaus laufen zwölf Klagen von ehemaligen Mexicana-Angestellten, die Azcárraga vorwerfen, das Unternehmen in den Ruin getrieben und die Anleger getäuscht zu haben.

Der Vorsitzende der Pilotengewerkschaft ASPA, Carlos Díaz Chávez Morineau, begrüßte die Entscheidung der Staatsanwaltschaft als Triumph des Rechts. "Mit Genugtuung stellen wir fest, dass die aktuelle Regierung von der Theorie zur Praxis übergegangen ist. Das zeigt, dass sie sich mit einer für dieses Land wichtigen Angelegenheit solidarisch erklärt: dem Thema Mexicana", erklärte er gegenüber CNN. Dreieinhalb Jahre nach der Pleite warten die rund 8500 ehemaligen Angestellten weiterhin auf ihre Abfindungen und Pensionszahlungen. Sie werfen der Regierung Vicente Calderón, die von 2006 bis 2012 an der Macht war, vor, Azcárraga gedeckt zu haben.

Niedergang nach Privatisierung

Die ehemals staatliche Fluglinie Mexicana, die älteste Lateinamerikas, hat seit ihrer Privatisierung vor einigen Jahren einen beispiellosen Niedergang erlebt. Als die Gesellschaft 2005 privatisiert und von der damaligen Regierung Vicente Fox für 165 Millionen US-Dollar - einen Bruchteil ihres Wertes - an die Gáston Azcárraga gehörende Hotelkette Grupo Posadas verkauft wurde, war sie ein gesundes Unternehmen. Allein die Pensionskasse war mit gut 130 Millionen US-Dollar gefüllt: Geld, das Azcárraga verwendet haben soll, um seine Anteile an der Airline zu erhöhen - und nie zurückzahlte. Mexicana wurde nach der Privatisierung von der Börse genommen und musste seitdem seine Bilanzen nicht mehr öffentlich machen. Fünf Jahre nach der Übernahme hatte das Unternehmen bereits einen Schuldenberg von mehr als 800 Millionen US-Dollar angehäuft, inzwischen ist er auf mehr als eine Milliarde US-Dollar angewachsen. Niemand weiß, wohin das ganze Geld verschwunden ist.

Unternehmenszentrale der Airline Mexicana (Foto: JETdedt)

Der Mexicana-Wolkenkratzer wurde für einen Bruchteil seines Wertes verkauft

Die Gründe für den Niedergang von Mexicana sind jedoch vielfältig. Zu der weltweiten Krise der Luftfahrtbranche und dem Kostenanstieg von Kerosin kam 2009 die H1N1-Epidemie, die den Tourismus in Mexiko in massive Schwierigkeiten stürzte. Seit Jahren gab es in dem Unternehmen zudem harte Tarif-Auseinandersetzungen, das Management kritisierte immer wieder die seiner Ansicht nach zu hohen Löhne. Kurz nach der Übernahme wurden die Gehaltskosten der Piloten um 50 Millionen US-Dollar jährlich reduziert, in ähnlichen Dimensionen wurde auch beim Bodenpersonal gespart. Die Pleite abgewendet hat dies nicht.

Denn Azcárraga und seine Partner haben Kapital abgezogen, ohne neu in das Unternehmen zu investieren. Alles was nicht niet- und nagelfest war, wurde veräußert, darunter der emblematische Mexicana-Wolkenkratzer in Mexiko-Stadt für einen Bruchteil seines Wertes, was zu polemischen Reaktionen führte. Der Konkurs-Richter Felipe Consuelo Soto sollte später von einem "mutmaßlichem Betrug gegenüber den Gläubigern" sprechen, und die Mexicana-Angestellten forderten eine Untersuchung. Allerdings ist Azcárraga nicht der Alleinschuldige. Andere haben zumindest ihre Aufsichtspflicht verletzt: Allein im Aufsichtsrat von Mexicana saßen elf weitere Unternehmer. Im Jahr 2009, als die Zahlungsschwierigkeiten bereits bekannt waren, gewährte die staatliche Bank Bancomext noch einen Kredit über 200 Millionen US-Dollar - auch dieses Geld ist nie zurückgezahlt worden.

Konkursverfahren eröffnet

Check-in Schalter der Airline Mexicana (Foto: Alfredo Estrella/AFP/Getty Images

Das Insolvenzverfahren gegen die Fluggesellschaft ist noch nicht abgeschlossen

Anfang 2010 versuchte die mexikanische Regierung, die beiden größten Fluglinien des Landes, Mexicana und Aeromexico, zu einer Fusion zu bewegen, doch die Eigentümer lehnten ab. Wenige Monate später, am 3. August 2010, beantragte Mexicana Konkurs. Schließlich verkaufte Grupo Posadas seine Anteile an Mexicana, einschließlich der Billigfluglinien Mexicana Click und Mexicana Link, zum symbolischen Preis von 1000 Pesos, rund 70 US-Dollar, an Tenedora K. Bis heute ist unklar, wer genau sich hinter diesem Unternehmenskürzel verbirgt. Auch fand keine ausreichende Prüfung statt, ob Tenedora K überhaupt über ausreichende Mittel für die Rettung der Airline verfügte. Die Anteile der Billigfluglinien Click und Link sollen zudem mit Hypotheken belegt gewesen sein, weshalb der Verkauf gar nicht hätte stattfinden dürfen - von dem lächerlich geringen Verkaufspreis einmal ganz abgesehen.

Am 28. August 2010 schließlich stellte Mexicana den Flugbetrieb ein und es wurde ein Insolvenzverfahren eingeleitet, das bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Verschiedene potenzielle Investoren meldeten ihr Interesse an einer Übernahme von Mexicana an, aber keiner konnte die für eine Rettung benötigten Geldmittel nachweisen.

Berühmte Unternehmerfamilie

Interpol-Zentrale in Lyon (Foto: Jean-Philippe Ksiazek/AFP/Getty Images

Mexiko hat Interpol um Hilfe bei der Festnahme Azcárragas gebeten

Zudem ist auch dreieinhalb Jahre nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens noch keiner der für den Konkurs Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen worden. Insofern ist der Haftbefehl gegen Azcárraga, der in den USA vermutet wird, eine erstaunliche Wendung in dem Drama um die Mexicana-Pleite. Denn Gastón Azcárraga ist nicht Irgendwer. Die Familie Azcárraga Andrade ist eine der einflussreichsten Unternehmerfamilien Mexikos. Ihr gehört unter anderem der Medienkonzern Televisa. Gáston Azcárraga selbst war 23 Jahre lang Präsident der Hotelkette Grupo Posadas, die er von seinem Vater und Gründer Gastón Azcárraga Tamayo übernommen hatte. Heute steht Gástons Bruder, José Carlos Azcárraga, an der Spitze der Hotelkette. Gáston stand in den vergangenen Jahren regelmäßig auf der Liste der 100 wichtigsten Unternehmer Mexikos. Er hatte alles: Geld, ein glänzendes Aussehen, Anerkennung und gute Verbindungen bis in höchste Regierungskreise.

Es ist zwar kaum anzunehmen, dass die sprichwörtlich am Boden liegende Fluggesellschaft je wieder abheben wird, dafür sind die Schulden einfach zu hoch und der Flugbetrieb bereits zu lange eingestellt. Mit dem kürzlich erlassenen Haftbefehl könnte nun immerhin Recht gesprochen werden.

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