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Nahost

Der Tempel der jesidischen Flüchtlinge

Hunderttausende Jesiden sind auf der Flucht vor den Kämpfern der Terrorgruppe "Islamischer Staat". Viele von ihnen harren im Tempel von Lalisch aus. Die meisten haben Schreckliches erlebt. Die DW war vor Ort.

Eingerahmt von einer Hügelkette ragen die spitzen Türme des jesidischen Tempels Lalisch zwischen den Baumkronen empor. Ein ungepflasterter Weg führt den Besucher zum Eingang des Tempels, der nur ein paar Kilometer von der Stadt Shekhan im Norden des Iraks liegt.

Lalisch ist die wichtigste Pilgerstätte der Jesiden. Die kurdische jesidische Gemeinde kommt regelmäßig hierher, um ihre religiösen Feste zu feiern. Doch zurzeit sind viele Menschen im Tempel, die Schutz suchen: Jesiden auf der Flucht vor den Kämpfern der militanten bewaffneten Gruppe, die sich selbst "Islamischer Staat" (IS) nennt und bereits tausende Jesiden ermordet oder gefangen genommen hat. Die Dschihadisten betrachten die Angehörigen dieser Jahrtausende alten Religionsgemeinschaft als Teufelsanbeter.

Khalida Burkat sitzt im Schatten einer Sicherheitsbarriere aus Beton am Eingang des Tempels. Ihr drei Wochen altes Baby schläft in einer Plastikkiste neben ihr: "Wir waren die letzte Familie, die unsere Stadt Sindschar verlassen hat", sagt die 24-Jährige. Zwei Tage nachdem sie ihr Kind zur Welt brachte, kamen die IS-Kämpfer auch bei ihnen an. Die junge Frau und ihr Mann warteten bis zur letzten Minute, bis sie mit ihrem Neugeborenen und ihren drei weiteren Kindern - alle unter sechs Jahre alt - flüchteten.

Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt

Jesidische Flüchtige mit Kind. (Foto: Hermione Gee)

Khalida Burkat musste acht Tage lang mit ihren vier kleinen Kindern in den Bergen ausharren

Die meisten der Menschen, die derzeit in dem Tempel von Lalisch leben, kommen aus dem westlichen Distrikt Sindschar, der zwischen der irakischen Stadt Mossul und der syrischen Grenze liegt. Sie alle berichten von schrecklichen Erfahrungen.

Auch Khalida Burkat und ihr Mann waren zuerst mit ihren vier Kindern auf einen Berg in der Nähe von Sindschar geflüchtet, wo bereits tausende Jesiden Schutz suchten. Die junge Mutter erinnert sich, wie sie auf Pfad zum Gipfel Scharfschützen der IS-Truppen sah, die drei Männer direkt vor ihren Augen erschossen. Oben angekommen wurden die Jesiden von den IS-Kämpfern belagert und verbrachten acht Tage ohne Essen und mit wenig Wasser. "Was sollten wir tun?", sagt Khalida Burkat. "Wir haben einfach Gott um Hilfe gebeten."

Schließlich wurden sie und ihre Familie von Kämpfern der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der kurdischen Peschmerga in Sicherheit gebracht. Doch nicht alle überlebten die Tortur in den Bergen. Basee Elias verlor ihre 50-jährige Schwester: "Sie hatte einen Herzinfarkt. Sie ist aus Angst gestorben." Basee Elias kommt ebenfalls aus einem Dorf, das von den Truppen der IS eingenommen wurde. Die Kämpfer kamen am frühen Morgen des 3. August. Ihr Schwiegeronkel, Khider Elias, war noch im Dorf, als die IS eindrang. "Sie kamen mit etwa 24 Fahrzeugen", erzählt Khider Elias. "Dann hissten sie ihre Flaggen und schrien 'Allahu Akbar' - Allah ist groß. Es waren noch fünf oder sechs Familien im Dorf und ich habe gesehen, wie die IS-Soldaten drei Männer erschossen."

Frauen und Mädchen als Geiseln genommen

Jesiden sitzen auf Boden. (Foto: Hermione Gee)

Khider Elias (links) sah, wie die IS-Kämpfer seine Stadt einnahmen

Andere Bewohner wurden von den IS-Kämpfern entführt. Niemand weiß bisher, was aus ihnen geworden ist. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass manche von ihnen in die Städte Mossul oder Tal Afar gebracht wurden. Dort sind hunderte jesidische Frauen und Mädchen in Geiselhaft. Andere werden auf Märkten wie Sklaven verkauft. "Wir wünschen uns, dass die USA diese Orte einfach zerbombt", sagt Hamat Khalaf. "Diese Mädchen werden vergewaltigt, manchmal von zehn oder 20 Männern. Es ist besser für sie, wenn sie sterben."

Nach allem, was sie durchgemacht haben, sagen viele der Jesiden im Tempel von Lalisch, dass sie nicht mehr zurück in ihre Heimat wollen. Auch nicht, wenn es gelingen sollte, die IS-Truppen zu vertreiben. "Wir haben alles verloren", sagt Khider Elias. "Wenn wir 30 Jahre arbeiten und alles wieder aufbauen, dann kann das alles innerhalb von einer Stunde wieder zerstört und weg sein. Es gibt keinen Grund, zurückzugehen."

Viele Jesiden fühlen sich besonders bedroht, weil ihre Dörfer von muslimischen Siedlungen umgeben sind. Manche erzählen, dass die eigenen muslimischen Nachbarn mit den IS-Dschihadisten kollaboriert haben. "Wir könnten niemals schlafen", sagt Khider Elias: "Wir würden uns nie sicher fühlen."

Kein Vertrauen mehr in die Peschmerga

Jesiden warten auf die Essensausgabe in Lalish. (Foto: Hermione Gee)

Warten bei der Essensausgabe: Jesidische Flüchtlinge bekommen Hilfe im Tempel von Lalisch

Gleichzeitig werfen die Jesiden den kurdischen Peschmerga-Kämpfern vor,

sie nicht ausreichend geschützt zu haben.

Sie hätten versagt, sagt Hamat Khalaf: "Bevor all das passierte, kam die Peschmerga zu uns, nahm uns unsere Waffen ab und sagte: Keine Sorge, wir sind die Peschmerga, wir werden kämpfen." Doch dann geschah nichts, erzählt Hamat Khalaf weiter: "Sie haben uns im Stich gelassen. Es ist sehr beschämend."

Viele der Flüchtlinge, die in Lalisch sind, wollen den Irak nun verlassen und sich der jesidischen Diaspora im Westen anschließen. "Europa, Amerika, Australien - ich will einfach nur dorthin, wo es keine Muslime gibt, keinen Islam", sagt Khider Elias.

Die religiösen Führer der Jesiden versuchen alles, um ihre Gemeinde im Irak beisammen zu halten - doch auch sie sagen, dass sie besser beschützt werden müsse. Der jesidische Mönch Baba Chawish lebt in Lalisch. Auch er will seine Gemeinde im Land behalten: "Kurdistan ist unsere Heimat: Unser Tempel ist hier, unser Leben. Hier wurden die Jesiden erschaffen. Wenn wir unser Zuhause verlassen, dann ist das schlecht für uns und für unsere Religion", sagt der Mönch. "Doch wenn wir nicht in Sicherheit sind, wie können wir die Gläubigen dann auffordern, zu bleiben?"

Jesiden wollen internationale Hilfe

Baba Chawish

hofft auf die internationale Gemeinde,

die die Jesiden gemeinsam mit den lokalen Streitkräften verteidigen könnte. "Wir brauchen Amerika, um uns zu helfen", sagt Chawish: "Amerika, die Peschmerga, die Regierung Kurdistans. Ich denke, dass das hier alles gut ausgehen wird. Alle helfen uns Jesiden."

Auch Luqman Suleiman ist optimistisch. Er ist Lehrer und arbeitet als ehrenamtlicher Reiseführer in Lalisch: "Die Zukunft in Kurdistan wird für die Jesiden positiv sein. Zum ersten Mal nahm Barack Obama das Wort 'Jesiden' in den Mund, Ban Ki-Moon spricht über uns, John Kerry ebenso", sagt Suleiman. "Die ganze Welt weiß von uns."

Suleiman will in Kurdistan bleiben: "Wo soll ich hin? Deutschland? Nein,

lass die Deutschen lieber hierher kommen

und uns hier besuchen. Man kann nicht einfach jedes Mal verschwinden, wenn es Probleme gibt. Wenn wir das täten, wie können wir uns dann jemals ein Leben aufbauen?"

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