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Deutschland

"Der Täter war Südländer"

Jugendliche Straftäter mit Migrationshintergrund werden in Deutschland oft über einen Kamm geschoren. Ein neues Gutachten warnt nun davor, ethnische Gruppen zu stigmatisieren.

Fast jeden Tag ist es in Polizeiberichten zu lesen: "Gesucht wird ein Täter mit südländischem Aussehen." Meldungen wie diese führen zu Vorurteilen gegenüber ganzen Bevölkerungsgruppen. Ein

Gutachten

des Kriminalwissenschaftlers Christian Walburg von der Universität Münster soll nun zeigen, dass die Meinung, junge Migranten begingen generell mehr Straftaten als Jugendliche ohne Migrationshintergrund, "die Dinge zu sehr vereinfacht".

"Zumindest ist es Unsinn, zu sagen, dass junge Migranten wegen ihrer ausländischen Herkunft oder wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgruppe gewaltbereiter sind als andere", stellt

Walburg

klar. "Es geht eher um die jeweilige Lebenslage." Zwar könne man nicht pauschal sagen, dass es keine Unterschiede zwischen jugendlichen Straftätern mit und ohne Migrationshintergrund gibt. Manche Studie, die Walburg in seinem Gutachten ausgewertet hat, sieht allerdings keine großen Unterschiede.

Allgemeine Aussagen kaum möglich

Aufgearbeitet und verglichen hat der Wissenschaftler zahlreiche Studien der vergangenen Jahre. Weil sich die Daten zum Teil widersprechen, sind allgemeingültige Aussagen über die Kriminalität von Jugendlichen kaum möglich. Vor allem Kriminalstatistiken sprechen von einer deutlichen Mehrheit von Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund - vor allem bei Gewaltdelikten.

Jugendkriminalität Symbolbild

Jugendkriminalität ist zwar rückläufig, aber nach wie vor ein Problem

Im Jahr 2013 verzeichnete das Bundeskriminalamt rund 5.200 wegen einer Gewalttat angezeigte deutsche Jugendliche pro 100.000. Die Quote der nichtdeutschen Jugendlichen war etwa doppelt so hoch. "Allerdings liegt das zum Teil auch daran, dass man in Konfliktsituationen eher zu Anzeigen neigt, wenn der Täter einer anderen ethnischen Herkunft entstammt", erklärt Walburg die Zahlen.

Der Medienwissenschaftler Frank Schwab von der Universität Marburg erklärt, warum das so ist: "Das liegt in der menschlichen Natur. Was uns vertraut ist, mögen wir. Was fremd ist, wirkt zunächst einmal tendenziell gefährlich." Deshalb lasse sich die tatsächliche Zahl der Straftaten eher erkennen, indem man die Jugendlichen selbst befragt, ob sie schon einmal Straftaten begangen haben, sagt Walburg. Und da sehen die Zahlen anders aus. Zumindest, was Kleinkriminalität wie Sachbeschädigung und Diebstahl betrifft. An Gewaltdelikten sind Jugendliche mit Migrationshintergrund nach der Mehrzahl der Studien häufiger beteiligt.

Das liege oft daran, dass die nachkommenden Generationen der Migranten oft unter ungünstigeren Verhältnissen aufwachsen. Diese Umstände erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Jugendlicher gewaltätig wird - egal ob er deutsch ist oder einen Migrationshintergrund hat. "Je besser vor allem die Bildungsteilhabe ausfällt, desto mehr verliert Gewalt an Attraktivität, was man sehr gut an den türkischstämmigen Jugendlichen der zweiten und dritten Generation nachvollziehen kann", sagt Walburg.

Wahrheit ist schwer zu überprüfen

Ob die befragten Jugendlichen die Wahrheit sagen, lässt sich allerdings nicht mit Sicherheit feststellen. Vor allem Jugendliche, die Minderheiten angehören, sind oft etwas zurückhaltender, was Informationen über begangene Straftaten betrifft. "Das verfälscht das Bild aber nicht komplett", sagt Walburg. Deshalb würden die Jugendlichen oft anonymisiert befragt, um den Effekt auszugleichen.

Symbolbild Jugendkriminalität Mädchen Gewalt

Die Umstände machen Jugendliche zu Straftätern - egal ob deutsch oder türkisch

Laut des Gutachtens sind die Unterschiede zwischen Migranten und Einheimischen also zumindest bei der Kleinkriminalität gering. Doch warum herrscht weiterhin das Bild des gefährlichen Ausländers? Medienpsychologe Frank Schwab glaubt, dass viele Deutsche über die Medien ein falsches Bild von Straftätern mit Migrationshintergrund bekommen. Gefühlte und reale Kriminalität weiche deshalb stark voneinander ab. "Vor allem bei privaten Medien gilt die Devise "nur schlechte Neuigkeiten sind gute Neuigkeiten'", sagt er. "Die Einschaltquote zählt. Und das Thema Kriminalität, gepaart mit scheinbar bedrohlichen Fremden, funktioniert zu diesem Zweck hervorragend." Vor allem deshalb, weil Menschen sich immer ein möglichst einfaches Bild machen, es aber umso intensiver speichern, sagt Schwab. "Unterbewusst hat man dann immer ein schlechtes Gefühl bei Migranten." Die negative Berichterstattung verstärke das grundsätzlich natürliche, negative Gefühl gegenüber Fremden.

Zahl der Straftäter geht zurück

Dabei geht die Zahl der nichtdeutschen jugendlichen Straftäter laut der offiziellen Statistik des Bundeskriminalamts zurück, ebenso wie die Zahl der deutschen Straftäter. Im Jahr 2013 verzeichnete die Polizei 10.000 jugendliche Tatverdächtige mit Migrationshintergrund weniger als noch 2005. Tatsächlich seien gewisse Migrantengruppen sogar weniger durch risikoreiches Freizeitverhalten gefährdet. Vor allem ein geringer Alkoholkonsum von muslimischen Jugendlichen verhindert daraus entstehende Kriminalitätsrisiken.

Wichtig sei den Erkenntnissen des Gutachtens zufolge nun vor allem eines, sagt Christian Walburg: "Jugendkriminalität ist nicht durch eine bestimmte Herkunft bedingt. Man darf nicht pauschalisieren und von statistischen Auffälligkeiten auf ganze ethnische Gruppen schließen." Denn: "Die Kategorisierung als Kriminelle allein aufgrund einer bestimmten ethnischen Herkunft ist ein negativer Stempel, der für die Betroffenen zu schmerzhaften Abweisungen führt."

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