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Wirtschaft

"Der Systemkonflikt wird bleiben"

Der Weltfinanzgipfel in Washington wird die in ihn gesetzten Erwartungen nur in bescheidenem Maß erfüllen, meint Prof. Udo Steffens im Gespräch mit DW-WORLD.DE.

Professor Dr. Udo Steffens, Vorsitzender der Geschäftsführung und Präsident der Frankfurt School of Finance & Management

Professor Dr. Udo Steffens, Vorsitzender der Geschäftsführung und Präsident der Frankfurt School of Finance & Management

DW-World.DE: Professor Steffens, die Erwartungen an den Weltfinanzgipfel in Washington sind riesengroß. Wie sind denn Ihre Erwartungen an dieses Treffen?

Professor Udo Steffens: Meine Erwartungen sind persönlich und auch aus wissenschaftlicher Sicht relativ moderat. Man darf einfach nicht vergessen, dass Internationale Finanzwirtschaft und Bankwirtschaft, dass das keine Physik ist. Es ist keine Mechanik, wo man an einzelnen Schrauben rumdrehen kann, sondern es handeln eben Menschen, es handeln Institutionen, je nach ihren individuellen Erwartungen. Von daher sollte man dort bescheiden sein und darauf hoffen, dass letztlich zumindest ein koordiniertes, weltweites Vorgehen zur Meisterung der Finanzkrise beschlossen wird.

Das ist in der Tat nicht viel. Die EU wird ja in Washington, so wie es jetzt aussieht, mit klarer Stimme sprechen. Man hat einen klaren Zeitplan vor Augen und man hat auch klare Forderungen, was reguliert werden sollte. Meinen Sie, dass das den Graben gleich von Anfang an viel zu tief aufreisst?

Das glaube ich eher nicht. Aber ich denke, mehr Regulierung wird es wohl sein, worauf es hinausläuft. Man wird schauen, bei welcher Institution man das schließlich ansiedeln wird. Es war ja schon erstaunlich, dass der Internationale Währungsfonds bei dieser globalen Krise in den ersten Monaten, ja fast im ersten Jahr, überhaupt nicht sichtbar war. Man versucht jetzt natürlich, den IWF wieder etwas mehr in die Position zu bringen, um ihn auch eben für diese Fragestellung besser nutzen zu können. Da sitzen nämlich viele viele kluge Leute, die das eventuell übernehmen können.

Aber nehmen Sie Briten und Amerikaner. Wenn man in deren Gegenwart auf G8-Gipfeln in den vergangenen Jahren über mehr Transparenz an den Finanzmärkten gesprochen hat, dann haben die milde gelächelt und das tun sie, glaube ich, auch jetzt noch. Also wie will man denen beibringen, dass diese Krise ja doch wirklich systemisch riskant ist? Und zwar nicht nur für Großbritannien und Amerika?

Diesen Konflikt - wie viel Staat braucht man in einem marktwirtschaftlich kapitalistischen System - werden wir weiter beibehalten. Insbesondere mit der mehr englisch-amerikanischen Orientierung, die doch deutlich mehr pro Markt ist, mehr auf die Entfaltung individuelle Freiheit setzt. Aber man muss auch deutlich sagen, dass es nicht die kontinental-europäischen Bankensysteme waren, die diese Krise ausgelöst haben. Im Gegenteil, sie haben sich durchaus - insbesondere Frankreich, Deutschland, Spanien, aber auch Italien - als stabilisierend erwiesen hinsichtlich des globalen Finanzsystems. Dieser Systemkonflikt, dieser ordnungspolitische Konflikt, wird bleiben. Da gibt es auch – wenn sie so wollen – kein Passepartout, es gibt nicht den richtigen Schlüssel für diese globale Krise. Ich glaube daher eben nicht, dass es das große Mirakel der Lösung aller Probleme geben wird. Sondern es wird in diesen komplexen Welten eben nur andere Grautöne geben, die dann eben eine Besserung langsam herbeiführen werden.

Also die ganz große Enttäuschung bleibt uns erspart?

Ich glaube, die große Enttäuschung bleibt uns erspart. Man ist gezwungen zu Schritten nach vorne, zu einer besseren Regulierung. Zum Beispiel hinsichtlich der Aufsicht von Rating-Agenturen, die ja durchaus diese Dinge mit veranlasst haben und da prinzipiell unbeaufsichtigt sind. Aber man sollte das Kind auch in Deutschland nicht mit dem Bade ausschütten. Es gibt durchaus Gründe dafür, dass man sagen kann: Schuld an der Krise sind weder die Investmentbanken noch waren es die Private-Equity-Institutionen noch waren es die Hedgefonds. Es war wahrscheinlich - so neuere erste Forschungsergebnisse - der Risikoappetit der normalen Universalbanken. Weil sie eben mit diesen berühmten Renditeanforderungen an das Eigenkapital so stark zu kämpfen hatten, dass sie in risikoreichere Anlagen gehen mussten und damit eben auch letztlich die Suprime-Krise erst ermöglicht haben. Irgendjemand musste die verbrieften Schulden ja kaufen und es wurde, wie wir wissen, gekauft. Somit ist da überhaupt ein Käufermarkt entstanden.

Und: Man darf auch nicht vergessen, man muss schauen, wie sich das für die Schwellenländer und die Entwicklungsländer auswirkt. Denn wir hatten lange gedacht, na ja, die werden vielleicht mit einem blauen Auge davon kommen. Aber man sieht jetzt schon, dass sich die klassische Währungskrise in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern, zum Beispiel Ungarn, zum Beispiel Rumänien negativ auswirkt. Aber auch in den klassischen Entwicklungsländers in Afrika und Asien: Dort wird eben das Geld abgezogen, was man zum Stopfen der Löcher braucht. Das macht die Refinanzierung für diese Länder noch schwieriger. Von daher muss man einfach auch damit rechen, dass gerade auch die Fragestellung der Eine-Welt-Politik, der Gerechtigkeit in Richtung der Entwicklungsländer, das auch die stark leiden wird.

Professor Dr. Udo Steffens ist Vorsitzender der Geschäftsführung und Präsident der Frankfurt School of Finance & Management. Er hat eine Professur für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre.