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Europa

Der Symbole sind genug...

Vor 20 Jahren hatte der französische Präsident Mitterrand Vorbehalte gegen eine schnelle Wiedervereinigung. Am 9. November 2009 feiert Präsident Sarkozy nun gemeinsam mit Angela Merkel den Fall der Mauer in Berlin.

Foto vom Arc de Triomphe in Paris (Foto: picture-alliance)

Deutschlands wichtigster Partner: Frankreich

DW-WORLD.DE spricht mit Publizist und Politikwissenschaftler Alfred Grosser. Grosser wurde 1925 in Frankfurt am Main geboren - nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten floh seine Familie 1933 nach Frankreich. Der heute 84-jährige hat viele Bücher über Deutschland und Frankreich veröffentlicht und ist eine Institution in den deutsch-französischen Beziehungen.


DW-WORLD.DE: Herr Professor Grosser, haben die Franzosen den Fall der Mauer als Glücksfall empfunden?

Portraitaufnahme von Alfred Grosser (Foto: dpa)

Publizist und Politologe: Alfred Grosser

Alfred Grosser: Nach allen Umfragen war die Freude allgemein beim Mauerfall – ohne Ausnahme. Man fühlte, dass endlich die Freiheit weiterging. In seinem letzten Buch hat Richard von Weizsäcker noch einmal dem damaligen EU-Kommissionspräsidenten aus Frankreich, Jacques Delors, gedankt, der aus Brüssel alles getan hat, um die Wiedervereinigung als erste Osterweiterung der Freiheit zu feiern. Es war die erste Erweiterung, dann kamen 2004 die anderen dazu.

Wie ist es zu erklären, dass Präsident Mitterrand nach dem Fall der Mauer noch in die DDR gereist ist?

François Mitterrand hielt die Einheit wohl 1989 zunächst für gefährlich. Und so stärkte er noch einmal diesen Staat, der sich sowieso gerade liberalisierte. Ganz ähnlich haben ja auch viele deutsche Politiker gedacht. Um Mitterrand gab es Berater, die bis zum Schluss versucht haben, die Russen davon zu überzeugen, den Wiedervereinigungsprozess zu bremsen. Der Präsident selbst hat die Einheit dann aber schnell unterstützt.

Wie hat sich nach dem Fall der Mauer das Bild der Franzosen auf Deutschland verändert?

Karte von Deutschland und Frankreich (Grafik: DW)

Ich finde an sich furchtbar wenig. Die Gefühle Deutschland gegenüber haben sich normalisiert. Mit einigen Ausnahmen zeigen die Umfragen immer: wir sind gute Freunde, es ist gut, dass Deutschland wiedervereint ist. Anklagen gegen Deutschland oder Sorge um Deutschland gibt es nur bei einigen Intellektuellen, die sich vor einem neuen Drang nach Osten fürchten. Das letzte Beispiel dieser Angst war meiner Ansicht nach bei Präsident Sarkozy: der Wunsch einer Mittelmeerpolitik ohne Deutschland im falschen Glauben, dass die Bundesrepublik Osteuropa beherrschen würde.

Auch wenn es keine Angst mehr vor Deutschland gibt, scheint Deutschland in Frankreich nicht besonders attraktiv zu sein. Die Zahlen der Deutschlerner an den Schulen sinken und touristisch gilt der östliche Nachbar - abgesehen von Berlin – nicht gerade als attraktives Ziel. Ist das ein freundliches Desinteresse?

Foto der Pop Band Tokio-Hotel während eines Konzerts (Foto: AP)

Für junge Franzosen ein wichtiges Argument fürs Deutschlernen: Tokio Hotel

Auch in Deutschland geht ja die Zahl der Französischlerner zurück. Englisch ist eben leichter. Die Verwaltung tut alles, damit es nur eine Sprache gibt. Und als zweite Sprache setzt sich immer mehr Spanisch durch: das gilt auch als leichter zu lernen als Deutsch. Der Rückgang der deutschen Sprache ist natürlich bedenklich, hat aber mit dem Interesse an Deutschland wenig zu tun. Tourismus gibt es außer nach Berlin in der Tat wenig. Und in Berlin geht es vor allem um Berlin Mitte. Wenn ich Franzosen frage, warst Du schon auf dem Kurfürstendamm, dann fragen die zurück: was ist denn das? Berlin Mitte – nur das ist für viele Berlin.

Und wie läuft es politisch zwischen Paris und Berlin?

An der Spitze geht es wieder besser. Unter anderem weil Sarkozy keine Hoffnungen mehr auf England setzt. Das ist seit 50 Jahren so: dem Paar geht es gut und dann denkt einer an einen Liebhaber: Großbritannien. Wenn der Liebhaber verschwindet, geht es dem Paar wieder gut. Jetzt verträgt man sich wieder und macht vieles gemeinsam, bis Sarkozy wieder andere Ideen hat, aber momentan hängt er sehr am Bündnis mit Deutschland.

Welche neuen Projekte müssen Deutschland und Frankreich jetzt in Angriff nehmen?

Erst einmal müssen die alten Projekte gut gemacht werden. Beispiel EADS: Der EADS-Chef hat es mit den Gewerkschaften von Toulouse zu tun, die gegen die Gewerkschaft aus Hamburg streiten. Dieser Streit verhindert eine gemeinsame, grenzübergreifende Sozialpolitik. Auch bei Projekten, die grundsätzlich gelungen sind, fehlt also noch viel.

Trotzdem denkt die französische Seite über neue Initiativen nach. Was kann man davon erwarten?

Foto vom Händedruck zwischen Bundeskanzler Kohl und Präsident Mitterrand vor 25 Jahren in Verdun (Foto: Ullstein-Bild)

Symbolischer Händedruck: Bundeskanzler Kohl und Präsident Mitterand in Verdun

Der Symbole sind genug! Das ist Vergangenheit. Schön war der Handschlag von Helmut Kohl und François Mitterrand in Verdun. Das war sehr gut als Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Für den Zweiten Weltkrieg hätten sie sich in Dachau die Hand geben müssen: als Erinnerung an die gemeinsame Gefangenschaft von Deutschen und Franzosen. Jetzt versucht Sarkozy auch so etwas zu erfinden wie die Geste zwischen Kohl und Mitterrand.

Wie sehr fremdelt Sarkozy mit Deutschland?

Er kann kein Deutsch und auch nicht richtig Englisch. Im Allgemeinen können unsere französischen Politiker überhaupt keine Fremdsprache. Sarkozy kennt Deutschland nicht, aber tut derzeit alles um zu zeigen, dass ihm Deutschland wichtig ist.


Das Gespräch führte Andreas Noll
Redaktion: Heidi Engels

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