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Der Sturz in die Fluten

Flut, Fluten, Sintflut, Hochwasser, Überschwemmungen: Mit diesen Begriffen verbinden wir Wasser im Übermaß. Allerdings geht es begrifflich manchmal etwas durcheinander.

Audio anhören 06:21

Der Sturz in die Fluten

In Deutschland hatten wir bislang – anders als in vielen anderen Ländern weltweit während der Monsunregenzeit – nicht so häufig damit zu tun: Hochwasser. Die großen wie das sogenannte Weihnachtshochwasser 1993, bei dem viele Städte entlang des Mittel- und Niederrheins, des Mains und der Mosel überflutet wurden, oder das der Elbe im Jahr 2002, wie auch das Oderhochwasser 2010 blieben im Gedächtnis.

Ein bestimmtes Fachvokabular

Das Gebäude in Köln am Rheinufer in der Altstadt, Auf der Vorderseite steht Pegel Köln und die Wasserstandsanzeige steht auf 1,67 Meter (picture-alliance/dpa/R. Scheidemann)

Der Pegelstand in Köln

Und wer keine Meteorologin und kein Meteorologe ist, eignet sich spätestens zu dieser Zeit ein bestimmtes Vokabular an. Denn die Meldungen etwa im Radio oder im Fernsehen hören sich dann in etwa so an:

„In Köln steht der Hochwasserpegel jetzt bei mehr als 10,63
Meter. / Das Rheinhochwasser in Köln hat am Vormittag die Rekordmarke von 10,63 Meter an Weihnachten 1993 überschritten. / Der Scheitelpunkt der Flutwelle wird am Nachmittag erwartet. / Nach Ansicht von Experten könnte der Rhein den Jahrhunderthochwasserpegel von 10,69 Meter am Neujahrstag 1926 noch übertreffen. / Die Überschwemmungen werden voraussichtlich bis Ende der Woche anhalten. / Auch in anderen Teilen Deutschlands hielten die Überflutungen an.“

Die Flut – eine Strafe Gottes?

„Pegel“, „Überschwemmung“, „Überflutung“, „Jahrhunderthochwasser“ – diese Wörter klingen uns eigentlich vertraut in den Ohren. Aber ein „Jahrhunderthochwasser“ sollte es doch eigentlich nur einmal in hundert Jahren geben. Weil das Hochwasser in Köln damals, 1993, aber höher stand als je zuvor, musste noch eine Steigerung gefunden werden.

Und so lauteten die Schlagzeilen: „Jahrhundertflut in Köln“, oder „Die große Flut“. Das klingt vor allem noch bedrohlicher als „Hochwasser“. Denn bei „Flut“ schwingt auch ein bisschen die „Sintflut“ mit, die große Flut, die in der Bibel beschrieben wird. Die große Sintflut war eine Strafe Gottes, mit der er alles auf der Erde zerstörte. Aber Hochwasser und Flut – das sind eigentlich zwei verschiedene Dinge.

Begriffliche Unterschiede

Eine Springflut mit riesigen Wassermassen von rund sechs Metern überspülen einen ins Meer führenden Steg an der Küste Englands (picture-alliance/Zumapress/K. Morris)

Bei einer Springflut überwindet das Meerwasser alle Hindernisse

Ein Fluss führt Hochwasser. Um eine Flut zu betrachten, müssen wir uns dem Meer zuwenden. An Deutschlands Nordseeküste ist die Flut ein alltägliches Ereignis, nämlich im Wechsel von Ebbe und Flut. Kommt es an den Meeren einmal zu besonders hohen Wasserständen, so sprechen wir von „Springflut“ oder von einer „Flutwelle“.

Dann sind auch die Küstenbewohner von einer „Flutkatastrophe“ bedroht. An den Flüssen sprechen wir allerdings von „Hochwasserkatastrophen“. Dennoch ist in den Berichten über das Hochwasser viel von den „Fluten“ des Rheins, von „Überflutungen“ und „Überfluten“ zu hören. Denn wenn sehr viel, zu viel Wasser fließt, dann sagt man „überfluten“ oder „fluten“ – zum Beispiel: „Das Rheinwasser flutet in die Straßen und Keller“.

Die Flut hat’s im Übermaß: Sprachbilder

Sonnenstrahlen fluten durch ein Fenster in einer Kirche (picture-alliance/Anka Angency/G. Lacz)

Das Licht flutet in den Raum und erhellt ihn

„Fließen“ und „fluten“ sind auch sprachhistorisch miteinander verwandt. Aber „fluten“ meint immer eine große Menge, auch im übertragenen Sinne. So wie Wassermassen über die Ufer fluten, kann auch eine Menschenmenge in den Konzertsaal fluten. Oder Sonnenlicht: Es flutet durch das Fenster ins Zimmer. Schließlich sprechen wir auch von „Flutlicht“, das mit großen Scheinwerfern Sportplätze beleuchtet.

In Redewendungen findet „Flut“ auch in dieser übertragenen Bedeutung statt. Egal, ob es die Flut der Leidenschaft, die Flut von Briefen oder die Flut von Protesten ist. Wenn wir uns allerdings „in die Fluten stürzen“ begehen wir keinen Selbstmord. Es ist eine scherzhafte Wendung dafür, voller Freude ins Wasser zu springen, schwimmen zu gehen. Wer das mit einer sogenannten „Arschbombe“ tut und sich den Unmut der anderen zuzieht, kann sich denken: „Nach mir die Sintflut!“ Mir ist das völlig egal!

Ebbe und Hochwasser in Redewendungen

Der Designer Thom Browne trägt bei einer Gala eine schwarze Anzughose, die unten zu kurz ist (picture-alliance/dpa/D. Ward)

Manche Hochwasserhose kann auch stylish sein

Die Gezeiten von Flut und Ebbe finden sich auch in der Sprache wieder. So kann beispielsweise eine Flut von Protesten wieder „abebben“ oder „verebben“, womit auch die Ebbe im übertragenen Sinne auftaucht. Besonders unangenehm ist natürlich eine Ebbe in der Kasse oder in einem Portemonnaie. „Bei mir herrscht Ebbe im Portemonnaie“ heißt: „Ich habe nur wenig Geld.“

Das Hochwasser hingegen hat sich kaum in Redewendungen oder Bildern niedergeschlagen. Lediglich „Hochwasserhosen“ gibt es: wenn jemand nämlich eine lange Hose trägt, die ihm viel zu kurz ist.

Goethe und das Hochwasser

Dass das Thema auch bereits Dichter und Denker wie Johann Wolfgang von Goethe beschäftigte, zeigt sich in seiner Ballade „Johanna Sebus“. Auf Bitten eines Bürgermeisters vom Niederrhein schrieb er am 11. und 12. Mai 1809 die Zeilen über die Heldentat eines jungen Mädchens, seine Mutter aus dem Hochwasser retten zu wollen. Spätestens, nachdem man das Gedicht http://bit.ly/2luD4se gelesen hat, dürfte klar sein, dass im Angesicht unermesslicher Wassermassen die begriffliche Unterscheidung zwischen Flut und Hochwasser ziemlich egal sein dürfte. Aber es musste ja mal gesagt werden.

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