1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Der Stein des Anstoßes

Ein Künstler will mit seinem Steine-Projekt Kulturen verbinden, doch nun gibt es Streit. Indianer in Venezuela fordern ihren Stein zurück, der Künstler sieht sein Lebenswerk bedroht. Eine Lösung ist schwierig.

Stein der Liebe aus Venezuela des Künstlers Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld (Foto: AP)

Global Stone Projekt im Berliner Tiergarten

Die Sache ist verzwickt. Im Berliner Tiergarten liegen fünf riesige Steine, die der Künstler Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld aus fünf Kontinenten hat kommen lassen. Er hat sie bearbeitet und so aufgestellt, dass sie jedes Jahr am 21. Juni das Sonnenlicht in Richtung der jeweiligen Schwestersteine reflektieren, die in den Herkunftsländern aufgestellt sind. Der erste Stein, den der Bildhauer nach Berlin gebracht hat, ist der Liebe gewidmet. Doch ausgerechnet dieser sorgt für Streit.

Was ist passiert? Ende 1998 reist Kraker von Schwarzenfeld nach Venezuela, "vollkommen unbedarft", wie er selber einräumt. Er spricht mit einer Museumsdirektorin über sein "Global Stone Projekt" und wird weiter gereicht, bis er schließlich beim Direktor der venezolanischen Nationalparks landet. Er sei, so Kraker von Schwarzenfeld, dem gefolgt, was man ihm vorgeschlagen habe, nämlich einen Felsbrocken aus dem Nationalpark Canaima im Südosten Venezuelas  heben zu lassen. "So bin ich an den Stein der Gran Savana gekommen", sagt er. In der Region leben auch die Pemón-Indianer, die zu den Ureinwohnern Venezuelas gehören. Der Künstler ahnt zu diesem Zeitpunkt nicht, welche Verwicklungen das noch mit sich bringen wird. Anfang 1999 wird der Stein aus dem lateinamerikanischen Land in Richtung Berlin transportiert. In der Tasche hat der neue Besitzer eine Schenkungsurkunde und die Genehmigung der Umweltbehörde.

Nur Opfer von Missverständnissen?

Der Künstler Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld (Foto: dpa)

Kraker von Schwarzenfeld: sieht sich zu Unrecht beschuldigt

Kurz zuvor war Hugo Chávez zum ersten Mal zum Präsidenten Venezuelas gewählt worden, und leitete eine neue Ära ein. Als erster Präsident mit indigenen Wurzeln ließ er 2003 die Verfassung ändern und schrieb dort die Rechte der Ureinwohner fest. Ebenfalls 2003 fordert Chávez erstmals die Rückgabe des Steins, den die Pemón Kueka nennen. Dem Künstler Kraker von Schwarzenfeld wird mittlerweile vorgeworfen, den Stein illegal außer Landes gebracht zu haben. Und nicht nur das: der Stein habe eine religiöse Bedeutung, sei  sehr heilig und müsse zurück an seinen Platz. Raúl Grioni, Präsident des Instituts für Kulturerbe in Caracas, beschuldigt den Künstler, die Umweltschutzordnung seines Landes und den heiligen Kult der Pemón-Indianer verletzt zu haben. Zudem sei die Schenkungsurkunde ungültig, weil der Beamte seinerzeit nicht die Vollmacht gehabt habe, das Papier zu unterzeichnen. Die Staatsanwaltschaft in Caracas wirft dem deutschen Bildhauer "Schmuggel in schwerwiegendem Fall" vor.

Pemó-Indianer an einem Fluss in Venezuela (Foto: dpa)

Pemón-Indianer in Venezuela

Kraker von Schwarzenfeld sieht sich als Opfer einer Verkettung von Missverständnissen, die schon beim Abtransport vor gut 13 Jahren begonnen haben. Damals war der LKW in eine Straßenblockade im Zusammenhang mit einer Umweltprotestaktion geraten und festgehalten worden. Das seien aber nicht Pemón-Indianer, sondern Umweltaktivisten gewesen, sagt der Bildhauer "Die konnten sich nicht vorstellen, dass es eine Genehmigung gibt, diesen gut 30 Tonnen schweren Stein aus dem Naturschutzgebiet zu nehmen. Und so haben sie einfach behauptet, der Stein ist gestohlen", ergänzt er. Und ist überzeugt, dass der Stein niemals ausgesucht worden wäre, hätte er eine besondere oder gar religiöse Bedeutung gehabt. Der Religionsethnologe Bruno Illius, der sich seit 20 Jahren mit der Kultur der Pemón-Indianer befasst, unterstützt Kraker von Schwarzenfeld in dieser Argumentation und sagt: "Der Stein ist erst durch die Presse wichtig geworden; dann wurde er mythisch, dann heilig, und schließlich zum 'Gottesstein'." Allerdings gebe es in der Tradition der Pemón keine Götter, sondern allenfalls mythische Heroen. Aber auch einen solchen stelle der Stein nicht dar. Illius sieht in der Forderung der Rückgabe eine Propagandaaktion für die kommenden Wahlen in Venezuela (Oktober 2012).

Mythologie versus Politik

Der Religionsethnologe Bruno Illius (Foto: dpa)

Bruno Illius: Die Pemón kennen keine Götter

Offenbar vermischen sich bei der Auseinandersetzung um den Steinkoloss Politik und Mythologie, und es ist nicht klar, wer wen für welche Argumente instrumentalisiert. Der frühere deutsche Botschafter in Caracas, Georg Clemens Dick, legt beiden Seiten nahe, Distanz zu ihren Positionen einzunehmen. Man müsse sich jenseits des rein juristischen Besitzbegriffes mit der jeweils anderen Perspektive befassen. Das Berliner Auswärtige Amt, das sich ebenso wie venezolanische Behörden mit dem Streit befasst, sieht der frühere Diplomat in der Vermittlerrolle. Und glaubt, dass eine Entpolitisierung des Konflikts eine Lösung ermöglichen könnte. Sollte die Regierung in Venezuela, wie angedeutet, bereit sein, die Rückführung des Kueka und einen Ersatz-Stein zu zahlen, müssten Deutschland und der Künstler das respektieren. Letzterer fühlt sich so oder so benachteiligt, denn der 79-Jährige sieht sein Lebenswerk in Gefahr: "Ich habe 15 Jahre an diesem Projekt gearbeitet und meine ganze Altersrücklage investiert." Er sei aber bereit, so ergänzt Kraker von Schwarzenfeld, einen neuen Stein aus Nord- oder Südamerika zu bearbeiten, wenn ihm die Finanzierung garantiert werde. Er selber habe dazu keinerlei Möglichkeiten, und ergänzt, er bedauere das Gezänk. Denn letztlich gehe es nicht um den Stein, sondern um die Rechte der Indigenen Venezuelas. Dafür aber könnten sich nur die Regierung Venezuelas und die Venezolaner einsetzen.