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Sport

"Der Sportler muss verstehen, wer er ist"

Mentalcoach Steffen Kirchner spricht im DW-Interview über den Weg, mit bestimmten Strategien über die innere Einstellung zum Erfolg zu kommen. Das funktioniert angeblich im Sport genauso wie in der Wirtschaft.

DW: Herr Kirchner, Sie coachen nicht nur Sportler, sondern auch Manager und Angestellte. Das ist eine große Bandbreite. Wie stellen Sie sich auf Ihr Gegenüber ein?

Steffen Kirchner: Es ist eigentlich egal, ob ich im Spitzensport oder in der Wirtschaft arbeite. Es hat mit Wahrnehmung zu tun. Ein guter Coach ist jemand, der nicht viel redet, sondern wahrnimmt und der den anderen erst einmal sprechen lässt. Den Beruf, den ich ergriffen habe, ist ein Beruf, den bis heute die Physiotherapeuten hatten, die Masseure. Die Jungs und Mädels werden massiert und bauen über die Körperlichkeit eine Vertrauensebene auf. Man braucht aber etwas mehr als nur einen Zuhörer. Man braucht jemanden, der einen durch einen Prozess begleitet, der das Know-How hat und bestimmte Techniken und Strategien kennt, um bestimmte Probleme zu lösen. Es gibt größere Themen im Leben, wo man dran arbeiten muss, da hilft reden nicht mehr. Da ist der Mentalcoach gefordert.

Welche Themen sind das, gehen die über den Sport hinaus?

Mit einem Turner spreche ich wenig über das Turnen. Ich kann selber nicht turnen. Ich kann nicht mal Schlittschuhlaufen, betreue aber Eishockey-Bundesligaspieler. Es geht meistens um ganz persönliche Dinge: Motivationsthemen, Beziehungsprobleme mit dem Trainer, jemandem aus der Mannschaft, dem Manager, den Fans oder dem Partner, Selbstvertrauensprobleme, Versagensängste. Es sind Lebensthemen. Profisportler sind gut in ihrem Element und haben dort unglaubliche Stärken, haben aber in anderen Bereichen eklatante Schwächen.

Mentalcoach Steffen Kirchner mit deutschem Olympia-Turner Marcel Nguyen (Foto: PR Agentur für Public Relations, Isabelle Reessing)

Steffen Kirchner (l.) arbeitete auch mit Olmypia-Silber-Medaillen-Gewinner Marcel Nguyen (r.) zusammen

Sie setzen also bei dem Menschen an, der sich selbst erst einmal annehmen muss, um sich im sportlichen Bereich wieder zu verbessern?

Ja, das ist so. Es geht darum, dass ein Mensch versteht, wer er selber ist. Er muss verstehen, warum welche Prozesse in seinem Körper und im Kopf ablaufen. Das nennt man Psycho-Edukation. Wenn man also versteht, warum man sich fühlt, wie man sich fühlt, und warum bestimmte Menschen oder Umstände passieren und reagieren, kann man lernen, das zu steuern, zu kontrollieren und zu verbessern - oder mit Dingen, die man nicht kontrollieren kann, besser umzugehen.

Klingt ziemlich simpel. Machen wir es mal konkret: Ein Golfspieler, den Sie einmal beraten haben, hatte Probleme mit einem Standardschlag, der plötzlich nicht mehr funktioniert hat. Was haben Sie ihm geraten?

Ich habe ihm gesagt: Du glaubst, dass Du eigentlich vier, fünf Meter vom Ziel weg bist - also ewig weit. In Wirklichkeit bist Du aber bloß einen Millimeter vom Ziel weg. Wenn ich mir die Schlagfläche anschaue, wie ich den Ball treffe, ob ich die Schlagfläche nun 90 Grad oder im Winkel von 91 Grad halte - dieses eine Grad, dieser eine Millimeter macht im Ergebnis einen Unterschied von drei, vier Metern aus. Und das nahm ihm den Druck, weil er verstanden hat: Ich bin gar nicht so weit weg vom Ziel, sondern in der Setzung meiner Ursache fast am Ziel - es ist nur eine Kleinigkeit. Es ist oft so, dass die Leute nicht ihr ganzes Leben ändern müssen, sondern es ist oft nur ein Gedanken-Switch, eine andere Wahrnehmung, eine andere Perspektive.

Wie werden Sie von den Sportlern angenommen und akzeptiert - gerade bei einer Mannschaftssportart wie Eishockey gibt es sicherlich Vorurteile?

Wenn man ehrlich und authentisch ist und nicht versucht, die Leute zu verändern, dann folgen einem die Leute. Auch die harten Eishockeyspieler, bei denen man immer meint, die wollen mit so etwas nichts zu tun haben - auch die folgen. Auch da fließen mal Tränen, das ist ganz normal. Bei einer Mannschaft mit 20 Spielern im Kader kann es sein, dass ich mit drei oder vieren kein Wort in der Saison wechsel, mit anderen ganz viel, das ist bei jedem anders.

Mentalcoach Steffen Kirchner bei einer Podiumspräsentation (Foto: PR Agentur für Public Relations, Isabelle Reessing)

Ob vor großem Publikum oder im Einzelgespräch - Steffen Kirchner in seinem Element

Wenn Sie aber ein großes Publikum haben - wie bei Ihren Podiums-Auftritten in Firmen - haben Sie da eine Formel für alle?

Auf keinen Fall, das wäre ja schlimm, dann wären wir ja alle Maschinen. Aber es gibt Grundsatzgesetzmäßigkeiten. Es gibt zum Beispiel gewisse Grundbedürfnisse, die tatsächlich für jeden Menschen gleich sind. Jeder Mensch möchte sich bedeutsam fühlen, keiner will in der Masse untergehen. Jeder Mensch will sich verbunden fühlen und Spaß und Begeisterung in seinem Leben erfahren. Das sind emotionale Grundbedürfnisse, die tatsächlich für jeden Menschen gelten. Darüber kann man etwas erzählen, da kann man die Menschen inspirieren, dass sie die Klarheit bekommen - auf diese Punkte muss ich in meinem Leben schauen. Wie die das dann umsetzen in ihrem Leben, anhand der individuellen Persönlichkeit, die jeder hat, anhand der individuellen Umstände, ihres Berufes, da braucht jeder seine eigene individuelle Strategie.

Steffen Kirchner, selbst Tennis- Leistungssportler, arbeitet als Mentalcoach und coachte unter anderem die deutsche Turner-Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in London 2012, die DEL-Profis der Kölner Haie, sowie Basketballer, Skeletonis, Bobfahrer, Leichtathleten, Motorcrossfahrer und Dressurreiter. Der Motivationstrainer hält zudem Impulsvorträge zu den Themen Motivation, Führung, Krisenmanagement, Veränderungsbereitschaft und Teamerfolg bei großen Unternehmen.

Das Interview führte Olivia Gerstenberger.

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