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Wirtschaft

Der Spielemacher

Der Deutsche Torsten Reil entwickelt Spiele für das iPhone – mit einer Animationssoftware, die auf biologischer Forschung beruht. Sein Start-Up-Unternehmen gehört zu den erfolgreichsten der Branche.

Szene aus aus dem Handy-Spiel 'Backbreaker' (Screenshot: NaturalMotion)

Szene aus aus dem Handy-Spiel "Backbreaker"

Picnic hat schlechte Laune. Missmutig trabt der braune Araber über die Weide, schüttelt seine lange Mähne und will einfach nicht zum Zaun kommen. Aber Torsten Reil weiß, womit er sein Pferd locken kann. Er füllt einen roten Plastikeimer mit einer Mischung aus Hafer und Roggen und hält ihn Picinic direkt unter die Nase. Der 38-Jährige Biologe kennt sein Pferd genau. Schließlich hat er es erfunden: als App für das iPhone.

"Am Anfang sah es aus wie eine Kuh", sagt Reil. Monatelang haben der Chef des Spieleherstellers NaturalMotion und sein Team an "My Horse" gearbeitet, das im September 2011 auf den Markt kam. Rund um die Uhr waren Programmierer und Grafiker von Reils Firma damit beschäftigt, das Spiel zu testen, zu verbessern, zu polieren. "My Horse" ist eine Art Tamagotchi für das Handy: Wer sich um sein virtuelles Pferd kümmert, es pflegt und füttert, kann sich die Zuneigung des Tieres erarbeiten. Und tatsächlich: Picnic schnaubt zufrieden und frisst. Nur steht Torsten Reil nicht auf einer Weide, sondern in seinem Arbeitszimmer im 24. Stock eines Hochhauses mitten in San Francisco.

Das Pferd Picnic aus dem Handy-Spiel (Screenshot: NaturalMotion)

Dieses Pferd hat mehrere Millionen Pfleger

Anziehungspunkt San Fancisco

Vor einigen Monaten ist er von Oxford, dem Hauptquartier seiner Firma, nach Kalifornien gezogen. "Ich liebe diese Stadt", sagt er und zeigt auf die breite Fensterfront. Von hier aus kann Reil nicht nur bis zu den vernebelten Hügeln am anderen Ende der Stadt schauen, sondern auch auf markante Gebäude in Downtown. Auf die Transamerica Pyramid etwa, aber auch auf den großen Spielehersteller Zynga. Die Wichtigsten der Branche haben hier ihr Quartier.

Für Spieleentwickler ist die nordkalifornische Metropole längst ein Anziehungspunkt geworden, und mit Blick auf iPhone und iPad gehört Reils Firma mittlerweile zu den wichtigsten.

Vor fast zehn Jahren hat Torsten Reil das Start-Up-Unternehmen NaturalMotion gegründet, das zunächst eine eigene Animationstechnologie auf den Markt brachte. Die Idee dazu hatte der gebürtige Niedersachse, als er an der englischen Universität Oxford Biologie studierte. Damals versuchte er, die Bewegungen von Menschen und Tieren am Computer nachzuahmen, und zwar mit Hilfe von künstlicher Intelligenz.

"Ich habe versucht, das Nervensystem von Menschen und Tieren so zu simulieren, dass es natürliche Bewegungsabläufe herstellt", erklärt Reil. Er stattete virtuelle Wesen mit diesem Nervensystem aus und machte sich die künstliche Evolution zunutze, also die Auslese der Besten. "Irgendwann haben wir es geschafft, die künstlichen Figuren zum Laufen zu bringen – und das sah realistisch aus."

Virtuelle Wesen mit künstlicher Intelligenz

Torsten Reil, Gründer und Chef von NaturalMotion (Foto: NaturalMotion)

Torsten Reil, Gründer und Chef von NaturalMotion

Das Besondere an dieser Entwicklung: Die künstlichen Menschen und Tiere reagieren – wie ihre realen Vorbilder – auf äußere Einflüsse, müssen also nicht aufwändig nachgeahmt werden. Für Filmproduzenten und Spieleentwickler eine kleine Revolution: Mit dieser Software können sie auf langwierige und kostspielige Animationen wie Motion Capture verzichten. Künstliche Menschen und Tiere ermöglichen Szenen, die bis dahin nicht ungeschnitten gezeigt werden konnten: stürzende Pferde zum Beispiel oder Menschen, die in die Tiefe fallen.

Regisseur Wolfgang Petersen nutzte Reils Technologie für seinen Hollywood-Film "Troja". Auch in "Lord of the Rings" und in den Video-Spielen "Grand Theft Auto IV" und "Star Wars" wurde sie verwendet.

Neben der eigenen Technologie entwickelt NaturalMotion inzwischen auch selbst Spiele. Auf dem iPhone hat Reils Firma mittlerweile eine Serie von sechs Top-10-Spielen und über zehn Millionen Downloads. Aus dem kleinen Start-Up, das mit zwei Angestellten und einem Arbeitszimmer in Oxford auskam, ist ein internationales Unternehmen geworden. NaturalMotion beschäftigt inzwischen mehr als 100 Mitarbeiter: die meisten in England, etwa 15 in San Francisco und Los Angeles.

Dass Torsten Reil der Chef des Unternehmens ist, sieht man ihm nicht an. Er trägt Jeans, ein unauffälliges Polo-Shirt und Lederschuhe, die schon bessere Tage gesehen haben. Auf Luxus legt er keinen großen Wert. Statt sich ein Auto zu kaufen, setzt Reil auch für Geschäftstermine in San Francisco auf Car-Sharing, weil er es praktischer findet.

Überzeugende Simulation

Eishockey-Spiel von NaturalMotion. (Screenshot: NaturalMotion)

Die Software simuliert auch menschliche Bewegungen

Aber guter Kaffee ist ihm wichtig. Den trinkt Reil gerne – und viel: am liebsten vierfachen Espresso. Der Zeitunterschied zwischen San Francisco und Oxford beträgt acht Stunden, und irgendjemand will immer etwas von ihm.

"Die Firma ist Arbeit, aber die Firma ist auch Freizeit", sagt Reil. "Am meisten Spaß an der Firma macht mir, zu sehen, wie sich eine Idee entwickelt: von der kleinen Idee über die Prototypen bis zum Schluss, wenn ein Spiel in den Händern des Konsumenten ist. Diesen Prozess zu verfolgen, ist sehr inspirierend."

Und offensichtlich lohnend: Schon in den ersten zwei Wochen nach Erscheinen wurde "My Horse" millionenfach heruntergeladen und war weltweit Apples Spiel der Woche. Reil hat eine Erklärung dafür: "Die Pferde in unserem Spiel sind so überzeugend simuliert, dass man eine emotionale Bindung zu ihnen aufbaut. Die kann man nicht einfach vernachlässigen", sagt er – und kümmert sich vor der nächsten Telefonkonferenz noch schnell um Picnics Trainingsplan.

Autorin: Anne Allmeling
Redaktion: Andreas Becker