1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Gesichter Deutschlands

Der Sozialhilfeempfänger: Uwe Mayer

Seit zehn Jahren verkauft Uwe Mayer Straßenzeitungen in Stuttgart. Nun konzentriert er sich darauf, eine Arbeit und eine Wohnung zu finden. Was er sich sonst wünscht? Eine Freundin und Dortmund als Fußballmeister!

Uwe Mayer (Foto: DW)

Uwe Mayer

Uwe Mayer steigt jeden Tag mit einem Stapel "Trott-war"-Straßenzeitungen (Anmerkung der Red.: "Trott-war" ist ein Wortspiel - es lehnt sich in der Aussprache an "Trottoir" an, das bedeutet Bürgersteig) unter seinem Arm in den Bus ein. Es ist nur eine kurze Fahrt nach Bad Cannstatt, dem Ort in der Nähe von Stuttgart, in dem er die Zeitungen verkauft. Wenn die Geschäfte in der Marktstraße öffnen, zieht er sich einen Kittel über, stapelt die Zeitungen auf seinem Arm und beginnt seinen Verkaufstag. Mit einen Ruf, den er täglich 100 Mal wiederholen wird:

"Die Straßenzeitung Trott-war, die Straßenzeitung Trott-war."

Uwe Mayer kauft die Straßenzeitung für 85 Cent das Stück ein und verkauft sie für das Doppelte. Mit etwas Glück stocken Trinkgelder und Spenden seinen Tagesverdienst etwas auf. Am frühen Abend ist Feierabend und Kassensturz.

Optimismus trotz Schulden

Uwe Mayer lebt von der Sozialhilfe und vom Verkauf der Straßenzeitungen (Foto: DW/Sean Sinico)

Uwe Mayer lebt von der Sozialhilfe und vom Verkauf der Straßenzeitungen

"Ich kaufe das was ich brauche. Und der Rest ist Luxus," sagt Mayer. Sollte einmal etwas übrig bleiben, landet das Geld nicht auf dem Sparkonto. Mayer erlaubt sich nämlich zwei Handys und Internetanschluss. "Ich gucke immer, wenn ich Geld übrig habe, dann kann ich mir das erlauben."

Mit annähernd 1000 Euro Schulden würden viele sagen, dass er sich das eigentlich nicht erlauben kann. Dennoch strahlt Mayer Optimismus aus. Und er konzentriert sich auf zwei Dinge: Er will unbedingt eine neue Arbeit und eine neue Wohnung finden.

Durch den Verkauf der Zeitung verdient er etwa 100 Euro im Monat. Außerdem erhält er 356 Euro Sozialhilfe. Das Sozialamt bezahlt auch sein möbliertes Zimmer in einem Wohnheim. Uwe Mayer will da raus: "Ich wohne auf engstem Raum", sagt er über sein Elf-Quadratmeter-Zimmer. "Ich hätte gerne etwas Größeres: 30 bis 45 Quadratmeter. Und einen Job, der mir zwischen 7,50 Euro und 8,00 Euro die Stunde bringt. Am liebsten im Lager."

"Ich war schon oft am Boden"

Mayer weiß, dass es schwierig ist, in wirtschaftlich rauen Zeiten eine Arbeit zu finden. Doch irgendwie ist er unverwüstlich.

"Es kam so oft vor, dass ich am Boden war und wieder aufgestanden bin", sagt Mayer. Seit 15 Jahren verkauft er die Straßenzeitung - mit Unterbrechungen. Der Mann, der jetzt wie ein optimistischer Träumer wirkt, war schon ganz unten: Er hat fünf Jahre auf den Straßen von München, Hamburg und anderer europäischer Städte verbracht, dann saß er dreieinhalb Jahre hinter Gittern: Autodiebstahl, Drogendelikte und Widerstand gegen die Staatsgewalt - er hatte einem Polizeibeamten ein Messer mit 40 cm langer Klinge an den Hals gehalten. "Vor zehn Jahren war ich hochexplosiv", sagt er. "Wenn mir da einer dumm kam, hat er eins auf die Fresse bekommen. Aber irgendwann wirst du müde, wirst ruhiger."

Mayer war Alkoholiker. Er fing an zu trinken, als ihm sein Leben zu schwierig wurde. Heute ist er trocken und träumt sogar von einer Beziehung: Im Internet hat er eine Frau kennengelernt. Bald will er sie auch im echten Leben treffen.

Uwe Mayer schreibt eine SMS (Foto: DW/Sean Sinico)

"Hi Schatz, mein Computer ist kaputt, melde mich morgen, Kuss." Mehr als eine SMS schreiben, kann Mayer im Moment nicht.

"Wir kennen uns nur über das Internet, aber sie ist schon toll“, sagt Mayer. Er hatte mit der Frau bisher nur über SMS und in der virtuellen Welt Kontakt. Obwohl sich die beiden auf der Internetplattform Facebook schon offiziell verlobt haben, hat Mayer ihr vorsichtshalber seine Lebenssituation verschwiegen. "Wir müssen sehen, wie die Dinge laufen, wenn sie herkommt."

Träumer oder Spinner?

Sollte es mit seiner Internetbeziehung nichts werden, muss er seine Leidenschaft wohl wieder mehr dem Fußball zuwenden. Mayer ist Fan von Borussia Dortmund. Und er tritt auch selbst gerne das runde Leder. Bei einem Fußball-Turnier der Straßenzeitungen hat er einen Hattrick erzielt. Schon wächst der Wunsch, einen Trainerschein zu machen.

Gesunde Träumerei oder abseitige Spinnerei? "Es gibt viele Leute, die wollen gar nicht. Die haben mit ihrem Leben abgeschlossen - aber ich nicht. Ich will wieder nach oben kommen. Ich will wieder in die Gesellschaft, normal dazu gehören."

Man kann Uwe Mayer nur wünschen, dass er es aushält, wenn die ein oder andere Seifenblase unweigerlich zerplatzt.

Autor: Sean Sinico
Redaktion: Birgit Görtz

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema