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Politik

Der Sommer kommt

Die Sommerhitze verwandelt Schanghai jedes Jahr in eine schwüle Dampfsauna. Eine schwere Belastungsprobe für Mensch, Tier, Technik und Natur. Doch es gibt Abhilfe. Theoretisch.

Die ersten warmen Tage hatten wir schon. Noch nicht heiß. Aber die Sonne hat uns schon einmal daran erinnert: Es wird wieder ernst. In den Sommermonaten wird die feuchte Schanghaier Luft so heiß, dass meine Brillengläser sofort beschlagen, wenn ich auf die Straße trete, Minutenlang sehe ich gar nichts.

In Wohnungen, Geschäften, Büros, Taxis und Restaurants laufen die Klimaanlagen im Dauerbetrieb. Sogar in den meisten Fahrstühlen hängen inzwischen Klimaanlagen, die Liftboys würden sonst einfach zerschmelzen. Wer kann, verbringt die schweißtreibende Zeit zu Hause und lässt sich das Essen in die Wohnung liefern. Wenn man doch mal raus muss, sollte man im Sommer immer einen Pullover dabei haben. Denn wenn in Schanghai die Klimaanlagen laufen, dann richtig. Und in vielen Bürogebäuden herrschen Temperaturen wie im Gefrierfach.

Draußen schlafen

Es ist die Zeit, wo die Menschen in Schanghai lernen, wie schutzlos sie der Umwelt ausgeliefert sind. Noch vor ein paar Jahren haben die Menschen im Sommer ihre Betten abends auf die Bürgersteige gestellt, auf der Straße wehte wenigstens noch frische Luft. Seit in fast jeder Wohnung eine Klimaanlage hängt, beginnt jeden Sommer der Notstand: Die Klimaanlagen fressen viel zu viel Energie. Damit die Stromversorgung nicht völlig zusammenbricht, musste die Stadtverwaltung in den vergangenen Jahren regelmäßig Fabriken schließen oder zur Nachtarbeit verdonnern.

Vor ein paar Jahren hatte die Stadtverwaltung eine neue Idee, und die Zeitungen jubelten: Künstlicher Regen sollte die ganze Stadt im Sommer frisch temperieren und so den Strombedarf der Klimaanlagen reduzieren. Staatliche Forschungsinstitute entwickelten Raketen und zielten auf jede Wolke am Himmel. Die Raketen wurden mit speziellen Chemikalien betankt und sollten die Wolken zum Abregnen zwingen. Irgendwann hörte man nichts mehr von der Idee, während die Sommer erbarmungslos blieben.

Ein Griff unter die Achsel?

Im letzten Jahr - meinem vierten Schanghaier Sommer - hörte ich wieder von einer neuen Lösung. Freunde erzählten mir von einem Krankenhaus, wo man sich mit einem Speziallaser die Schweißzellen unter dem Armen entfernen lassen kann. Zuerst habe ich gelacht. Dann wurden die Tage immer wärmer. Ich dachte: Ich könnte ja erstmal einen Arm ausprobieren...

Der Arzt war Mitte vierzig, sprach gutes Englisch. "Was ist ihr Problem?" Peinlichkeit. "Im Sommer schwitze ich zu viel." - "Und was ist genau das Problem?" - "Na ja, es ist blöd, wenn man im Sommer ständig die Klamotten wechseln muss." - Er blicke sehr langsam zu seinen Assistenten, dann wieder auf mich. Ich sollte wohl noch mehr erzählen. "Wissen Sie, wir Westler kommen mit der Hitze nur schlecht klar…" Wieder stumme Blicke. Dann der Arzt: "Es könnte schmerzen, vielleicht zehn Tage lang." Ich mutig: "Kein Problem." "Wir haben die Operation erst zwei, oder dreimal durchgeführt." - "Okay, ich bin Nummer vier." Der Arzt: "Es werden Narben bleiben…" Ich, hoffnungsvoll: "Aber der Schweiß verschwindet?" - Der Arzt schwieg. Dann, etwas leiser: "Nein, nur der Geruch."

Ich werde in diesem Sommer einen langen Urlaub machen, irgendwo, wo es schön kalt ist.