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Kultur

Der Sockel lebt!

Einst dienten sie als Träger monumentaler Skulpturen und mehrten den Ruhm der Mächtigen – heute sind die Sockel selbst Teil der Kunst geworden. Wie eine vergnügliche Ausstellung im Arp-Museum Rolandseck zeigt.

Stefanie Trojan AKT Glyptothek München. 2000/07 © VG Bild-Kunst, Bonn 2010 Foto (2007), Detail: Jan Schmiedel

Stefanie Trojan: AKT

Die Frage, wer die Kunst vom Sockel geholt hat, beantwortet Museumsleiter Oliver Kornhoff ganz konkret: Es war Auguste Rodin. Als der französische Bildhauer 1881 seine Figur der Eva schuf, entfachte er einen Skandal: "Er stellte sie direkt auf den Boden – zuerst wurde die Fußplatte sogar im Boden der Ausstellungshalle eingebuddelt. Die Skulptur befand sich damit auf gleicher Augenhöhe mit dem Publikum. Das war die Revolution." Eine Revolution mit Folgen. Die Diskussion über das Fundament der Kunst riss seither nicht mehr ab. Und heute stellt Oliver Kornhoff fest: "Der Sockel lebt!" Allerdings anders als sich das die Schöpfer repräsentativer Denkmäler früher gedacht haben.

'Herr Individual' , ein Kunstprojekt im Rahmen der Ausstellung 'Das Fundament der Kunst' im Arp-Museum RolandseckAkteur: Carsten Weber © VG Bild-Kunst, Bonn 2010 Foto: Claudia Görres

Christian Hasucha: "Herr Individual"

Lebendes Kunstwerk

Vor dem Bonner Hauptbahnhof geht ein Mann auf einem zwei Meter vierzig hohen Betonsockel. Er schreitet in zügigem Tempo auf einem unsichtbaren Laufband: "Herr Individual" – eine Performance von Christian Hasucha. Der Künstler selbst ist nicht zu sehen, und wer der Schreitende ist, erfahren wir auch nicht. Er bleibt stumm, namen- und geschichtslos. Ein Individuum eben, irgendein Zeitgenosse, einer wie wir, die wir unten stehen und ihn ein wenig verwirrt anschauen.

Einige Kilometer rheinabwärts gilt am Arbeitsplatz von Oliver Kornhoff die Devise: Wo ein Sockel ist, muss Kunst sein. Doch in einer Zeit, da Denkmäler eher vom Sockel gestürzt, als auf ihn gestellt werden, ist man vom Erhabenen weit entfernt.

Das Erhabene ist Vergangenheit

Im Arp-Museum Rolandseck ist zu besichtigen, wie zeitgenössische Künstler mit dem Thema Sockel und Fundament umgehen. Der gebürtige Tscheche Pawel Schmidt zum Beispiel, der heute in der Schweiz lebt: Für seine Plastiken und Skulpturen brauche er Sockel, sie präsentierten die Kunst und ermöglichten die Kommunikation mit dem Publikum, sagt er. "Eigentlich gestaltet sich der Sockel von Anfang an mit. Ich muss das Ding erstellen! So wie das Blatt zur Zeichnung gehört, die Leinwand zur Malerei, gehört eine Art Unterlage, eine Art Trägerschaft im dinglichen Sinne zur dreidimensionalen Arbeit."

Thomas Schütte Model for a Hotel 2007 (Fourth Plinth Project), Realisierung 2007 © VG Bild-Kunst, Bonn 2010 Foto: Sko

Thomas Schütte würde sogar ein Hotel auf einen Sockel bauen: "Model for a Hotel 2007"

Gartenzwerg und Mythologie

Die einst so erhabenen Sockel werden in der Kunst heute ironisiert, spielerisch umgedeutet – gelegentlich auch banalisiert. Pawel Schmidt präsentiert seine Skulptur auf sieben umgestülpten Blumentöpfen: Ein Gartenzwerg, dem eine Venus aus dem Kopf wächst. "Das bezieht sich auf die Kultur der Gartencenter", sagt er, "die Angebote für die Gestaltung des trauten Heims. Die Blumentöpfe aber stehen für die mythologische Zahl sieben – die Schöpfung, das Leben."

Auf den Kopf gestellt

Die im Arp-Museum ausgestellten Künstler – unter anderen Alberto Giacometti, Constantin Brancusi und A.R. Penck – verwandeln in ihren Arbeiten den Sockel, integrieren, vergrößern oder verkleinern ihn, stellen ihn auf den Kopf. Ein großer brauner Lederschuh: maßgefertigt für die Füße des Künstlers. Versandkisten aus Holz. Tonnen und Fässer. Eisenrohre, gestapelte Tische, der mit Stoff bekleidete Sockel in Form eines Mantels. Schlichte schöne Holzsockel, polierter Granit, Alabaster.

Timm Ulrichs Im Sockel – vom Sockel, 1981/90 © VG Bild-Kunst, Bonn 2010 Foto: Carsten Gliese

Timm Ulrichs: Im Sockel – vom Sockel

"Man kann hier viele Arbeiten sehen, die zeigen, warum man den Sockel noch braucht", sagt Oliver Kornhoff. Die Sockel aber sind selbständiger geworden, haben sich von Denkmal emanzipiert, wurden auch demokratischer: Das Publikum muss nicht mehr ergriffen zur Kunst aufsehen. Im Gegenteil – betont Oliver Kornhoff: "Es gibt in der Ausstellung Werke, die man selbst im wahrsten Sinne des Wortes betreten darf. Da kann man selber ausprobieren, wie es ist, wenn man nicht auf der gleichen Ebene steht wie die anderen. Und wenn man auf einmal zum Denkmal wird. Wie ist das, wenn man plötzlich aus der Umgebung der anderen herausgehoben wird? Dieser Gedanke ist neu. Er wäre im 19. Jahrhundert unvorstellbar gewesen."

Aber auch im 21. Jahrhundert ist das keine Selbstverständlichkeit: Nur wenige wagen es, sich auf den Sockel zu stellen. Vielleicht ist es doch nicht so schön, von oben herunter zu schauen!

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Sabine Oelze

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