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Nahost

Der Sinai wird zur neuen Terrorbasis

Die Lage auf dem Sinai eskaliert. Militante verüben täglich Anschläge. Immer neue Extremistengruppen tauchen auf. Sicherheitsexperten rätseln über die Stärke der Gruppen und ihre Verbindungen untereinander.

Beduinen auf dem Sinai schwenken eine Al-Kaida-Flagge. Foto von 2012. (Foto: AFP)

Beduinen auf dem Sinai schwenken eine Al-Kaida-Flagge

In Kairo und Alexandria ist die Sicherheitslage angespannt - auf der Sinai-Halbinsel ist sie katastrophal. Seit dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi vor zwei Wochen töten militante Gruppen dort täglich Polizisten, Soldaten und Zivilisten. Allein in der Nacht zum Donnerstag (18.07.2013) wurden drei Polizisten bei getrennten Anschlägen auf dem Sinai erschossen. Die Sicherheitskräfte scheinen machtlos, das Gebiet von der dreifachen Größe Hessens zu kontrollieren. Das Auswärtige Amt rät von Reisen auf den Sinai dringend ab, nimmt aber den Küstenstreifen zwischen Sharm-el-Sheikh und Nuweiba von der Warnung aus.

Sicherheitsexperten verfolgen die Entwicklung auf der Halbinsel mit Sorge. "In den vergangenen zwei Wochen ist das Sicherheitssystem zusammengebrochen", beschreibt Aaron Zelin vom Washington-Institut für Nahost-Politik die Situation. Verschiedene Akteure nutzten das Vakuum aus, das durch den Militärputsch gegen die Muslimbruderschaft entstanden sei, sagt Zelin der Deutschen Welle.

Nach Somalia, Jemen, dem Sahel  und dem Hindukusch ist offenbar ein neuer Operationsraum für allerlei Extremisten entstanden. Salafistische und dschihadistische Gruppen bauten dort ihre Strukturen aus, erklärt Mohammad Fayez Farahat vom Al-Ahram-Zentrum für politische und strategische Studien in Kairo. Diese Bewegungen strebten bereits seit dem Ende der Mubarak-Herrschaft Anfang 2011 einen islamischen Staat auf dem Sinai an. Sie rekrutieren demnach Kämpfer und horten Waffen. Nun glaubten sie, dass ihre Chance gekommen sei.

Kontakte zwischen Militanten in Gaza und auf dem Sinai

Im Laufe der vergangenen Jahre sind immer wieder neue Organisationen wie "Dschaisch al-Islam" oder "Ansar Bait al-Makdis" aufgetaucht. Einige von ihnen sollen in Kontakt mit dem weltweiten Terrornetzwerk Al-Kaida stehen. Farahat und Zelin gehen von engen Verbindungen zwischen den Extremistengruppen auf der Sinai-Halbinsel und denen im Gazastreifen aus. "Organisationen wie Ansar al-Scharia oder Tauwid wal-Dschihad in Sinai knüpften Verbindungen zu den Salafisten-Dschihadisten in Gaza", sagt der Mitarbeiter des Al-Ahram-Zentrums.

Die ägyptische Armee entsendet zusätzliche Truppen auf den Sinai. (Foto: Reuters)

Die ägyptische Armee entsendet zusätzliche Truppen auf den Sinai

Welche Gruppen in der Wüste im Norden und in den Bergen im Süden des Sinai operieren, ist auch für Experten kaum zu durchschauen. Über die Zahl der Kämpfer und mögliche Hintermänner gibt es nur Vermutungen, "Mit den zugänglichen Informationen wissen wir nicht, was in einigen Teilen des Sinai vor sich geht", räumt Zelin ein.

Neben radikalen Islamisten, die aus verschiedenen Ländern stammen, machen auch bewaffnete Beduinen die Region unsicher. An der Nahstelle zwischen Afrika und Asien leben Beduinenstämme, die wenig mit den Ägyptern im Niltal gemeinsam haben. Sie sprechen noch nicht einmal denselben Dialekt, sagt Yezid Sayigh, Forscher am Nahostzentrum der Carnegie-Stiftung in Beirut. Die Beduinen fühlten sich von der Entwicklung in den Touristenparadiesen am Roten Meer ausgeschlossen. Viele von ihnen leben offenbar davon, Menschen, Waren und Waffen zu schmuggeln. Die Vorstellung von ortskundigen Beduinen als Hilfstruppen für Al-Kaida-Terroristen ist alarmierend. Doch Nahost-Forscher Sayigh wiegelt ab: "Die Annahme, dass alle Beduinen, die Waffen tragen und auf Regierungsstützpunkte schießen, deshalb Dschihadisten oder Al-Kaida-Mitglieder sind, ist völlig falsch." Es gebe allenfalls eine punktuelle Zusammenarbeit.

Halbinsel als ideales Gebiet für Terroristen

Die dünn besiedelte Wüstenhalbinsel ist ein ideales Terrain für Extremisten. Die ägyptische Armee ist dort kaum präsent. Der 1979 geschlossene Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten machte den Sinai zur entmilitarisierten Zone. Östlich des Suez-Kanals durften die ägyptischen Streitkräfte zunächst keine Panzer, Flugzeuge oder Kampfhubschrauber stationieren. Nach Einschätzung von Zelin hatten die Militärs bislang ohnehin wenig Interesse, massiv gegen die militanten Gruppen vorzugehen.

Ein israelischer Soldat schaut auf das ausgebrannte Wrack eines ägyptischen Armeefahrzeugs. Extremisten hatten am 5.8.2012 einen ägyptischen Militärstützpunkt überfallen und mit einem gestohlenen Fahrzeug die Grenze zu Israel druchbrochen. (Foto: AP)

Mit einem gekaperten Armeefahrzeug durchbrachen Extremisten 2012 die Grenze zu Israel

Mittlerweile gab die Regierung in Jerusalem grünes Licht, damit Kairo seine Truppen in der Grenzregion verstärken kann. Zwei zusätzliche Bataillone wurden in das Krisengebiet entsandt. Das dient auch israelischen Interessen. Der südisraelische Badeort Eilat wurde seit 2010 immer wieder mit Raketen und Granaten beschossen. Bei Terroranschlägen vom Sinai aus starben seit 2012 mehrere Israelis. Besonders spektakulär war der Angriff vom 5. August 2012. Damals überfielen Bewaffnete einen ägyptischen Armeeposten, töteten 16 Soldaten und durchbrachen mit einem erbeuteten Militärfahrzeug die Grenze zu Israel. Im anschließenden Feuergefecht starben mindestens fünf Angreifer. Israelis kamen dabei nicht zu Schaden.

Ein entschiedenes Vorgehen der ägyptischen Armee wurde nach Einschätzung von Farahat auch von der mittlerweile gestürzten Regierung gehemmt. Die Muslimbruderschaft habe kein Interesse an einem verlustreichen Antiterror-Einsatz gehabt. "Nun, nachdem der Präsident aus dem Amt geschieden ist, ist die Armee frei, die nötige Maßnahmen gegen die Salafisten und Dschihadisten im Sinai zu ergreifen", meint Farahat.

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