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Kultur

Der Simplicissimus erstmals in modernem Deutsch

Es ist einer der ganz großen Romane der Literaturgeschichte: "Der abenteuerliche Simplicissimus". Geschrieben von Hans Jacob von Grimmelshausen im 17. Jahrhundert. Jetzt wird er endlich wieder lesbar.

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Reinhard Kaiser hat den Simplicissimus ins heutige Deutsch übertragen. Diese Neuausgabe ist sicher eines der wichtigsten verlegerischen Projekte dieses Bücherherbstes. So viel kann man jetzt schon sagen, auch wenn der Verkauf in den Buchläden erst an diesem Montag beginnt. Passend übrigens zum 333. Geburtstag des Autors.

Der Schriftsteller und Übersetzer Reinhard Kaiser in seinem Büro.

Der Schriftsteller und Übersetzer Reinhard Kaiser

Der "Simplicissimus" ist Weltliteratur. Deshalb haben unzählige Leser versucht, sich diesem Roman zu nähern, sich in ihn zu vertiefen. Manche haben es bis zur letzten Seite geschafft, viele sind daran gescheitert - trotz besten Willens. Sie haben versäumt, wie Grimmelshausen die deutsche Urkatastrophe des 30-jährigen Krieges schildert: ein Krieg, der zehn Millionen Deutschen das Leben kostete. Europa war danach weitgehend menschenleer, wirtschaftlich ruiniert und politisch zersplittert. Die Gräuel des 30-jährigen Krieges erzählt dieser Schelmenroman aus der Perspektive der Bauern, Händler und Landser.

Worum es eigentlich geht

"Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch" ist die Lebensgeschichte des Melchior Sternfels von Fuchshaim, genannt Simplicius, der Einfältige. Wir erfahren, was er erlebt und erlitten hat und warum er am Ende der Welt den Rücken gekehrt hat.

Soldaten treiben Bauern und Vieh fort. Radierung aus einer Folge von 26 Blättern mit Szenen aus dem Dreißigjährigen Krieg, von Hans Ulrich Franck, entstanden 1655.

Soldaten vertreiben Bauern und Vieh. Radierung aus einer Folge von 26 Blättern mit Szenen aus dem Dreißigjährigen Krieg, von Hans Ulrich Franck, entstanden 1655.

Am Beginn des Romans steht der Überfall auf den Bauernhof, auf dem Simplicius aufwächst. Dieses tragische Ereignis katapultiert den Jungen geradezu hinaus in die verrückt gewordene Welt des Dreißigjährigen Krieges. Zuerst findet der Knabe Zuflucht bei einem Einsiedler, der sich später als sein Vater herausstellen soll. Von ihm erhält er seine christliche Erziehung. Anschließend geht er nach Hanau. Eine Weile verdient er sein Geld als Narr, als Spaßmacher für die Soldaten. Er wird entführt, kann aber fliehen und schließt sich den kaiserlichen Truppen an.

Ein kolossales Buch

Als "Jäger von Soest" wird er zu einem berühmten und reichen Soldaten. Doch dann gerät er in Gefangenschaft und muss heiraten. Er verliert sein gesamtes Vermögen und landet als Komödiant in Paris. Seine Lebensreise führt ihn nach Wien, Moskau, Korea, Japan, Maco, Konstantinopel und Rom. Schließlich kehrt er der Welt den Rücken und wird Eremit im Schwarzwald.

Möglicherweise ein Porträt Grimmelshausens. Ausschnitt aus dem Titelkupfer zu Grimmelshausens Ewigwährendem Kalender von 1671.

Ein Porträt Grimmelshausens? Aus Grimmelshausens "Ewigwährendem Kalender" von 1671.

Der 1668 erschienene Roman spielt vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Kriegs, der Grimmelshausens Leben entscheidend geprägt hat. Man hatte ihn zum Dienst in der kaiserlichen Armee gezwungen. Grimmelshausens Held Simplicius steht vor der Frage, wie man in einer rasend gewordenen Welt bestehen kann. Entsprechend finden sich im Roman utopische Gegenentwürfe von einem friedlichen Zusammenleben der Menschen. Aber Grimmelshausen weiß, dass diese Entwürfe nicht wirklich tragen. Und so arbeitet sich Simplicius ab an der normativen Kraft des Faktischen: Die Welt ist eben schlecht. So bleibt ihm nur die Abkehr von ihr. Am Ende der Geschichte wird er Eremit. Aber auch das ist keine Lösung, weiß Grimmelshausen und fragt in einer ironischen Brechung seinen Helden: Simplicius, was tust du? Du liegst auf der faulen Bärenhaut und dienst weder Gott noch den Menschen!

"Ein Literatur- und Lebensdenkmal der seltensten Art" (Thomas Mann)

Der "Simplicissimus" war von Anfang ein Bestseller. Grimmelshausen selbst erlebte mehrere Neuauflagen und schrieb Fortsetzungen. Kein Wunder, denn der Roman ist "bunt, wild, roh, amüsant, verliebt und verlumpt, kochend von Leben, mit Tod und Teufel auf Du und Du", wie Thomas Mann schrieb. Also das reine Lesevergnügen. Das hat den "Simplicissimus" nicht nur enorm erfolgreich gemacht, sondern auch einflussreich. Zahlreiche Dichter haben sich von dem Buch anregen lassen. Im 20. Jahrhundert war es zum Beispiel Bertolt Brecht. Sein Drama "Mutter Courage und ihre Kinder" nimmt Bezug auf eine Episode des Romans. Günter Grass greift in seiner Erzählung "Das Treffen in Telgte" auf den "Simplicissimus" zurück. Bildende Künstler wie A. Paul Weber fertigten Illustrationen an. Sogar eine Oper "Simplicius Simplicissimus" von Karl Hartmann gibt es.

Autor: Udo Marquardt

Redaktion: Gabriela Schaaf / Andreas Main

Die Angaben zur Neuausgabe: Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch. Aus dem Deutschen des 17. Jahrhunderts und mit einem Nachwort von Reinhard Kaiser. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main. Reihe "Die Andere Bibliothek", 772 Seiten in zwei Bänden im Schuber kosten 69 Euro. Alternativ kostet der Einzelband mit 768 Seiten 49,95 Euro.

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