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Digitales Leben

Der Sieg der Roboter

Der Fahrkartenautomat, die Personenwaage und das Handy werden sich erheben. Sie werden rebellieren, sich zusammenschließen. Und uns auslöschen. Vielleicht. Sagen Wissenschaftler.

Ich hatte es mir gerade gemütlich gemacht. Die Manschetten gelockert, den untersten Knopf der Weste leicht geöffnet. Ich war im Begriff meine geliebte Holzpfeife zu entzünden, als sich der Bildschirm eines meiner zahlreichen elektronischen Informationsgeräte erhellte und eine Meldung der BBC via Netzhaut in mein Gehirn vordrang.

Die Risiken einer möglichen Roboterrevolution würden fortan an der Universität Cambridge studiert, vermeldete die British Broadcasting Corporation. Insbesonders wolle man am Centre for the Study of Existential Risk herausfinden, ob - und wenn ja - wie die Auslöschung der Menschheit durch intelligente Roboter verhindert werden könne.

Tagwerk und Tand

Einen Moment hielt ich inne. Ich setzte die Pfeife ab, kratze mich am Kinn und blickte aus dem Fenster hinaus in die tiefschwarze Nacht. So viel Aufregung war da draußen. So viel Geschäftigkeit, Tagwerk und eitler Tand. Ein Meer an Möglichkeiten. Die nichts, aber auch gar nichts mit den tatsächlichen Problemen der Menschheit zu tun hatten, wenn die Maschinen übernehmen würden. Es gibt eine sehr lustige Szene in der us-amerikanischen Comicserie "Die Simpsons“. Papa Homer und Sohn Bart werden von überdimensionierten weißen sprechenden iPods gejagt, mit riesigen Kopfhörerkabeln gepeitscht und vorangetrieben. Diese Simpsons-Folge ist bald zehn Jahre alt.

Ist dort jemand?

Diensträume mit Nachrichtentechnik im MfS: Teilautomatischer Aufnahmeplatz. (Foto zwischen 1975 – 1979) Zulieferer: Kay-Alexander Scholz

Als Maschinen noch von Menschen bedient wurden

Inzwischen setzt Israel autonome Roboter zur Grenzkontrolle ein. Sie sehen nicht aus wie MP3-Player, sondern wie überdimensionierte ferngesteuerte Autos. So ein Roboter heißt Guardium und ist mit Kameras ausgestattet. Es sei aber überhaupt kein Problem, den Roboter im Bedarfsfall schnell zu bewaffnen, heißt es auf der Seite des israelischen Militärs. Und dann werden mit einer hübschen Prosa mögliche Einsatzszenarien beschrieben: "Eine Stimme ertönt aus dem Inneren des Guardium, die den Verdächtigen verängstigt. 'Ist dort jemand,' ruft er laut.“ Nein, da ist niemand. Was aber noch nicht so richtig schlimm ist, weil der Roboter eh noch nicht eigenverantwortlich handelt. Noch.

Der Schnickschnack des Lebens

Es sei eine durchaus plausible Vorhersage, dass sich Intelligenz aus den Zwängen der Biologie befreien werde, sagt der Philosophie-Professor Huw Price recht blumig in oben genannter BBC-Meldung. Soweit sei es vielleicht in diesem oder dem nächsten Jahrhundert. Und dann. Ja, und was dann eigentlich? Keine Ahnung. Das soll Huw mit seinen Kollegen rausfinden.

Nebenan im Internet auf der Seite des Creators Project gibt es einen Artikel über so genannte Tech-Enhanced Clothes. Also Kleidungsstücke, die, versehen mit allerlei technischem Schnickschnack, das Leben irgendwie schöner machen sollen. Neben Jacken und Hosen, die schädliche Umwelteinflüsse abhalten, uns kühlen oder wärmen oder adhoc ein gemütliches Bett bereitstellen können, gibt es eine Sektion, die sich anhört, als wäre sie direkt einem Computerspiel entnommen.

Das Feuer prasselt

Im Bereich des Möglichen erscheinen nämlich zukünftig auch Kleidungsstücke, die uns heilen und Verletzungen kurieren können. Das klingt praktisch. Vor allem, wenn der Roboter gegenüber gerade beschlossen hat, uns mittels einer - natürlich vollautomatischen - Waffe auszulöschen. Wie beruhigend, dachte ich, entzündete ein Streichholz und begann in aller Seelenruhe meine geliebte kleine Holzpfeife zu schmauchen, während die Scheite im Kamin leise knackten, das Feuer prasselte und meine elektronischen Geräte - längst im aktivierten Schlafmodus verstummt - im Schein der Flammen metallisch kühl glänzten.

***ACHTUNG: NUR im Zusammenhang mit der Netzkolumne Digitalitäten benutzen!*** Bild von Marcus Bösch für die DW, September 2012

DW-Netzkolumnist Marcus Bösch

Marcus Bösch war irgendwann 1996 zum ersten Mal im Internet. Der Computerraum im Rechenzentrum der Universität zu Köln war stickig und fensterlos. Das Internet dagegen war grenzenlos und angenehm kühl. Das hat ihm gut gefallen.

Und deswegen ist er einfach da geblieben. Erst mit einem rumpelnden PC, dann mit einem zentnerschweren Laptop und schließlich mit geschmeidigen Gerätschaften aus aalglattem Alu. Drei Jahre lang hat er für die Deutsche Welle wöchentlich im Radio die Blogschau moderiert. Seine Netzkolumne gibt es jetzt hier jeden Donnerstag neu.

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