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Katastrophe

Der Sekundentod der "Hindenburg"

Es war die Katastrophe: Radio und Wochenschau waren live dabei. Das flammende Ende des Luftschiffs "Hindenburg" bei der Landung in Lakehurst 1937. Das Drama ist bis heute im kollektiven Gedächtnis. Ein Medienereignis.

Herbert Morrisons Einzug in die Geschichtsbücher begann um exakt 19.20 Uhr nordamerikanischer Ortszeit. Eigentlich wollte der bis dahin unbekannte Radioreporter des Chicagoer Senders WLS Tonaufzeichnungen der Landung der "Hindenburg" für eine Schallplatten-Produktion machen. Und das auch nur versuchsweise. Aus dem Radio-Experiment wird eine grausame Sternstunde der Medien. Und zwar genau in dem Moment, als das Luftschiff in cirka 130 Meter Höhe über dem Boden praktisch still steht. Morrison beginnt nüchtern und routiniert seine Live-Reportage. Dann geschieht etwas und Morrison ruft nach seinem Ton-Ingenieur Nehlsen: "Nimm das auf Charlie, nimm das bloß auf Charlie! Es sinkt - und es stürzt ab!"

Herbert Morrison (Gemeinfrei)

Herbert Morrison: "Oh the humanity"

Das Tondokument geht um die Welt. Auch die bewegten Bilder der Wochenschaukameras. Mit dem Inferno von Lakehurst wird ein Unglück zum Medienereignis - das ist neu. 36 Menschen sterben in dem Flammenmeer, kein Vergleich zu den mehr 1500 Toten des Untergangs der "Titanic" 1912. Doch die Live-Berichterstattung von Herbert Morrison und Charles Nehlsen zeigt, es ist nicht nur die Zahl der Opfer, die eine Katastrophe definiert. Es ist auch der Umstand und der Zeitpunkt eines Unglücks. Denn Morrison und Nehlsen waren dabei und haben unmittelbar berichtet. Ein Grund, warum das Ende des Zeppelins "Hindenburg" in einem Atemzug mit dem Sinken der "Titanic" genannt wird.

Anflug bei Regen, sonst keine Beeinträchtigungen

Lakehurst, "Naval Air Station" im US-Bundesstaat New Jersey nahe New York. Es regnet, als die "Hindenburg" einschwebt. Kein Problem für das Luftschiff. Der Atlantik liegt hinter den 61 Crew-Mitgliedern, es sind nur noch wenige Minuten bis zur Landung. Die Routine übernimmt das Kommando. Augenzeugenberichten zufolge ist die Stimmung unter den 36 Passagieren heiter und gelöst.

Audio anhören 02:35

Reportage von Herbert Morrison über die Brandkatastrophe

Dann ein leises Zischen. Ab da geht alles ganz schnell. Das Heck des 245 Meter langen Luftschiffes steht in Flammen. In Zelle vier von insgesamt 16 Traggaszellen wird aus einem kleinen Flackern in Sekundenschnelle ein riesiger Feuerball.

LZ 129 verglüht in 34 Sekunden - "Oh the humanity"

Geschmolzene Aluminiumteile und Fetzen der Außenhaut fliegen umher. In der Führergondel wird das Inferno erst bemerkt, als das Heck nach unten absackt. Panik bricht aus, Menschen stürzen aus mehr als 100 Metern aus dem Zeppelin heraus. Das Heck schlägt zuerst auf dem Boden auf, dann kracht der Rest des Schiffes auf den Landeplatz. Es ist fast ein Wunder, denn von den 97 Menschen an Bord überleben 61 den Feuerball. Ein Amerikaner der Bodencrew wird unter dem herabstürzenden Luftschiff begraben. "Oh the humanity" ruft der verzweifelte Radioreporter Morrison aus, der unter Tränen in sein Mikrofon spricht.

In nur 34 Sekunden ist die "Hindenburg" verbrannt. Warum ist bis heute nicht restlos geklärt. Sabotage oder ein Bombenattentat werden ausgeschlossen. Wahrscheinlich ist eine elektrostatische Aufladung, die den leicht brennbaren Wasserstoff entzündete. 

Die "Hindenburg", ein Meisterwerk der Ingenieurskunst

63 Fernfahrten absolvierte die "Hindenburg" 1936 und 1937 - die meisten davon nach New York und Rio. In der Summe waren es 337.000 Kilometer Reisestrecke. Das umgangssprachlich Zeppelin genannte Luftschiff war eine deutsche Erfindung. Doch um so einen Riesen sicher in die Luft zu heben, war Helium das ideale Auftriebsmittel. Die Deutschen verfügten aber nicht über das unbrennbare Gas - wohl aber die Amerikaner, die es dem Deutschen Reich in der Vorkriegszeit nicht verkaufen wollten.

Der Zeppelin LZ 129 Hindenburg (picture-alliance/United Archives/TopFoto)

Einen viertel Kilometer lang, fünf Millionen Nieten, 190.000 Kubikmeter Wasserstoffgas: Die "Hindenburg"

Stattdessen kam hochexplosives Wasserstoffgas zum Einsatz. Jede der Transatlantik-Fahrten, auch die des Schwesterschiffes "Graf Zeppelin", waren buchstäblich Spiele mit dem Feuer. Das Gas - insgesamt 190.000 Kubikmeter - lagerte in 16 getrennten Zellen, die durch ein Netz von Stahlseilen verbunden waren. Der "Hindenburg"-Koloss bestand aus einem Metallgerippe, das von geschätzten fünf Millionen Nieten zusammengehalten wurde. Alle Passagier- und Mannschaftsräume waren im Inneren des Zeppelins integriert - und nicht mehr wie vorher - in unten am Bauch des Schiffes angebrachten Gondeln. Was die Gäste erwartete, war Luxus pur. Speisesaal im Bauhausstil, fließend Warm- und Kaltwasser in jeder Kabine, sogar rauchen durften die Privilegierten - trotz Wasserstofftanks. Das alles hatte sein jähes Ende in Lakehurst vor genau 80 Jahren. Es war auch das Ende des deutschen Zeppelinbaus.

Karl Otto Clemens überlebte ….

… und sprach fortan nicht mehr darüber. Der Bonner Fotograf rief mitten in der Nacht des Unglücks beim "Bonner Generalanzeiger", der Tageszeitung, für die er arbeitete, an. Das Blatt machte am 7. Mai 1937 besonders prominent mit der Katastrophe auf. "Zwei Drittel der Mitfahrer gerettet, darunter der Bonner Karl Otto Clemens", lautete die Unterzeile auf der Titelseite. 

Graf Zeppelin Luftschiffe Hindenburg 1936 (picture-alliance/dpa/Korr)

Berlin 1936: Die "Hindenburg" auf ihrem Deutschlandflug

Clemens hatte einen Rabatt für das teure Ticket auf der "Hindenburg" mit dem Zeppelinbetreiber ausgehandelt. Im Gegenzug wollte er Fotos von der Überfahrt schießen. Mit fünf Kameras im Gepäck und einer Leica um den Hals bestieg er drei Tage vor der Katastrophe das Luftschiff in Frankfurt. Er wurde besonders gründlich kontrolliert und während der Überfahrt hatte er stets einen Aufpasser an seiner Seite. Fotografieren durfte er, aber nur ohne die damals üblichen Blitzbirnen. Sie waren eine große Gefahr für den leicht entzündlichen Wasserstoff.

Er war gerade dabei seinen Koffer aus der Kabine zu holen - denn Fotos hatte er bis dahin genug gemacht - als er plötzlich eine Flamme bemerkte. So berichtete er es danach Herbert Morrison, dem Radioreporter ins Mikrofon. "…und das Schiff fängt an zu schwanken, sinkt nach unten, und ich springe dann an der Luke heraus, die neben der Bar ist."

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