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Europa

Der schwere Weg der Krim nach Russland

Die Krim ist russisch! So sieht das der Kreml. Wladimir Putin hält in diesen Tagen erstmals Arbeitstreffen ab auf der Krim. Im Alltag ist der Übergang von der ukrainischen zur russischen Ordnung aber noch beschwerlich.

Die Sonne brennt über dem Stadtzentrum von Sewastopol. In der Hitze stehen hier und da Menschen geduldig Schlange. Sie warten vor Banken und Bürogebäuden und seit voriger Woche auch vor Mobilfunk-Geschäften. Die SIM-Karten seien aus, erzählt ein Mittfünfziger mit weißem Rippenshirt und Sonnenbrille, seit dem Morgen schon. Das ukrainische Handy-Netz ist weitgehend abgeschaltet auf der Krim. Wer kann, kauft sich nun eine russische Prepaid-Karte, um teure Roaming-Gebühren zu vermeiden.

Vieles läuft noch nicht rund im "neuen" Alltag auf der Krim. Vieles ist improvisiert, behelfsmäßig, wirkt nicht zu Ende gedacht. Fünf Monate ist es nun her, dass Russland sich die ukrainische

Schwarzmeer-Halbinsel einverleibt

hat. Es stehen weiter ukrainische Verkehrstafeln. Und viele Autofahrer haben die blau-gelbe ukrainische Flagge auf ihren Nummernschildern einfach mit den russischen Farben überklebt: weiß-blau-rot. Ukrainische

Banken haben geschlossen

. Und russische sind bisher kaum eröffnet, aus Angst vor Sanktionen aus dem Westen. Kaum ein Geldautomat funktioniert mehr. Wer Bares braucht, muss am Schalter Schlange stehen.

Ukrainische Bank in Sewastopol auf der Krim (Foto: DW/Terechow)

Geschlossen: Ukrainische Bank in Sewastopol

Wer sein Geld bei einer ukrainischen Bank angelegt hatte, der muss nun darum kämpfen, dass er aus einem eigens eingerichteten russischen Fonds eine Kompensation bekommt. In Rubeln, versteht sich, und nicht mehr als umgerechnet rund 14.500 Euro pro Konto. Igor Sawtschenko erinnert sich, was für ein Papierkrieg das war. "Das ist einfach ein Glücksspiel, der Fonds funktioniert noch nicht zuverlässig, einige Anträge werden nicht bearbeitet, andere wieder doch." Igor Sawtschenko hatte Glück.

Ziel für russische Touristen

Auf der Uferpromenade flanieren Touristen, wenn auch nicht so viele wie sonst. Vor allem die Ukrainer bleiben fern. Die Russen aber wollen die legendäre russische Schwarzmeerflotte sehen, die seit Zarenzeiten hier in Sewastopol liegt. Es sei ein historischer Fehler gewesen, dass die Krim zu Sowjetzeiten der ukrainischen Sowjetrepublik zugeschlagen worden sei, glauben die meisten russischen Touristen. Annexions-Souvenirs sind deshalb diesen Sommer besonders gefragt: T-Shirts mit Putin-Portraits oder mit Bildern von den berüchtigten "grünen Männchen", jenen Soldaten in grünen Uniformen ohne Hoheitsabzeichen, die im Frühjahr die Krim besetzt hatten.

Igor Sawtschenko in Sewastopol auf der Krim (Foto: DW/Terechow)

Skeptisch: Wissenschaftler Igor Sawtschenko

Igor Sawtschenko schüttelt den Kopf über diese Russlandbegeisterung. Er wird Ukrainer bleiben, seinen ukrainischen Pass behalten. Auch wenn er damit zum Ausländer in seiner Heimat wird und bei den russischen Behörden eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen muss. "Ich bin doch Ukrainer! Und außerdem arbeite ich über meine Uni hier in Sewastopol mit einer Uni in Wien an einem Forschungsprojekt. Und soweit ich weiß, erkennt die Europäische Union ja nicht an, dass die Krim jetzt zu Russland gehören soll." Der 24-Jährige fürchtet, mit einem russischen Pass könnte er aus dem Forschungsprojekt ausgeschlossen werden.

Fußballer ohne Verband

Am Stadtrand kicken zwei Jugendteams auf einem ausgedörrten Rasenplatz. Training beim Fußballklub "Sewastopol". Viele dieser 14-, 15-Jährigen träumen von einer Profi-Karriere. Ihr Klub hat immerhin in der ersten ukrainischen Liga gespielt. Doch seit Russland die Krim annektiert hat, sind ihre Träume in weite Ferne gerückt. "Unsere Profi-Mannschaft gibt's nicht mehr. Jetzt versuchen sie, eine neue aufzustellen. Natürlich macht uns das Angst", sagt Jaroslaw Saizew, einer der Jungen. Die neue russische Führung der Krim verbietet dem Klub, weiter in der ukrainischen Liga zu spielen. Und der ukrainische Fußballbund verwehrt den Wechsel in die russische Liga. Die Profis haben Sewastopol deshalb verlassen, sie spielen jetzt in anderen ukrainischen Klubs auf dem Festland.

Vera Taranowa in Sewastopol auf der Krim (Foto: DW/Terechow)

Glücklich: Rentnerin Vera Taranowa (links)

Andere Krimbewohner freuen sich, dass sie nun

zu Russland gehören

- Vera Taranowa zum Beispiel, als sie sich aus einer der Schlangen in Sewastopol löst. Überglücklich schwenkt die rothaarige Rentnerin einen Briefumschlag. Auf ihm prangt das russische Staatswappen, der doppelköpfige Adler. Im Umschlag liegt ihre neue, russische Krankenversicherungs-Police. Die ist Pflicht in Russland und wird vom Staat über Steuereinnahmen bezahlt. "In der Ukraine hat sich niemand um unsere Gesundheit gekümmert", empört sich die Rentnerin.

So ganz stimmt das nicht. Man konnte auch auf der ukrainischen Krim eine Krankenversicherung abschließen. Nur bezahlen musste man sie selbst. Das will Vera Taranowa nicht gelten lassen: "Jetzt kümmert sich der russische Staat um uns. Und alles ist wieder umsonst. Wie in der Sowjetunion!" Die Sehnsucht nach einer besseren, längst vergangenen Zeit dominiert auf der Krim. Und Russland soll sie zurückbringen.

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