1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Der Schweizer Kampf gegen die Gier

Astronomische Managergehälter, Abzockerei und "goldene Fallschirme" sorgen weltweit für Empörung. Ausgerechnet in der Schweiz könnte durch ein Volksbegehren eine Beschränkung gelingen.

Der Schweizer Kleinunternehmer Thomas Minder (Quelle: Minder)

Kämpft seit Jahren gegen ausufernde Managergehälter: Thomas Minder

Wenn Thomas Minder über die Abfindungen und Prämien gescheiterter Manager redet, wird er wütend. "Das kommt aus Amerika und ist hier in der Schweiz nicht normal. Diese Unternehmenspolitik ist krankhaft und muss geändert werden", sagt er - und er sagt es wohl nicht zum ersten Mal an diesem Tag.

Swissair-Pleite Flugzeuge

Die Swissair-Pleite 2002 war Auslöser für Minders Kampf gegen astronomische Managergehälter

Thomas Minder gibt viele Interviews zurzeit, denn der Kleinunternehmer aus dem Schweizer Örtchen Neuhausen am Rheinfall hat eine Volksinitiative lanciert. Ziel seines Zorns sind überzogene Managervergütungen. Auch in der Schweiz empört die Praxis, dass manche Manager das 600-fache eines normalen Angestelltengehalts verdienen und auch bei schlechter Leistung oder sogar Pleiten mit Millionenabfindungen, "goldenen Regenschirmen", belohnt werden. Minder will das verbieten lassen. Die 100.000 Unterschriften, die für das Zustandekommens einer Volksabstimmung nötig sind, hat er eineinhalb Jahre nach dem Start seiner Initiative fast beisammen.

Millionen für die Pleite

Auslöser für Minders Kampf war die Pleite der Swissair vor sechs Jahren. Damals hatte der Kosmetikhersteller einen Großauftrag von der Airline erhalten, sollte die Fluggäste mit Handlotion, Lippenbalsam und Zahnpasta versorgen. Nach dem Konkurs der Fluggesellschaft blieb er auf seinen Auftrag sitzen. "Als ein paar Monate später bekannt wurde, dass der Vorsandschef 12,5 Millionen Franken Vorabprämie erhalten hatte, ist für uns eine Welt zusammengebrochen", sagt er.

Minder trifft einen Nerv bei den Schweizern. Ähnlich wie in Deutschland, wo vor einigen Wochen die Debatte über hohe Abfindungen von Managern hoch kochte, steigen in der Schweiz die Gehälter von Vorständen und Managern weit stärker an, als die der Arbeitnehmer. Die Vorstandsbezüge haben sich bei den 20 größten Unternehmen nach Angaben der Anlagestiftung Ehtos von 2005 bis 2006 um 17 Prozent erhöht. Bei Angestellten oder Arbeitern lag der Lohnzuwachs dagegen bei höchstens 2,5 Prozent.

Die Debatte kocht auch in der Schweiz

Das regt viele Leute auf, sagt der Politikwissenschaftler Thomas Milic von der Universität Zürich. "Es gibt mittlerweile auch in der Schweiz eine Ideologie des kleinen Mannes", sagt der Politikwissenschaftler, dessen Forschungsschwerpunkt Volksabstimmungen sind. "Die Abstimmung hätte durchaus eine Chance".

UBS-Bank in Zürich (Archiv, Quelle: AP)

24 Millionen Franken trotz Milliardenabschreibungen - das Gehalt des UBS-Chefs empört viele Schweizer

Kommt Minder mit seinen Forderungen durch, stünden für Unternehmen, die in der Schweiz an der Börse notiert sind, einige Veränderungen an: Die Initiative will "Abgangsentschädigungen, Vergütungen im Voraus und Prämien bei Firmenkäufen und -verkäufen" komplett verbieten. Außerdem sollen nicht mehr die Vorstände selbst ihre Gehälter festlegen, sondern die Generalversammlung der Aktionäre. Minder will so die Unternehmenseigner vor der "grenzenlosen Gier" ihrer Manager schützen. Er versteht sich dabei nicht als sozialistischer Vorkämpfer: "Ich bin bürgerlich und sehr liberal denkend. Der Vorschlag ist durchaus wirtschaftsfreundlich."

Die Chancen, dass Minder mit seinem Volksbegehren etwas bewirkt, stehen nicht schlecht, sagt Politikwissenschaftler Milic. Generell sei es zwar unwahrscheinlich, dass eidgenössische Volksinitiativen von der Bevölkerung bestätigt werden: "Von den etwa 200 Volksbegehren sind gerade einmal 15 durchgekommen". Doch auch wenn die Initiative gegen die Abzocke scheitern sollte - die Politik wird sich mit dem Thema beschäftigen.

Sind die 100.000 Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt, muss es das Parlament innerhalb von drei Jahren der Bevölkerung zur Abstimmung vorlegen. Während dieser Zeit legt die Regierung üblicherweise einen Gegenvorschlag vor, "der oft einige Elemente mit einbaut und die eigentliche Initiative als zu extrem erscheinen lässt", sagt Milic. Oft werden einige Forderungen schon in Gesetze gefasst, bevor es zur Abstimmung kommt - um den Initiativen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Rückhalt bei den linken Parteien

Doch Minder hat sogar Chancen auf eine Mehrheit. Sozialdemokraten, Grüne und einige linke Splitterparteien stehen hinter ihm, nur die Bürgerlichen haben sich noch nicht Position bezogen.

Wolf Linder, Politikwissenschaftler an der Uni Bern rechnet dagegen nicht damit, dass die Eidgenossen die Freiheit der Unternehmen einschränken. "Die Schweizer denken viel wirtschaftsliberaler als die Deutschen und da gibt es so etwas ja auch nicht." Linder ist überzeugt; Wenn die Volksabstimmung ansteht, wird alles beim Alten bleibt.

Erste Erfolge?

Oerlikon-Chef Thomas Limberger (2006, Quelle: DPA)

Kommt auch mit 7,7 Millionen Franken über die Runden: Oerlikon-Chef Thomas Limberger

Momentan sieht es nicht so aus. Der Druck aus der Bevölkerung scheint bei einigen Managern Wirkung zu zeigen: Thomas Limberger, Chef des Technologiekonzerns Oerlikon, hätte ein Jahreseinkommen von zwanzig Millionen Franken erhalten sollen. Als Mitte Januar die Empörungswelle einsetzte ein, ruderte er zurück - um sich mit bescheidenen 7,7 Millionen Franken zu begnügen.

Die Redaktion empfiehlt