1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Der Schrei des Bengal-Tigers

Großzügige Reservate wie der Panna-Nationalpark sollten den indischen Tigern das Überleben sichern. Und doch schrumpft die Zahl der Dschungel-Könige beständig. Ihr Verschwinden hat System, klagen Tierschützer.

Ein bengalischer Königstiger durchstreift den Dschungel in Bangladesch(Foto: AP)

Herrscher ohne Land: Der bengalische Königstiger

Da, vielleicht ein Tiger, flüstert Wildführer Kaushal und zeigt auf eine raschelnde Bewegung im Dschungel. Aber sehr wahrscheinlich ist das nicht. Der Panna-Nationalpark im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh hat nur noch drei Tiger. Ein Männchen und zwei Weibchen sind aus anderen Reservaten hierher umgesiedelt worden. Um die fast 40 Tiger zu ersetzen, die Panna in den vergangenen Jahren verloren hat. Alles spricht für organisierte Wilderei. Wildführer Kaushal redet nicht gerne darüber.

Straf- und Verantwortungslosigkeit

Für Belinda Wright ist das Verschwinden der Tiger von Panna einer der größten Wildtierschutzskandale Indiens überhaupt. Und niemand habe dafür die Verantwortung übernommen, beklagt die bekannteste Tigerschützerin des Landes. Kein einziger Forstbeamter sei bisher bestraft worden. „Die Tiger verschwanden einfach und wir konnten nichts machen“, erzählt Wright. Das zeige, dass dies immer wieder passieren werde, solange die politische Unterstützung fehlt.

Belinda Wright und ihr Team haben dokumentiert, wie Tiger mit Fußfallen gefangen und dann mit Pfeil und Bogen erlegt werden. Fast immer von Angehörigen traditioneller Jagdvölker, deren einziger Stolz es ist, den König des Dschungels töten zu können. Die Wilderer häuten und zerlegen die Tiger in Windeseile und übergeben ihre Beute an organisierte Banden. Die schmuggeln Felle, Tatzen, Krallen und Innereien aus dem Land – vor allem nach China, wo die Ware heiß begehrt ist.

Panna-Park-Direktor Murthy im Interview mit DW-Korrespondentin Sandra Petersmann (Foto: DW)

Fühlt sich von der Politik im Stich gelassen: Park-Direktor Murthy

„Das hat System“

Im Nationalpark Panna kämpft der neue Direktor Srinivas Murthy unterdessen einen einsamen Kampf. Das gesamte System sei gegen den Tigerschutz. „Das sind doch alles nur Lippenbekenntnisse“, sagt Murthy. „Aber ich versuche meine Wut in positive Energie umzuwandeln, um mein Team zu motivieren. Nicht nur wir haben große Probleme“. Denn von 37 Reservaten in Indien seien 16 in einem ähnlich schlechten Zustand. Wenn das Land und seine Menschen nicht bald aufwachten, werde schwierig.

An den Panna-Nationalpark grenzen etwa 100 Dörfer. Viele Menschen wohnen in Lehmhütten mit Strohdach, ohne Strom und fließendes Wasser. Ein vertriebener Bauer erzählt, dass er jedes mal vor Angst erstarrt ist, wenn er einen Tiger getroffen hat. Aber das war einmal. Die Forstbehörde habe ihnen gewaltsam ihr Land und Vieh weggenommen. Ohne Entschädigung. Er habe mir hier draußen selber ein neues Haus gebaut, erzählt der Bauer. Nun arbeite er auf dem Bau oder in den Feldern, um irgendwie durchzukommen.

Touristenführer des Panna-Nationalparks in Zentralindien (Foto: DW)

Die Touristenführer des Panna-Parks verneinen Wilderei. Ihrer Meinung nach haben die Tiger aus anderen Gründen den Park verlassen

Neuer Tiger-Zensus

Die Menschen dürfen kein Holz mehr im Park sammeln, und ihr Vieh darf auch nicht mehr dort grasen. Aber umgekehrt suchen die Wildtiere aus dem Park regelmäßig die Felder und Viehherden der benachbarten Bauern heim. Ende 2010 will Indien seinen neuen Tiger-Zensus veröffentlichen.

Alle Experten gehen davon aus, dass es deutlich weniger Tiere als die 1411 aus der letzten Zählung sein werden. Allein im vergangenen Jahr hat Indien nach offiziellen Angaben 86 Könige des Dschungels verloren. Das boomende Land mit seinem Milliardenvolk ist energie- und landhungrig. Mensch und Tiger konkurrieren um den gleichen Lebensraum.

Autorin: Sandra Petersmann

Redaktion: Sven Töniges