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Sport

Der schnellste Tag im Leben von Martin Lauer

Am 7.7.1959 schlug im Züricher Letzigrund die Stunde von Martin Lauer. Der Sprinter lief über 110 Meter Hürden einen Fabelweltrekord und war auch über die 200 Meter nicht zu bremsen. Doch seine Karriere endete tragisch.

Martin Lauer bei seinem Hürdenweltrekord in Zürich (Foto: AP)

Martin Lauer bei seinem Hürdenweltrekord in Zürich

Der gebürtige Kölner Martin Lauer war in der Hürdensprinter-Szene Mitte 1959 wahrlich kein Unbekannter mehr. Das damals 22-jährige Leichtathletik-Multi-Talent war amtierender 110-Meter-Hürden-Europameister, außerdem drei Jahre zuvor bei den Olympischen Spielen im australischen Melbourne über diese Strecke schon Vierter geworden. Am 7. Juli 1959 wurde er dann schlagartig weltberühmt, als er in Zürich innerhalb von nur einer Stunde gleich drei Hürden-Weltrekorde lief. Es waren die ersten drei von bis heute 27 Rekorden, die im Letzigrund aufgestellt wurden.

50 Jahre danach erinnert sich Lauer an einen für ihn perfekten Sommertag zurück: "Man musste damals sehr lange warten, bis man die Chance hatte, einen Weltrekord zu laufen. Man musste gesund und in Hochform sein, man musste natürlich auch schon zu den Besten gehören. Außerdem musste es warm sein und vernünftiger Rückenwind herrschen. Und natürlich benötigte man richtig gute Gegner, an denen man sich steigern konnte. An dem Tag hat alles gepasst."

"Die beste Aschenbahn der Welt“

Martin Lauer bei einer Ehrung (Foto: AP)

Martin Lauer 2008 bei einer Ehrung

Bis mittags war der Maschinenbau-Student noch in München in der Uni gewesen, flog dann nach Zürich, um den sommerlichen Nachmittag bei gutem Wind auf dem Zürichsee im Segelboot zu verbringen. Doch in Gedanken war Lauer schon da auf der Aschenbahn des Stadions unterwegs. Schließlich wollte er nur ein paar Stunden später den drei Jahre alten 110-Meter-Hürden-Weltrekord des Amerikaners Jack Davis knacken. Der US-Sprinter war 1956 in Bakersfield 13,4 Sekunden gelaufen.

Lauers Hoffnungen beruhten vor allem auf der schnellen Piste im Letzigrund-Stadion. "Die Züricher Bahn war besonders gut gepflegt und damals wohl die beste Aschenbahn der Welt. Ich war im Frühjahr auf der selben Bahn mit 13,5 Sekunden schon bis auf ein Zehntel an den bestehenden Weltrekord heran gelaufen. Und ich wusste, welches Wetter herrschen würde. Deswegen habe ich mir gesagt, jetzt packe ich es an, jetzt muss es gelingen", beschreibt Lauer seine Gedanken vor dem Start.

Einem Fehlstart folgt der große Jubel

Vom Segelboot ging es direkt ins Stadion und nach kurzem Aufwärmen wurden die Läufer auch schon in die Startblöcke gerufen. Lauer ging volles Risiko und wurde dafür zunächst bestraft: Er verursachte einen Fehlstart. Doch der zweite Start klappte perfekt, und die später als "magische Piste" bekannt gewordene Bahn im Letzigrund verlieh dem Deutschen scheinbar Flügel: "Ich wusste ja nicht, wie schnell ich laufen konnte. Das weiß man ja erst, wenn man es mal getan hat. Ich hatte während des Laufs das Gefühl, dass da vorne einer schneller zieht, als ich laufen kann. Sodass ich fast meinte, ich fliege vorne über."

Doch Lauer fiel nicht, sondern durfte im Ziel jubeln. Alle drei Stoppuhren zeigten für ihn die sagenhafte Zeit von 13,2 Sekunden an. "Zwei Zehntel, das waren über zwei Meter Vorsprung vor dem Weltrekord. Das kann man sich natürlich wünschen, aber so etwas traut man sich dann einfach auch nicht zu", versucht Lauer heute, seine damaligen Gedanken und seine eigene Überraschung zu schildern. Lauer hatte nicht nur einen 110-Meter-Hürdenweltrekord aufgestellt, sondern gleichzeitig auch noch den über die 27 Zentimeter kürzere 120-Yards-Strecke.

US-Sprinter fordert Revanche

Viel Zeit zum Jubeln blieb dem deutschen Olympiateilnehmer aber nicht. Sein unterlegener amerikanischer Konkurrent Willie May war tief enttäuscht über die Niederlage und forderte umgehend Revanche. Und so wurde kurzerhand noch ein 200-Meter-Hürdenrennen gestartet. Vielleicht hätte May diesen Wunsch besser nicht geäußert, so Lauer augenzwinkernd im Rückblick: "Der wusste ja nicht, dass ich auch über 200 Meter schnell bin. Und da hat er sich natürlich erhofft, einen Sieg zu ergattern. Wenn die nach Hause kamen und mussten berichten, sie sind von einem Europäer geschlagen worden, sind die Amerikaner damals nur ungläubig angeguckt worden."

Es kam, wie es an diesem Tag kommen musste: Der Plan des Amerikaners ging nicht auf - wieder siegte Lauer, und wieder in Weltrekordzeit von diesmal 22,5 Sekunden. Dass die Konkurrenz ihm nach den Rekorden nicht gratulierte, nimmt Martin Lauer selbst 50 Jahre später immer noch ganz sportlich: "Ich war denen keinen Händedruck wert. Na und? Ich bin auch keinem begeistert um den Hals gefallen, wenn einer Weltrekord gerannt ist. Verlieren war immer mit Ärger verbunden. Und damit basta." Anerkennung aus den USA erfuhr Lauer wenige Monate später dann doch noch: Die Fachzeitschrift "Track and Fields" wählte ihn 1959 zum ersten Welt-Leichtathleten des Jahres überhaupt.

Lauers sportliche Karriere endet tragisch

Martin Lauer als Schlagersänger (Foto: dpa)

Der Schlagersänger Martin Lauer

Lauers Rekord über die nicht-olympischen 200 Meter wurde ein Jahr später noch einmal eingestellt, dann wurde die Rekordliste für diese Strecke für immer geschlossen. Doch der Züricher Fabelweltrekord über die 110 Meter Hürden hatte fast auf den Tag genau noch 14 Jahre Bestand. Erst am 6. Juli 1973 lief Rod Milburn aus den USA, wieder im Züricher Letzigrund, 13,1 Sekunden. Ein Jahr zuvor war der Amerikaner auf der Kunststoffbahn in München in elektronisch gestoppten 13,24 Sekunden Olympiasieger geworden. Sportlich fair nahm Lauer diese Entwicklung zur Kenntnis: "Ich bin ja ein nüchterner Typ und mir war klar, dass mein Weltrekord keinen Bestand mehr hat, wenn die Kunststoffbahnen kommen und alles, was obendrein noch leistungsfördernd ist. Ich habe mich nur gewundert, dass es so lange gedauert hat.“

In der Zwischenzeit hatte Lauer seine sportliche Karriere im Alter von nur 23 Jahren viel zu früh beenden müssen. Bei den Olympischen Spielen 1960 holte er trotz einer Knochenhaut-Entzündung im rechten Fußgelenk mit der deutschen 4 x 100 Meter Staffel zwar noch in Weltrekordzeit Gold und wurde erneut Vierter über die 110 Meter Hürden. Doch im März 1961 erlitt er eine schwere Blutvergiftung, als ihm in München ein Arzt eine unsaubere Spritze gegen seine Entzündung gab. Der Student lag über ein Jahr im Krankenhaus, wochenlang sogar im Koma und ihm drohte die Amputation seines Beines. So erfüllten sich seine weiteren sportlichen Träume, etwa der des Weltrekords und Olympiasiegs im Zehnkampf, leider nicht mehr.

Als Lauer nach über einem Jahr im Krankenhaus endlich wieder auf den Beinen war, startete er eine zweite Karriere als erfolgreicher Country-Sänger mit mehr als vier Millionen verkauften Schallplatten. Später arbeitete er als Diplom-Ingenieur im Maschinenbaubereich. Heute lebt der 72-Jährige im bayerischen Lauf und engagiert sich dort in einem Leichtathletik-Verein für den Nachwuchs.

Autor: Uli Petersen

Redaktion: Wolfgang van Kann



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