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Kultur

Der schmerzhaft deutsche Dichter

Kein Dichter hat sich öfter und engagierter politisch zu Wort gemeldet als er. Aber war Thomas Mann ein politischer Schriftsteller? Eine Betrachtung zum 50. Todestag des großen Autors am 12. August 2005.

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Ein politischer Kopf oder nicht?

Das Verhältnis der Deutschen zu Thomas Mann war nach dem Zweiten Weltkrieg gespannt. Vor allem seine politischen Äußerungen waren es, die im Nachkriegs-Deutschland geradezu eine öffentliche Kampagne hervorgerufen haben. Man nahm dem Emigranten übel, dass er über den britischen Sender BBC in seinen Reden an "Deutsche Hörer" zum Widerstand gegen Hitler aufgerufen hatte und dass er in einer Rede sogar Verständnis für die Bombardierung seiner Heimatstadt Lübeck geäußert hatte. Er sprach nach dem Krieg von der Kollektivschuld der Deutschen, versprach sich von einer großen Hinrichtungswelle einen reinigenden Effekt - und war nicht gewillt, seine Landsleute von der Verantwortung freizusprechen.

Betrachtung eines Unpolitischen

Die grundsätzliche Frage bleibt aber: War er wirklich ein politischer Denker? "Das würde ich heute nicht mehr so sehen", sagt Manfred Görtemaker, der gerade die Studie "Thomas Mann und die Politik" veröffentlicht hat. Mann hat zwar enorm viel über Politik geschrieben, Görtemaker schließt sich aber der Meinung von Literaturkenner Marcel Reich-Ranicki an: Mann sei im Grunde doch ein eher unpolitischer Mensch gewesen, der als Künstler die Politik beurteilt. "Um es auf den Punkt zu bringen: Seine Betrachtungen zur Politik sind sein Leben lang 'Betrachtungen eines Unpolitischen' geblieben, so wie er das im Ersten Weltkrieg schon formuliert hat."

Thomas Mann

Thomas Mann in Los Angeles, 30. Oktober 1942

Mit den "Betrachtungen eines Unpolitischen" griff Thomas Mann gegen Ende des Ersten Weltkrieges erstmals vehement in die Tagespolitik ein. Als schauriges Buch bezeichnet Görtemaker diese 580 Seiten, als langatmig und schwülstig, abstrus, entrückt und wirklichkeitsfremd. Ein "Produkt des Zeitgeistes im Ersten Weltkrieg".

Elitäres Erbe

Zum Demokraten wurde der Schriftsteller zeit seines Lebens nicht. "Man wird ihm am ehesten gerecht, wenn man auf sein Deutschtum rekurriert. Die meisten Deutschen sind ja bis heute keine Demokraten. Sondern sie haben nicht nur eine sehr starke obrigkeitsstaatliche Tradition, sondern sie sind tief verwurzelt im 19. Jahrhundert, in der Philosophie des Idealismus, in der Romantik, in der Innerlichkeit", sagt Görtemaker. "Und das galt natürlich auch für Thomas Mann." Der im Grunde als eine Art von Patrizier begonnen habe, und dieses patrizische Erbe dann nie mehr los wurde. "Er ist sein Leben lang elitär, natürlich auch künstlerisch elitär geblieben. Und egal, was er zur Politik sagt, dieses Erbe bleibt bis zum Lebensende erhalten", meint der Mann-Kenner.

"Vernunftsrepublikaner"

In der Weimarer Republik wandelte sich Thomas Mann jedoch zum "Vernunftrepublikaner". Er warnte bereits Anfang der 1920er Jahre vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten und fand dann, mit der Machtübernahme durch die Nazis, seine eigentliche Aufgabe als politischer Autor: Im Kampf gegen Hitler. In seinen Reden an "Deutsche Hörer" über die BBC London rief Mann die Deutschen wiederholt zur Beseitigung Hitlers und zum Widerstand gegen den Diktator auf.

Gegen Ende des Krieges resignierte Mann. "Hitler ist kein Zufall", hatte Thomas Mann schon 1937 geurteilt und hinzugefügt: "Er ist ein echtes deutsches Phänomen." Damit war er weiter als viele Deutsche, die den Nationalsozialismus noch in den 1950er und 1960er Jahren gern als Betriebsunfall bezeichneten. "Thomas Mann leitet Hitler natürlich, logischerweise und völlig zu Recht, aus der politischen Philosophie der Deutschen, aus der politischen Kultur der Deutschen ab", sagt Görtmaker. Dazu gehörten Idealismus und Romantik einerseits, andererseits aber auch der alte Obrigkeitsstaat, die Suche nach einem starken Führer, einer starken Persönlichkeit. "Dann landet man logischerweise bei diesen Verfehlungen, die in der Person Hitlers letztlich gipfeln."

"Sehr schmerzhaft"

Thomas Mann blieb sein Leben lang "ein unpolitischer Dichter, der sich immer wieder zu politischen Stellungnahmen gedrängt fühlte", urteilt Görtemaker. Irrtümer und Widersprüche weist der Wissenschaftler in Hülle und Fülle nach. Doch Thomas Mann erhellt das Deutschtum auf eine Weise, die heute noch schmerzen kann. "In dieser Hinsicht sind die Erklärungen, die Thomas Mann bietet, sehr zutreffend und auch heute noch des Nachdenkens wert." Er könne jedem nur empfehlen, Thomas Mann, auch den politischen Thomas Mann, heute wieder zu lesen. "Man wird sehr vieles erfahren, was einem nicht so gut gefällt", sagt Görtemaker. "Auch über sich selbst."

Manfred Görtemaker: Thomas Mann und die Politik. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005. 284 Seiten, 19.90 Euro

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