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Wirtschaft

Der Schlecker-Clan vor dem Kadi

Seit heute steht die Familie des einstigen Drogeriemarkt-Imperiums Schlecker vor Gericht. Beim Bankrott des Imperiums vor fünf Jahren soll die Familie aus Schwaben Millionenbeträge beiseite geschafft haben.

Anton Schlecker, einst Eigentümer der größten Drogeriemarktkette Europas, eifert in einer Hinsicht den Brüdern Albrecht, den Gründern des Discounters Aldi nach: Er scheut die Öffentlichkeit - und vor allem die Kamera-Objektive der Journalisten. Doch an diesem Montag (06.03.2017) wird er kaum eine Chance haben, neugierigen Blicken zu entgehen. Dem 72-Jährigen wird vorsätzlicher Bankrott, Insolvenzverschleppung und Untreue vorgeworfen. Schlecker, seine Frau Christa und seine beiden Kinder Meike und Lars müssen sich vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft Schlecker nicht nur falsche Angaben in den Bilanzen der Drogeriemarktkette vor. In insgesamt 36 Fällen soll Schlecker Vermögenswerte zur Seite geschafft haben, die eigentlich in die Insolvenzmasse gehörten. Drei Jahre lang hat die Stuttgarter Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft im Fall Schlecker ermittelt und im April vergangenen Jahres Anklage erhoben - die Anklageschrift umfasst 270 Seiten. Auf Straftaten im Zusammenhang mit einem Bankrott stehen Haftstrafen von bis zu fünf Jahren, in besonders schweren Fällen bis zu zehn Jahren Haft.

Lars, Anton, Christa und Meike Schlecker (dapd)

Eines der wenigen Bilder: Anton Schlecker (2.v.l.), neben ihm seine Frau Christa mit den Kindern Lars und Meike

Rasanter Aufstieg

Begonnen hatte alles 1975 im schwäbischen Kirchheim/Teck, wo der damals 31-jährige Anton Schlecker seinen ersten Drogeriemarkt eröffnete. Zwei Jahre später betreibt er bereits 100 Schlecker-Märkte, nach neun Jahren nennt er 1000 Filialen sein Eigen. Seit 1987 expandiert die Kette ins Ausland. Im Jahr 2003 verkündet Schlecker auf der Webseite des Unternehmens, "zum Ausbau der Marktführerschaft" würden in den nächsten Jahren Dänemark, Polen, Ungarn, Slowakei, Slowenien und Tschechien erschlossen werden. 2007 ist Schlecker in 13 Ländern in Europa aktiv und beschäftigt über 52.000 Mitarbeiter.

Zwischendurch indes hatte das Saubermann-Image der schwäbischen Kaufmanns-Familie einige Kratzer bekommen. So verurteilte das Stuttgarter Landgericht im Jahr 1998 das Ehepaar Schlecker wegen Betruges zu einer Haftstrafe von je zehn Monaten auf Bewährung, weil sie ihren Angestellten vorgegaukelt hatten, nach Tarif zu zahlen. Und Jahre später kam das Schlecker-Management in die Kritik, weil es illegal Kameras zur Überwachung seiner Mitarbeiter installieren ließ.

Im Januar 2010 wurden dank Schlecker die Stimmen immer lauter, die eine kritische Überprüfung des so genannten Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes forderten. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di warf dem Konzern vor, ihren Mitarbeitern zu kündigen, um sie anschließend in einer von Schlecker selbst gegründeten Leiharbeitsfirma namens Meniar ("Menschen in Arbeit") mit Sitz im sächsischen Zwickau zu beschäftigen - allerdings für nur noch rund die Hälfte des ursprünglichen Lohns.

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Es ist nichts mehr da: Schlecker-Tochter Meike auf einer Pressekonferenz am 30.Januar 2012

Kratzer im Image

Ursprünglich sollte das Gesetz Leiharbeiter schützen: Gleiche Arbeitszeit, gleiches Arbeitsentgelt, gleiche Urlaubsansprüche wie bei den fest Angestellten. Es sei denn, ein Tarifvertrag lässt abweichende Regelungen zu. Und hier setzten Unternehmen wie Schlecker an: Sie handelten mit einer obskuren Gewerkschaft, die sich "Tarifgemeinschaft Christliche Gewerkschaften Zeitarbeit" nannte, neue Tarifverträge aus, in denen aus einem ursprünglichen Stundenlohn von zwölf Euro ein Entgelt von 6,50 Euro pro Stunde wurden. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) sah damals keine Möglichkeit zum Eingreifen.

So oder so - der Ruf der Schlecker-Familie war dahin, Politiker warfen dem Konzern, der zu Spitzenzeiten 7,4 Milliarden Euro Umsatz machte, "systematische Lohnflucht" vor, die "das soziale Gefüge in Schieflage bringt", so der damalige NRW-Arbeitsminister Karl Josef Laumann.

Ein Jahr später gerät der ganze Konzern in Schieflage. Kunden und Erträge bleiben aus. Die Filialen, die ohnehin ein Ramschladen- und Billigheimer-Flair verbreiten, sollen modernisiert werden, eine Marketingkampagne soll das angeschlagene Image aufpolieren.

Statt "Turnaround" der Bankrott

Doch das kostet Geld. Im Dezember 2011 schließt Schlecker 600 seiner rund 8000 Filialen in Deutschland und kündigt für 2012 weitere Schließungen an. Sohn Lars Schlecker, seit 2010 mit seiner Schwester Meike im Management des Konzerns, weist Gerüchte um Zahlungsprobleme zurück, im Jahr 2012 werde Schlecker "den Turnaround" schaffen.

Doch schon einen Monat später, im Januar 2012, platzt die Bombe: Schlecker ist insolvent. Eine Zwischenfinanzierung für die anstehende Sanierung sei gescheitert, so bleibe nur noch die "geplante Insolvenz", teilte das Unternehmen mit. Betroffen sind neben den Läden in Deutschland etwa 3000 weitere in Österreich, Spanien, Frankreich, Italien, Tschechien, Polen und Portugal.

Für den Gründer des Unternehmens, Anton Schlecker, ist die Pleite ein Desaster. Der einstige Multimilliardär ist finanziell ruiniert. Der Insolvenzverwalter betonte, die Pleite von Schlecker bedeute auch die Privatinsolvenz von Firmengründer Anton Schlecker. Die Drogeriemarkt-Kette hatte die Rechtsform eines eingetragenen Kaufmanns (e.K.). Hierdurch stünden Anton Schlecker und seine Familie für alle Verbindlichkeiten gerade.

"Wir haben kein Vermögen mehr"

Meike Schlecker, die Tochter des Firmengründers Anton Schlecker, widersprach damals Meldungen, das Unternehmen verfüge über ein großes Vermögen. Die Familie habe "keine wesentlichen privaten Vermögen mehr", erklärte sie. Schlecker habe in den vergangenen Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag in das Geschäft gepumpt, um die Restrukturierung voran zu bringen. Die Kinder des Firmengründers wollen angeblich das Unternehmen weiter führen und so viele Arbeitsplätze wie möglich retten.

Das sieht der Stuttgarter Staatsanwalt heute ganz anders. Zwar mögen dreistellige Millionenbeträge geflossen sein, doch vermutlich vornehmlich auf Konten der Familie. Darunter befinden sich laut Anklageschrift fünfstellige Beträge für Luxusreisen der Kinder Lars und Meike, sechsstellige Geschenke für die Enkel, Wohnungsrenovierungen in Millionenhöhe. Alles Beträge, die eigentlich in die Insolvenzmasse gehört hätten.

 

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