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Kultur

Der Schüler aus Falludscha

Wissam K. ist Schüler in einem angesehenen internationalen College bei Triest in Italien. Noch bis vor kurzem ging er auf die Al-Rahman Schule in Falludscha. Dort erlebte er das Grauen. Ein Erlebnisbericht.

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Falludscha: großflächige Zerstörung

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Ali Wissam (Foto: privat)

Duino in der Nähe von Triest ist ein Ort, in dem man gerne einmal Urlaub machen möchte. Und es ist ein Ort, der Dichter betört. Hier verfasste Rainer Maria Rilke seine Duineser Elegie. Darin schwärmt Rilke vom Schloss von Duino. An diesem friedlichen Ort liegt das neue Zuhause von Wissam K.: das United World College of the Adriatic.

Rund 200 Schüler hat das College derzeit, sie kommen aus über 80 Nationen, viele aus Kriegsgebieten wie Afghanistan, Tschetschenien, Palästina. Neben Wissam gibt es nur noch einen anderen Iraker. Die jungen Menschen können hier in zwei Jahren einen international anerkannten Schulabschluss machen. Die Schule in Duino ist eine von zehn United World Colleges, deren erklärtes Ziel die Völkerverständigung ist. Aus den UWC sprudelten "Quellen der Innovation und Ströme des Wandels", sagte einmal Nelson Mandela, der Präsident des Internationalen Kuratoriums der UWC.

Wissams zwei Leben

Wer eine UWC besuchen will, braucht Talent, muss strenge Aufnahmetests bestehen. Wissam hat es geschafft. Der ehemalige UN-Koordinator für den Irak, Hans von Sponeck, setzte sich persönlich für Wissam ein und vermittelte das Stipendium. Für den jungen Iraker gibt es nun ein Leben vor und nach dem 10. Januar, dem Tag seiner Ankunft in Duino. Das neue ist jung und unbeschwert, zumindest nach außen hin. Wissam lernt zurzeit vor allem Englisch, mittags steht Sport auf dem Programm, abends geht er schon mal aus mit den neuen Freunden, Pizza und Makkaroni essen. Oder er unternimmt Spaziergänge am Strand. Es ist eine heile Welt.

Das, was Wissam über das Leben vor dem 10. Januar zu erzählen hat, passt nicht in diese Welt. Es ist der Bericht eines 19-jährigen Jungen, der den Krieg erlebt hat, einer der Leichen aus zerbombten Häusern gezerrt hat, der Freunde und Verwandte verloren hat. Wissam kommt aus Saklawiya, ein Dorf in der Nähe von Falludscha. Unter der Woche wohnte Wissam bei seinen Großeltern im Zentrum von Falludscha. Dort besuchte er die über die Stadtgrenzen hinaus renommierte Al-Rahman Schule. Der Schulbetrieb lief auch nach dem Einmarsch der US-Truppen im Irak weiter, auch wenn immer wieder Bomben fielen.

Tage der Finsternis

Immer wenn eine Schule getroffen wurde, war Wissam zur Stelle, um zu reparieren, was möglich war. Kurz vor der Großoffensive der US-Truppen, schaffte Wissams Familie die Großeltern aus der Stadt. Doch Wissam kehrte zurück, die "Schule reparieren". Dann begann im November das, was Wissam den "Horrorfilm" nennt: Bomben fielen auf die Stadt, Granaten explodierte, Maschinengewehrfeuer ratterte stundenlang, tagelang, wochenlang. Aus der Stadt herauszukommen, wurde so gut wie unmöglich. "Die US-Soldaten schossen ohne Vorwarnung auf alles was sich bewegt. Wir alle waren für sie Terroristen", sagt der junge Mann.

Bei jedem Angriff versammelt sich Wissam mit seinen Freunden. Während die Bomben fielen, diskutierten sie über den Krieg. Ein besonderes Versteck hatten sie nicht. Er meint: "Wenn du sterben musst, wirst du sterben, das liegt allein in Allahs Hand."

Als es wieder still wurde, gingen sie umher zu den zerbombten Häusern. "Wir zogen jeden Tag Leichen aus den Trümmern". Die Amerikaner hätten immer behauptet, Verstecke des meist gesuchten Terroristen im Irak, Abu Musab al-Sarkawi, bombardiert zu haben. "Wir sind immer zu den angeblichen Verstecken hingelaufen. Was wir fanden waren tote Kinder, Frauen und alte Menschen. Sieht so dieser Sarkawi aus?"

Das Trauma wirkt nach, in den Schrecken mischt sich Wut. Wissam erinnert sich an einen Fußballplatz in Falludscha, der voller Leichen lag. Die Behauptung der USA, in Falludscha habe es ausländische Kämpfer gegeben, sei eine Lüge, meint Wissam. "Die Stadt ist nicht sehr groß, die Familien kennen sich untereinander." Sarkawi, der Jordanier sein soll, wäre sofort aufgefallen. Es gebe so viele Lügen. "Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie US-Soldaten Leuten Geld gegeben haben, damit die in die Kameras sagen, dass ihre Verwandten in Massengräbern von Saddam Hussein liegen."

Durch den Fluss in die Freiheit

Wissam aß vier Tage lang nichts, dann ging auch das Trinkwasser aus, irgendwann fiel er in Ohnmacht. Und irgendwann beschloss Wissam die Stadt zu verlassen, schlich sich von Haus zu Haus an den Stadtrand. Am Fluss Euphrat waren die Brücken zerstört, auch die kleinen Boote, die die Menschen ans andere Ufer brachten. Wissam schwamm.

Er hat überlebt. Einige seiner Freunde nicht, sie starben im Kugelhagel oder in der Feuersbrunst. Seine Eltern und seine acht Brüder konnten es kaum glauben, dass er überlebt hat. Dabei hätte Wissam den Sturm auf Falludscha gar nicht miterleben müssen. Er sollte schon im September nach Italien fliegen. Doch es gab Probleme mit seinem Visum. Deshalb musste er bleiben.

Am Ende hat er es doch noch nach Italien geschafft. Jeden Tag versucht er seine Familie in Saklawiya anzurufen, einmal gelang es für ein paar Minuten, dann brach die Leitung zusammen. Die Situation ist schlimm, es gibt keinen Strom, nicht einmal Kerzen. "Nach Falludscha darf man nur vorübergehend. Nachts verwandelt sich der Ort in eine Geisterstadt". Die Wahlen in seinem Land sieht er skeptisch: "Es gibt keine freien Wahlen unter einer Besatzungsmacht."

In den Irak zurück will Wissam vorerst nicht. "Ich will studieren, in meiner Heimat kann ich das nicht". Doch er hat Hoffnung, dass irgendwann "Friedenstauben und keine Raketen" durch die Luft fliegen. An einen Bürgerkrieg glaubt er nicht. "In meiner Schule gab es Kurden, Schiiten und Sunniten und Turkmenen, wir waren wie eine Familie."

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