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Politik & Gesellschaft

Der Sauerland-Countdown läuft

Bald steht fest, ob Adolf Sauerland Oberbürgermeister von Duisburg bleibt. Viele machen ihn für die Katastrophe bei der Loveparade 2010 politisch verantwortlich. Andere fragen sich, ob es darum überhaupt noch geht.

Klar ist da noch Wut – da ist auch noch eine Menge Frust und Schmerz, Resignation und Achselzucken. Auf eines trifft man bei einem Ortsbesuch in Duisburg aber auch eineinhalb Jahre nach der Katastrophe bei der Loveparade nicht: Überdruss. In den Medien mag der schicksalhafte Sommertag inzwischen nur noch am Jahrestag und in Rückblicken vorkommen. In der Stadt selbst hat fast jeder, den man spontan anspricht, eine fundierte Meinung dazu – und immer noch Interesse, darüber zu sprechen: über den 24. Juli 2010, an dem 21 Menschen während einer Massenpanik in einem Tunnel auf dem Weg zum Festivalgelände zu Tode kamen. Seither wird untersucht, ob Behörden oder Veranstalter Fehler bei der Planung des Großereignisses gemacht haben.

Warten auf eine Entscheidung

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (Foto: WDR)

Adolf Sauerland

Da sind die Duisburger, die heute sagen: Einer soll gehen. Wenigstens einer. Einer, der mitverantwortlich ist, einer, der nicht einsehen will, dass es neben rechtlicher Schuld auch die moralische und politische gibt. Die anderen sprechen von überzogenem Wirbel und politischen Machtkämpfen. Das Einzige, was sie eint, ist der Wunsch, dass die Diskussion um Oberbürgermeister Adolf Sauerland endlich beendet wird.

Mitte Februar könnte es soweit sein, der Countdown hat begonnen, vier Wochen lang können 365.910 Duisburger darüber abstimmen, ob Sauerland im Amt bleiben soll. Sollte mindestens ein Viertel von ihnen bis zum 12. Februar für eine Abwahl sein, muss Adolf Sauerland am 13. Februar sein Büro räumen.

Sauerland sitzt es aus

Sollte diese Mindestanzahl an Stimmen allerdings nicht erreicht werden, kann Sauerland noch bis 2015 im Amt bleiben und wahrscheinlich würde er das trotz heftiger Kritik an seiner Person sogar durchziehen. Der CDU-Politiker weist bis jetzt jede Mitschuld an der Katastrophe des Sommers vor eineinhalb Jahren von sich und sagte noch Ende 2011, er werde sich nur dann vorzeitig aus dem Amt zurückziehen, wenn einer seiner Mitarbeiter vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung verurteilt würde. Noch ermittelt die Duisburger Staatsanwaltschaft hier allerdings, bis jetzt gegen 17 Personen, darunter elf Mitglieder der Stadtverwaltung.

Loveparade-Besucher versuchen, das Festivalgelände zu verlassen (Foto: AP)

Loveparade-Besucher versuchen, das Festivalgelände zu verlassen

Auf diesen Prozess haben die Duisburger keinen Einfluss. Deshalb konzentrieren viele ihre Empörung und ihren Schmerz über die Toten, hunderte Verletzte und Traumatisierte auf Adolf Sauerland. Die Staatsanwaltschaft hat ihn zwar nicht im Visier, trotzdem gilt er als das Unglücksgesicht der Loveparade 2010 und das liegt tatsächlich, Schuld hin oder her, vor allem an ihm selbst und seinem Krisenmanagement. Als "misslungen" müssen das auch seine Befürworter bezeichnen. "Er hat es nicht geschafft, mit seiner Stadt zu trauern", bringt Theo Steegmann es auf den Punkt, der sich für die Abwahl Sauerlands einsetzt.

Veränderung statt Schweigen

Steegmann ist einer von zwei Sprechern der Bürgerinitiative "Neuanfang für Duisburg", SPD-Mitglied, und er wehrt sich gegen jeden Verdacht, es gehe der Initiative vor allem um einen politischen Machtwechsel statt um moralische Gerechtigkeit. Die Hälfte seiner Mitstreiter sei parteilos, sagt er. Für ihn ist der Bürgerentscheid dennoch auch zu einer stellvertretenden Aktion gegen all jene Politiker geworden, die keine Verantwortung übernehmen wollen. Oder wie Steegmann es sagt, "gegen die Politiker, die gerne den Fassbieranstich auf der Kirmes übernehmen, aber ihr Handeln dem Bürger gegenüber nicht mehr rechtfertigen wollen, die sich einmal wählen lassen und dann in einem System des Machterhalts agieren".

Zelt der Bürgerinitiative 'Neuanfang für Duisburg' , davor ein Aktionsplakat (Foto: DW)

Initiative gegen Politikverdrossenheit

Aus dieser Perspektive ist der Bürgerentscheid das einzig Konstruktive, das bis jetzt aus dem tragischen Ende des Techno-Spektakels hervorgegangen ist. "Er hat der Stadt etwas von ihrer politischen Würde zurückgegeben", sagt Steegmann. Er und seine Mitstreiter hoffen, dass sie die Politikverdrossenheit vieler Duisburger mit ihrer Initiative knacken können. "Die nächsten vier Wochen arbeiten wir daran, auch die Bürger aus ihrer Ecke zu holen, die längst den Glauben an die Politik verloren haben. Jetzt haben sie eine Chance, Politik mitzugestalten, ich hoffe, sie nutzen sie auch."

Der Makel bleibt

Einfach wird das nicht. Auch wenn zahlreiche Menschen am Zelt der Bürgerinitiative in der Duisburger Innenstadt stehen bleiben, sich Informationen über den Bürgerentscheid holen und den Rednern applaudieren, die "Verantwortung" fordern. Es gibt eben auch viele, die "bei dem Zirkus" nicht mitmachen wollen, und sagen, Sauerland habe zwar Fehler gemacht, aber er sei nun mal nicht schuld an der Katastrophe und die Justiz werde die wahren Schuldigen schon belangen.

Eins ist allerdings allen Duisburgern klar: Ihre Stadt wird immer mit der Katastrophe vom Sommer 2010 in Verbindung gebracht werden, egal wie der Bürgerentscheid letztlich ausfällt, egal, wie Adolf Sauerland sich verhält. "Damit müssen wir leben", sagt eine Passantin, die Stadt werde diesen Makel nie wieder los.

Autorin: Marlis Schaum
Redaktion: Monika Dittrich

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