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Kultur

Der sanftmütige Strenge - der Papst wird 85

Für die einen ist er der Visionär einer Ökumene, für die anderen ein erzkonservativer Reformverweigerer - Kritik und Applaus zum Geburtstag von Benedikt XVI. Wie feiert der Papst seinen Ehrentag?

Papst Benedikt XVI. zelebriert Ostermesse 2012 (Foto: AP)

Papst Benedikt XVI. zelebriert Ostermesse 2012

"Ein bissle Ruhe, Gottes Segen und Gesundheit": Das sind laut Papstbruder Georg Ratzinger die Geburtstagswünsche von Benedikt XVI. Doch Ruhe wird der Papst sicher nicht haben, wenn er seinen 85. Geburtstag feiert. Gäste aus aller Welt geben sich im Vatikan die Klinke in die Hand. Ein anstrengendes Programm, doch kein Problem für den Papst, dem es gesundheitlich gut gehe, wie Papstsprecher Federico Lombardi nicht müde wird zu betonen.

Joseph Aloisius Ratzinger, so der bürgerliche Name von Papst Benedikt XVI., wurde am 16. April 1927 in Süddeutschland geboren. Im oberbayerischen Marktl am Inn wuchs er in einer strenggläubigen Familie auf. Nach Priesterweihe und einer Promotion in Theologie lehrte er zunächst als Hochschulprofessor in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. Schnell stieg er in der Kirchenhierarchie auf: 1977 wurde er Erzbischof von München und Freising. 1981 berief ihn Papst Johannes Paul II. als Präfekt der Glaubenskongregation in den Vatikan - eine verantwortungsvolle Position. Seine Aufgabe: über die offizielle kirchliche Lehre wachen.

Seine Visionen: Ökumene und Dialog

Poster gegen den Papst. Protest gegen Benedikt XVI. anlässlich seines Deutschland-Besuchs im September 2011(Foto:picture alliance/dpa Fotografia)

Nicht immer willkommen - Protest gegen den Papst-Besuch in Deutschland

Dass ausgerechnet der eher spröde wirkende Joseph Ratzinger dem charismatischen Karol Wojtyla auf den Papstthron folgte - und das auch noch nach einer ungewöhnlich schnellen Wahl - kam für viele überraschend. Ein "Übergangspapst" hieß es damals. Doch er begeisterte selbst eingefleischte Ratzinger-Kritiker. "Wir sind Papst" titelte die größte deutsche Boulevard-Zeitung. Aber was ist nach sieben Jahren Amtszeit von der anfänglichen Euphorie geblieben?

Benedikt XVI. ist mit vielen Visionen angetreten: In der Ökumene und auch in der Beziehung zu den Weltreligionen wollte er den Dialog voranbringen. In Sachen Ökumene wollte der frisch gewählte Papst es nicht nur bei "aufrichtigen Gefühlen" belassen, sondern "konkrete Gesten" folgen lassen, wie er in seiner Antrittsrede auf Latein sagte.

Als Papst aus der Heimat des deutschen Reform-Theologen Martin Luther, wolle er die Eiszeit der Ökumene beenden. Das weckte Hoffnungen - auf ein gemeinsam im Gottesdienst gefeiertes Abendmahl etwa. Doch die Hoffnungen wurden immer wieder enttäuscht, zuletzt bei Benedikts Deutschlandreise 2011. In Erfurt, der Wirkstätte Luthers, stellte er klar, dass er nicht bereit sei, ökumenische Gastgeschenke zu verteilen. Fortschritte machte der Papst dagegen im Gespräch mit den Ostkirchen. Er nahm den katholisch-orthodoxen Dialog im Herbst 2006 wieder auf und traf den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. in Istanbul - ein historisches Treffen.

Eine Frau liest die Bild-Zeitung in Berlin am Mittwoch, 20. April 2005, mit dem Bericht über den neuen Papst (Foto: AP)

2005: Deutschland ist begeistert vom neuen Papst

Annäherung: Aber nicht zu allen

Aber auf jede Sympathiewelle, die dem deutschen Papst entgegenschlug, folgte ein Einbruch: Kaum waren die Wogen um die Regensburger Rede geglättet, in der Benedikt den Islam mit Gewalt verknüpfte, da folgte schon der nächste Eklat.

Der Pontifex versuchte, sich der erzkonservativen, von der Kirche abgespaltenen Piusbruderschaft anzunähern, Brücken zu bauen. Doch hinter ihm drohten die Brücken zum Judentum und der katholischen Basis einzustürzen: Die Einführung einer neuen Form der Karfreitagsfürbitte, in der Christen wieder für die Erleuchtung der Juden beten können - eine Zerreißprobe. Und damit nicht genug: 2009 hob Benedikt den Ausschluss von vier illegal geweihten Bischöfen der Piusbruderschaft aus der Kirche auf - darunter auch der Holocaustleugner Richard Williamson. Der Proteststurm, der daraufhin besonders aus Deutschland über den Papst hereinbrach, zeigte die Kluft, die sich zwischen ihm und der Basis aufgetan hatte.

Papst Benedikt XVI. trifft den kubanischen Ex-Staatschef Fidel Castro im März in Havanna (Foto: REUTERS)

Kubas Ex-Staatschef Fidel Castro mit Papst Benedikt XVI.

Die schwerste Krise: Der Missbrauchsskandal

Aber die schwerste Krise folgte 2010, als die Welle der aufgedeckten Missbrauchsskandale in katholischen Einrichtungen Deutschland erfasste - nach den USA und Irland. Während der Kindesmissbrauch durch Priester ganz Deutschland empörte, ließ Benedikt lange auf ein kirchliches Schuldeingeständnis warten. Ausgerechnet er, der in dieser Hinsicht immer eine Null-Toleranz-Linie predigte, zeigte nun ein katastrophal schlechtes Krisenmanagement. Durch Treffen mit Missbrauchsopfern und einer Bitte um Vergebung versuchte er, die Schmach seiner Kirche zu schmälern.

Vielen ist der alte Mann hinter den Vatikanmauern nur ein weltferner Konservativer, doch konnte Benedikt auf seinen Reisen die Menschen auch immer wieder für sich begeistern, obwohl das Bad in der Menge nicht seine Sache ist. Er ist ein Medienstar wider Willen. Bei den meisten Besuchen im Ausland machte er politisch eine gute Figur, sogar im papstkritischen England. Auf seiner letzten Lateinamerikareise hat er ebenso die Herzen der Menschen erobert - offenbar auch das von Fidel Castro und dessen Bruder Raul. Denn der Karfreitag ist künftig auch im sozialistischen Kuba ein Feiertag.

Seine Motto: Traditionen statt Reformen

Papst Benedikt XVI. trifft den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios 2006 in Istanbul (Foto: AP)

Papst Benedikt XVI. mit Patriarch Bartholomaios I.

Als Papst ist Joseph Ratzinger angetreten, um die Kirche zukunftsfähig und attraktiv zu machen, ihr Orientierung in einer pluralistischen Welt zu geben - keine leichte Aufgabe für einen, der dem Anpassen an "alle möglichen Zeitströmungen" einen "klaren Glauben" entgegensetzen will. Freilich riskiert er bei diesem Kurs, dass sein Kirchenschiff auf verkrusteten Strukturen versandet.

Traditionen bewahren statt reformieren - das ist seine Devise. In Deutschland sind deswegen viele Christen aus der Kirche ausgetreten. Auf Fragen, die die Gemeinden vor Ort bewegen - etwa was mit dem Zölibat geschehen soll oder ob Geschiedene ein zweites Mal kirchlich heiraten dürfen - darauf fehlt aus Rom jede Antwort. So viel steht aber fest: Mit Joseph Ratzinger leitet kein "Übergangspapst" die Kirche. Der Oberhirte von Rom versteht es, der katholischen Kirche sein Profil zu verleihen - ob es seinen Schäfchen passt oder nicht.

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