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Kultur

Der Sündenfall der deutschen Medien

Journalisten als Handlanger von Mördern: Vor 25 Jahren erschütterte das Geiseldrama von Gladbeck die Deutschen. In Zeiten von Smartphones ist die Frage nach den Grenzen des Journalismus wieder aktuell.

16. August 1988: In der kleinen nordrhein-westfälischen Stadt Gladbeck überfallen Dieter Degowski, 32, und Hans-Jürgen Rösner, 31, eine Bank. Anschließend fliehen die beiden ehemaligen Sonderschüler mit zwei Geiseln. Die Tat geht als Gladbecker Geiseldrama in die deutsche Fernsehgeschichte ein. Es ist das erste Verbrechen, das als "Live-Krimi" zu sehen ist.

Statt zu beobachten, greifen Journalisten in das Geschehen ein, behindern die Polizei, machen Exklusivfotos und interviewen die Geiselnehmer. Sogar das US-Magazin Newsweek berichtet von der "Hans and Dieter Show", die sich in deutschen Medien abspielt.

Hans-Jürgen Rösner gibt während der Irrfahrt im Fluchtwagen ein Interview (Foto: dpa)

Schwarzer Tag für den Journalismus: Hans-Jürgen Rösner gibt während der Irrfahrt im Fluchtwagen ein Interview

Kampf um den besten Gangster-O-Ton

25 Jahre ist das nun her. Bei der Flucht quer durch die Bundesrepublik hatten die Bankräuber zwischenzeitlich sogar einen Linienbus in ihre Gewalt gebracht und 32 Menschen als Geiseln genommen. Immer wieder näherten sich Fotografen dem Bus und machten in aller Ruhe Aufnahmen von den Insassen. Massen von Journalisten drängelten sich um die besten Plätze. Rundfunkreporter ließen sich unmittelbar von den Entführern den Tathergang ins Mikro erzählen. Einer der Gangster sagte, er wolle "nur noch durch die Medien sprechen".

Den aktuellen Stand der Entführung konnte die Nation am Bildschirm und im Hörfunk mitverfolgen. Live, umsonst und für ein Millionenpublikum wurde berichtet, das staunend und irritiert, fasziniert, abgestoßen und ungläubig den Showdown mitverfolgte.

Der Markt verlangt nach Bildern

Journalisten interviewten eine Geisel, während der Geiselnehmer ihr eine Pistole an den Hals hielt. Ein Boulevardreporter quetschte sich sogar ins Fluchtauto, um die ortsunkundigen Gangster persönlich durch die Kölner Innenstadt zu lotsen. Später brachte ihm das heftige Kritik ein bis hin zum Vorwurf der Beihilfe. Und doch wurde er später Chefredakteur von Deutschlands größter Boulevardzeitung "Bild".

Am Ende waren zwei Geiseln tot, etliche Menschen traumatisiert. Trugen die Medien Mitschuld an dem Desaster? Viele Journalisten hätten die Gier der Gangster nach Aufmerksamkeit und Anerkennung befriedigt und sie damit zusätzlich angestachelt, sich in ihrem brutalen Größenwahn zu beweisen, meint der Kölner Medienpsychologe Jo Groebel.

Fluchtwagen der Geiselnehmer (r.), der von dem Mercedes der Polizei (l.) auf der Autobahn 3 bei Bad Honnef gestoppt wurde (Foto: dpa)

Blutiges Ende des Dramas: Eine 18-jährige Geisel starb durch eine Kugel aus Rösners Waffe

Kritische Distanz in Zeiten von Smartphones?

Und Michael Konken, Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands sagt: "Gladbeck war die schwärzeste Stunde des deutschen Journalismus seit Kriegsende." Als Folge sprach der deutsche Presserat mehrere Rügen aus und verschärfte seine Kriterien für die Sensationsberichterstattung. In den Medien selbst gab es eine Ethikdebatte. So etwas dürfe nicht mehr vorkommen, hieß es selbstkritisch in vielen Zeitungen. Heute sind Interviews mit Geiselnehmern während des Tatgeschehens laut Pressekodex des Deutsches Presserates verboten.

Doch hat sich wirklich etwas verändert? Die Regeln scheinen in einer digitalisierten, vernetzten Medienwelt kaum noch kontrollierbar. Soziale Netzwerke, Youtube-Videos und Bilder von so genannten "Bürgerreportern" schaffen fließende Übergänge zwischen Augenzeugen und professionellem Journalismus. "Es ist nicht einfacher geworden, die richtigen Entscheidungen für verantwortungsvollen Journalismus zu fällen", sagt der Medienethiker Alexander Filipovic von der Universität Münster. Das Internet gebe auch den Tätern ganz andere Möglichkeiten, sich mitzuteilen: "Das aktive Drängen in die Öffentlichkeit ist zu einem Teil vieler Verbrechen geworden." Für Journalisten bedeute das "eine extreme Herausforderung".

Geschehnisse einordnen und bewerten

Wie im Mai 2013 in London: Ein britischer Soldat wurde auf offener Straße ermordet. Einer der Täter sprach in eine Smartphone-Kamera und erklärte freimütig, warum er gerade einen Menschen umgebracht habe. Er machte keinen Versuch zu fliehen, Passanten filmten ihn, TV-Sender und Websites sorgten für die schnelle Verbreitung der Mörderbotschaft.

Hatten Journalisten gar keine andere Wahl, als das Video und den Täter zu zeigen? Alexander Filipovic hat dazu eine klare Meinung: "Man kann nicht als Journalist an die Stelle von Augenzeugen rücken." Die wichtigste Aufgabe seien in so einem Moment die Einordnung und Bewertung der Geschehnisse. Als Grundlage würden dabei noch immer dieselben Regeln gelten: "Gute Recherche, Sorgfalt, Einhaltung von Opfer- und Täterschutzgrundsätzen, aber auch die Informationspflicht."

Dieter Degowski beim Kontrollgang im gekaperten Bus (Foto: dpa)

Bleibt in Haft: Dieter Degowski

"Liebesbriefe" ins Gefängnis

Im Falle des inhaftierten Geiselgangsters Dieter Degowski fällt die Einhaltung dieser Regeln einigen Medien offenbar immer noch schwer. Vier Mal hatte Degowski seit 2002 während seiner Haftzeit begleiteten Ausgang bekommen. Einmal kam es zu einem erneuten Journalistenauflauf. Kurz vor dem 25. Jahrestag des Geiseldramas kochte die Debatte um Dieter Degowski wieder hoch, denn ein Haftprüfungstermin stand an. Doch das Gericht entschied in dieser Woche, dass Degowski nicht freikommt.

Auch im Falle des ebenfalls noch inhaftierten Hans-Jürgen Rösner, der als Kopf des Verbrechens gilt, üben die Medien wenig Zurückhaltung. Das deutsche Nachrichtenportal "Bild.de" zitierte jüngst aus den "Liebesbriefen", die er aus dem Gefängnis an seine Verlobte geschrieben hat. Zum Jahrestag des Verbrechens hätten zahlreiche TV-Sender Interviews mit Rösner angefragt, bestätigt das zuständige nordrhein-westfälische Justizministerium.

Dass Rösner sich nicht wieder vor laufender Kamera profilieren konnte, hat nur einen Grund: Das Ministerium lehnte alle Anfragen ab. "Rösner sagt bis heute, dass er keine Opfer verursacht habe", erläutert Pressesprecher Peter Marchlewski. Aus Gründen des Opferschutzes seien Interviews unzumutbar. Außerdem verweigere Rösner bis heute jede Therapie. Die anfragenden Sender störte dieser Umstand offenbar nicht.

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