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Wissen & Umwelt

Der "Rausch" des Tötens

Kann das Töten Freude bereiten? Haben wir alle eine böse und gewaltbereite Seite? Gehört das Böse zum Wesen jedes Menschen? Ja, sagen Wissenschaftler, die sich intensiv mit diesem Thema beschäftigen.

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Missbrauch - Kinder als Soldaten

Könnte ich einen Menschen gezielt töten? Eine Geisel enthaupten? Mit einem Maschinengewehr auf Männer, Frauen und Kinder schießen? Wer im Frieden aufgewachsen ist, wird dies in der Regel weit von sich weisen. Den meisten Menschen erscheint es spontan undenkbar, kaltblütig die Waffe zu zücken.

Selbst im Kriegsfall schrecken ungeübte Männer davor zurück: Befragungen der US-Armee nach Ende des Zweiten Weltkrieg haben gezeigt, dass nur etwa die Hälfte der Soldaten gezielt geschossen haben. In der heutigen Soldatengeneration liegt die Quote bei 95 Prozent. Der tödliche Schuss wird mit Computersimulationen gezielt trainiert, auch, um natürliche Hemmschwellen abzubauen.

"Gesunde Menschen haben eine große Scheu davor, anderen etwas Brutales anzutun", versichert der Neurobiologe Joachim Bauer. "Wegen des Systems der Spiegelneuronen in unserem Gehirn ist der Schmerz, den ich bei einem Anderen wahrnehme, auch immer mein Schmerz." Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die uns zu mitfühlenden Menschen machen.

Vom Schüler zum Kindersoldaten

Symbolbild Kindersoldaten

Kindersoldaten in Simbabwe

Doch wer in die Welt hinausblickt, sieht nicht nur Mitgefühl. Thomas Elbert hat Orte besucht, an denen Menschen anscheinend vergessen haben, wie sich diese Regung anfühlt. Der Konstanzer Psychologe hat mit Kriegern und Kindersoldaten gesprochen, denen literweise Blut an den Händen klebt. Kämpfer, für die der Tötungsakt zum Alltag gehört. Er ist sich sicher:

Jeder von uns kann dazu gebracht werden, einen anderen Menschen zu töten. "In Krisengebieten werden ganze Schulklassen eines Dorfes entführt", erzählt Elbert, "ein gewisser Prozentsatz der Kinder stirbt, die übrigen werden fast alle zu Kämpfern."

Der "Rausch“ zu töten

Schon die Vorstellung, dass Kinder gezwungen werden zu töten, ist gruselig. Noch unheimlicher wird es aber, wenn Elbert erzählt, was diese Kinder ihm anvertrauen. Dass es "berauschend" sei zu töten. Dass Mord auch einen Lustgewinn mit sich bringe. Gibt es ihn also doch? Einen unterdrückten "Mordinstinkt", der sich - befreit von zivilisatorischen Zwängen - im Krieg seine Bahn bricht?

Thomas Elbert hat eine andere Erklärung. Es sei wie beim "Runners-High", erklärt er. Diesem besonderen Moment beim Langstreckenlauf, wenn der Körper Opiate ausschüttet. "Wer nie zwanzig Kilometer gelaufen ist, der wird diesen Moment nie kennenlernen. Aber in jedem von uns ist diese körperliche Erfahrung natürlich angelegt", erklärt Elbert. "Alle, die Kampferfahrung gemacht haben, beschreiben diese Rauschzuständen. Dass es quasi ein vergnüglicher Zustand ist, getötet zu haben."

Hirnschäden durch Traumatisierung

Und doch fragt man sich: Wenn es in unserem Gehirn eine Hemmschwelle gibt - wenn der normal gesunde Mensch nicht zum Töten geboren wurde, wie kann es dann soweit kommen? Es gibt Erklärungen - Erklärungen die grausam sind. Und die zeigen, wie stark unser Gehirn von Gewalttaten um uns herum geprägt wird.

Kindersoldaten in Myanmar

Schon Kinder erzählen vom "Rausch" des Tötens

Kindersoldaten scheinen von ihren "Ausbildern" systematisch traumatisiert zu werden: durch die Vergewaltigung der Mutter oder die Hinrichtung von Familienmitgliedern vor den eigenen Augen. Erst durch die Traumatisierung baut ihr Gehirn die Hemmschwelle zum Töten ab. Die sogenannte Frontolimbische Schleife wird zerstört - der Teil im Gehirn, der überprüft, wie sich unsere Handlung auf den anderen und auf uns selbst auswirken würde. Und unsere Aggression in der Regel mäßigt.

Durch Gewalt traumatisiert werden und selbst zum Mörder werden. Nach Ansicht von Joachim Bauer ist das auch der Prozess, den beispielsweise IS-Krieger in Syrien durchlaufen. "Es gibt zu Beginn einen Initiationsritus, irgendeine brutale Tat, zu der sie mitgenommen werden", erklärt der Neurobiologie. "Dann geht im Gehirn etwas kaputt und wir sind an dem Punkt, an dem rauschartige Gefühle entstehen können. Das sind Psychopathie-Phänomene, die durchaus bei den Kindersoldaten massenhaft produziert werden können, die aber nicht zum normalen Verhaltensspektrum einer nicht-traumatisierten Person gehören."

Gewalt in allen Kulturen zuhause

Welche Waffen Kämpfer benutzen, wie sie sich zum Kampf formieren, das mag in Teilen auch kulturell geprägt sein. Und doch gibt es weltweit erstaunliche Gemeinsamkeiten in der Ausführung von Gewalt, berichtet Thomas Elbert: "Ich habe in Uganda gesehen, dass die Rebellentruppen ihren Opfern die Nase abschneiden, die Ohren, die Lippen - und genau das gleiche in Afghanistan. Wenn etwas am Körper hervorsteht, wird es abgeschnitten. Und das in ganz unterschiedlichen Kulturen.“

NO FLASH Massaker im Jemen September 2011

Blut als Schlüsselreiz

Elbert untersucht außerdem, welche Schlüsselreize bei Gewaltexzessen eine Rolle spielen. Blut scheint hier ganz vorne zu sein. Und Blutgeruch? Elbert ist der Frage nachgegangen und hat bei seinen Recherchen eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Auch die Lebensmittelindustrie nutzt Blutgeruch, um Produkte frischer erscheinen zu lassen. "Das gilt nicht nur für Wurstwaren, sondern zum Beispiel auch für Pilze", erzählt Elbert. "Der Blutgeruch wird von Menschen demnach als etwas Angenehmes empfunden. Das heißt, die Schlüsselreize sind gleich."

Schlummert also doch das Raubtier in uns? Die Hirnforschung sieht uns in der Regel eher als friedfertige Artgenossen - wenn schwerste Traumata uns nicht zu Mördern werden lassen.

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