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Kultur

Der Puma von Weimar

Mitteleuropa, vor einer Million Jahren: Herden von Elefanten stärkten sich an Wassertränken, riesige Geparden jagten durch die Steppe und Luchse durchstreiften Felslandschaften - wie Ausgrabungen in Thüringen zeigen.

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Naaaa, du Dickschädel?

Vor einer Million Jahren glich das heutige Thüringen eher der afrikanischen Savanne als dem klimatisch gemäßigten Europa von heute. Eine bizarre Tierwelt, die wir heute nur noch aus dem Zoo oder aus dem Museum kennen, fand hier ausreichend Nahrung und ein angemessenes Lebensumfeld. Das zeigen die Ausgrabungen an einem gigantischen Tierfriedhof in Südthüringen.

Unter den 800 Funden, die in den letzten drei Jahren freigelegt wurden, befinden sich das größte Nilpferd und die größte Hyäne der Welt, das älteste Reh Europas und der erste Schädel samt Geweih eines möglichen Vorfahren der Damhirsche. Zu den spektakulärsten Funden dürften die Überreste eines Pumas zählen.

"Thüringen hat uns gelehrt, dass es Pumas auch außerhalb Amerikas gab", erklärt

Gigantischer Tierfriedhof in Thüringen

Kahlke. Auch Überreste des weltweit größten Geparden wurden ausgegraben: Nahezu vollständig ist je ein Vorder- und Hinterbein erhalten geblieben. Weltweit wurden bislang nur drei Schädel gefunden - zwei davon im Werratal bei Meiningen. Dort wurden die Knochen mehr als eine Million Jahre lang im Sand konserviert.

Dann kam die Flut

Nicht ohne Grund lassen sich derart viele dieser alten Überreste in Südthüringen finden. "Zu verdanken haben wir das einer gigantischen Flut, die in ihrer katastrophalen Wirkung das Hochwasser an der Elbe vom August 2002 um ein Vielfaches übertroffen hat", erklärt Ralf-Dietrich Kahlke, Leiter der Weimarer Forschungsstation des Senckenberg-Instituts.

Zu Urzeiten, lange vor der letzten Eiszeit, regnete es heftig - und zwar immer, bevor der Winter Einzug hielt. Flüsse verwandelten sich in reißende Ströme. Viele Tiere kamen in den Fluten um und trieben auf dem Fluss. Ein Talhang, der damals etwa sechzig Meter über der heutigen Werra gelegen haben muss, kam ins Rutschen und stürzte als Schlammlawine in den Fluss. Dort, wo das Wasser nicht mehr fließen konnte, wurden die Kadaver angeschwemmt. Eine große Anzahl davon lagerte sich in diesem sogenannten "Fließschatten" ab. Erst 1978 entdeckte man bei Sandhubarbeiten die Überreste.

Erst schaufeln, dann auswerten

Im Labor werden die Überreste der Tiere sorgfältig untersucht, analysiert, ausgewertet, präpariert und konserviert. Für die Auswertung der Fundstücke steht ein internationales Team bereit. Unter anderem sind Wissenschaftler aus England, Frankreich, Russland und Tschechien mit dabei.

Aber die Wissenschaftler des Senckenberg-Instituts Weimar verbringen nicht ihre gesamte Zeit im Forschungslabor. Zwei Monate im Jahr geht es mit Schaufeln, Spateln und feinen Haarpinseln zu den Ausgrabungsstätten. Für Hobbyarchäologen ist allerdings kein Platz. "Die Ausgrabungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt", berichtet Kahlke. Da einige der Teile kleiner als einen Millimeter sind, könnten sie von Laien leicht übersehen werden.

Anfragen aus dem Ausland

Die Weimarer entwickelten ein eigenes Verfahren, um die Funde für die Nachwelt zu erhalten. "Wir nutzen Vorstufen bestimmter Lacke, wie sie in der Autoindustrie verwendet werden", erklärt Chefpräparator John-Albrecht Keiler. Da die Probleme weltweit die gleichen sind, erreichen die Thüringer nach eigenen Angaben nahezu wöchentlich Anfragen aus dem Ausland.

Insgesamt mehr als 50.000 Präparate zählen die Sammlung der Weimarer Forschungsstation für Quartärpaläontologie, die auf die Erforschung der Lebenswelt aus dem Eiszeitalter spezialisiert ist. Darunter befinden sich Überreste von hunderten von ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten.

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