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Kultur

Der Publikumsbeschimpfer

Er schrieb Bestseller, beschimpfte das Publikum und brach politische Tabus. Peter Handke ist einer der wichtigsten Autoren deutschsprachiger Literatur. Nun hat der schreibende Eigenbrötler seinen 70. Geburtstag gefeiert.

Als er die literarische Bühne betrat, trugen Schriftsteller noch dicke Hornbrillen und ordentliche Anzüge. Der Mief der Nachkriegsjahre lag noch über Deutschland. Da schockte dieser drahtige Jungspund aus der Kärntner Provinz mit abgewetzter Lederjacke und langen Haaren das literarische Establishment. Er warf der deutschen Gegenwartsliteratur "Beschreibungsimpotenz" vor und avancierte kurze Zeit später mit seinem Theaterstück "Publikumsbeschimpfung" zum Enfant terrible der Literaturszene.

"Ihr Quertreiber, ihr Effekthascher, ihr Antidemokraten, ihr Selbstbezichtiger, ihr Applausbettler, ihr vorsintflutlichen Ungeheuer, ihr Claqueure, ihr Cliquenbildner, ihr Pöbel, ihr Schweinefraß, ihr Knicker, ihr Hungerleider, ihr Griesgräme, ihr Schleimscheißer…"

Provokation als Programm

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke bummelt am 14. Oktober 1973 über die Frankfurter Buchmesse. (Foto: dpa)

Jung und respektlos - Handke brüskiert mit Mitte Zwanzig das literarische Establishment

Die Geste der Provokation umwehte fortan Peter Handke und prägte seine Literatur genauso wie sein öffentliches Bild. In seinen Büchern mixte er Nietzsche mit Songtexten von Rockbands, schrieb über die Jukebox genauso wie über seine slowenischen Wurzeln. Über die Jahre wurde sein eigenes Leben konsequent zum Erzählstoff. Die Erzählung "Wunschloses Unglück", in der er den Selbstmord seiner Mutter verarbeitete, gehört bis heute zu jenen Handke-Texten, die einen erschüttern und zugleich faszinieren. Ausufernde, immer wieder durch Fragen unterbrochene Sätze,  ein Schreibstil, durchzogen von Pathos und Zweifeln.

In den 80er und 90er Jahren kam man kaum noch an Peter Handke vorbei. Bücher wie "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" wurden zur Schullektüre, er übersetzte, führte Regie, lieferte z.B. das Drehbuch zu dem Kultfilm "Der Himmel über Berlin" seines Freundes Wim Wenders. Fast scheint es, als hätte diese Präsenz am Ende den Autor selbst genervt. Aus dem einstigen Revoluzzer war ein Literat für das intellektuelle Milieu geworden – vielfach ausgezeichnet unter anderem mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis.

Darf groß irren, wer groß dichtet?

Peter Handke - Schriftsteller, Österreich: bei der Trauerfeier für den früheren jugoslawischen Staatspräsidenten Slobodan Milosevic in Pozarevac. (Foto: AP)

Ein Besuch mit Folgen - Peter Handke auf der Trauerfeier für Slobodan Milošević

Als wollte er noch einmal den Geist des Unbequemen heraufbeschwören, den literarischen Stachel in die Konsensgesellschaft rammen, ergriff er ab 1996 politisch Partei – viele glauben, für die falsche Sache. Nach dem Zerfall Jugoslawiens engagierte er sich für Serbien und protestierte gegen die Bombardierung durch die Nato. Er besuchte den serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadžić genauso wie das Grab von Slobodan Milošević. Und Handke schrieb darüber.

Sein Reisebericht "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" wurde von den Feuilletons verrissen, die Comedie Française in Paris setzte ob der politischen Verblendung des Autors ein Handke-Stück ab und 2006 kam es zu einem Riesen-Eklat um die Verleihung des Heinrich-Heine-Preises.  Am Ende eines medialen Gezerres verzichtete Handke freiwillig auf die Auszeichnung.

Böse Geister vertreiben

Kombo Fotomontage Heinrich Heine und Peter Handke

Fragwürdige Ehre? Handke verzichtet auf den Heinrich-Heine-Preis

Darf groß irren, wer groß dichtet? Ist Handke, ein politischer Reaktionär oder doch ein Dichter mit Provokationslust, der die öffentliche Einhelligkeit torpedieren wollte? Handke selbst verweigerte sich immer mehr einer klaren Antwort. Er zog sich in sein Haus in der Nähe von Paris zurück, gab nur noch selten Interviews.

2008 erschien sein Buch "Die morawische Nacht", die Geschichte einer Odyssee durch Europa auf den Spuren des eigenen Lebens. Die einstige politische Verbissenheit war hier einer dichterischen Selbstreflexion gewichen. Es schien, als wollte Handke die bösen Geister der letzten Jahre austreiben.

"Schuldig gemacht, so noch immer seine Vorstellung, hatte er sich doch, indem er das Nationaldichterspiel, und wenn auch halbherzig, mitspielte, bleibend schuldig. Und warum hatte er mitgespielt? Vielleicht weil er seinerzeit, für eine kleine Weile, in der Tat an etwas wie eine andere Nation glaubte, überhaupt an grundandere Nationen, und meinte, die mitverkörpern zu können."

Es ist eine Sprache, deren Poesie in den Übergängen, in den Zwischenräumen liegt. Abstand halten, die Dinge vom Rand her betrachten und doch das Innerste, das Persönlichste nach außen kehren – genau diese Widersprüchlichkeit zeichnet noch immer Peter Handke aus – seine Person genauso wie seine Literatur. Nun feiert er seinen 70. Geburtstag, dieser große, unbequeme Dichter.