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Kultur

Der Protest geht weiter

Kaum jemand hatte damit gerechnet, dass so viele Menschen gegen den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs protestieren würden. Der Schauspieler Walter Sittler war mit dabei und erklärt uns warum die Bürger so wütend sind.

Demonstranten in Stuttgart (Foto: dpa)

Die wütenden Bürger von Stuttgart haben tagelang für Schlagzeilen gesorgt. Bilder von lauten und hartnäckig leisen Demonstranten gingen durch die Medien. Die Situation eskalierte in Zusammenstößen mit der Polizei, Wasserwerfer wurden eingesetzt, es kam zu Unfällen und die Landesregierung reagierte schließlich, indem sie den Politiker Heiner Geißler als Vermittler einsetzte. Über die aktuelle Situation und die Wut der Bürger haben wir mit dem Schauspieler Walter Sittler gesprochen, der von Anfang an mit dabei war.

DW-WORLD.DE: Herr Sittler, nachdem im Sommer das Projekt und die Proteste große Wellen geschlagen haben, ist es inzwischen ruhig geworden. Werden die Proteste jetzt stillschweigend verschwinden?

Walter Sittler (Foto: a+o Kommunikation Hamburg)

Walter Sittler

Walter Sittler: Nein, auf gar keinen Fall. Seit einigen Wochen ist die Schlichtung im Gange und die Stuttgarterinnen und Stuttgarter sind sehr pragmatische Leute. Die halten die Proteste aufrecht auf einer kleineren Flamme, weiterhin wöchentlich und wir wollen mal sehen was dabei heraus kommt. Wenn kein vernünftiges Ergebnis herauskommt, dann wird das einfach weiter gehen.

Sie sind als Initiator des "Schwabenstreichs" bekannt geworden. Was ist das und wie sind sie auf die Idee dazu gekommen?

Der Schwabenstreich ist im Juli dieses Jahres entstanden. Wir hatten den Eindruck, dass die Bürger und wir, die wir für eine Alternative werben und dafür auf die Straße gehen, überhaupt kein Gehör finden bei den Verantwortlichen und Regierenden in Baden-Württemberg. Dass sie nicht einmal versuchen zu verstehen was wir wollen, sondern ihr Konzept durchprügeln wollen. Da kam uns die Idee, dass man täglich, einmal am Tag, überall in der Stadt wo man kann, Lärm macht, damit die Verantwortlichen wissen: wir sind da und wollen gehört werden. Und da habe ich mir gedacht, man braucht einen guten Begriff dafür und mir ist der Schwabenstreich in den Sinn gekommen. Das wurde dann Ende Juli das erste Mal auf dem Marktplatz in Stuttgart mit etwa dreitausend Leuten gemacht. Und das hat auf eine Weise funktioniert, die mich selber überrascht hat. Offenbar sind der Wunsch sich auszudrücken und die Frustration darüber, dass man nicht mitsprechen darf und soll, so groß, dass der Schwabenstreich jetzt schon weit über Baden-Württemberg hinaus bekannt ist.

Wie erklären sie sich, dass das Projekt "Stuttgart 21" so viele Menschen auf die Straße gebracht hat, mehrere zehntausend, womit niemand wegen eines Bahnhofs gerechnet hätte?

Es gibt zwei Dinge die meiner Ansicht nach wichtig sind. Einmal ist es ja nicht nur ein Bahnhof, sondern ein Projekt, das das, was wir haben durch etwas ersetzt, was mit wahnsinnig viel Geld ein schlechteres Ergebnis erzielt. Und da sind die Schwaben ganz empfindlich. Sie geben gerne Geld aus, aber der Gegenwert muss stimmen. Zum Zweiten ist es der Umgang der Regierenden mit den Regierten, die eine andere Meinung haben. Das hat Ausmaße angenommen, die die Bürger in Stuttgart, die demonstrieren gehen, nicht mehr hinnehmen wollen. Sie verlangen, dass sie als die mündigen, erwachsenen, informierten Bürger behandelt werden, die sie auch sind.

Hat sich in der Haltung der Stadt und der der protestierenden Bürger etwas verändert, nachdem Heiner Geißler als Vermittler im Boot ist?

Man hofft, dass dadurch mehr Transparenz entsteht. Endlich ist das Alternativ-Konzept mal auf einer offiziellen Ebene präsentiert worden. Man hofft, dass jetzt ein Ergebnis heraus kommt, mit dem man irgendwie weitermachen kann. Das Problem in Stuttgart ist allerdings, dass man keinen Kompromiss finden kann. Ein bisschen Tiefbahnhof, ein bisschen Kopfbahnhof, das geht nicht. Das ist ein echtes Problem, das sich von anderen politischen Problemen unterscheidet.

Glauben Sie, dass die Proteste wieder zunehmen, wenn klar würde, "Stuttgart 21" wird doch gebaut?

Wenn die Schlichtungsgespräche zu Ende sind und die Ergebnisse auf dem Tisch liegen und dann wider besseren Wissens gehandelt wird, ja. Allerdings müssen die Ergebnisse überhaupt erstmal auf dem Tisch liegen. Die Deutsche Bahn verweigert immer noch die Herausgabe von wichtigen Teilen mit dem Verweis auf die Konkurrenzsituation. Die Bahn hat in diesem Projekt allerdings keine Konkurrenten. Das ist etwas, was die Bürger der Bahn auch Übel nehmen. Dass sie über etwas diskutieren sollen und dafür keine konkreten Zahlen bekommen. Das ist keine Gesprächsgrundlage. Solange das alles also nicht wirklich auf dem Tisch liegt und man danach vernünftig entscheiden kann, werden die Proteste weitergehen.

Das Gespräch führte: Günther Birkenstock

Redaktion: Marlis Schaum