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Wissen & Umwelt

Der Preis der kurzen Wege: Deutsche Städte können höher, enger, lauter werden

Der Bedarf an bezahlbaren Wohnungen in Städten steigt. Per Gesetz soll die dichte Bebauung erleichtert und die Mischnutzung gefördert werden. Durch die Nachbarschaft von Gewerbe könnte das Wohnen ungemütlicher werden.

Hauptberuflich von Zuhause aus arbeiten? Das ist in Deutschland nur in "allgemeinen Wohngebieten" erlaubt, wenn es die Nachbarn nicht beeinträchtigt. Außerdem bedarf die Tätigkeit im Regelfall der Genehmigung der kommunalen Behörden. In "reinen Wohngebieten" ist wegen damit verbundener möglicher Störungen die gewerbliche Tätigkeit grundsätzlich untersagt. Denn die Anwohner sollen sich nach dem Arbeitstag erholen und entspannen. Handwerkliches Hämmern oder Motorengeräusche aus einer Autowerkstatt, das Verladen von Bierkisten vor einem Getränkehandel oder Diskomusik könnten zu sehr stören. 

Anhaltender Bedarf an mehr Platz pro Kopf in der Stadt 

Doch das könnte sich bald ändern. Zumindest in Deutschlands Städten. Denn gerade in Ballungsräumen werden zirka 400.000 neue Wohnungen pro Jahr gebraucht, rechnet die Bundesregierung vor. Die Städte sollen dem wachsenden Zuzug standhalten. Flüchtlinge sollen möglichst in den Städten untergebracht werden, um ihre Integration zu fördern und auch die Ansprüche der Bürger an die Größe der eigenen Behausung steigen: also die Pro-Kopf-Wohnfläche.

Deutschland Berliner Hinterhof Flohmarkt (picture-alliance/dpa/M. Vennemann)

Ausbaufähig - Hinterhof in Berlin-Wedding

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Die Lösung für urbane Gebiete heißt daher: Mehr Wohnen und Gewerbe in direkter Nachbarschaft. Das ist bisher per Gesetz nur in Ausnahmen erlaubt. Künftig sollen Bauämter flexibler über die Bebauungsdichte und Abstände zwischen Wohnhäusern und Firmen, Supermärkten, Kneipen und Schulen entscheiden können, so sieht es ein Gesetzentwurf von Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) vor, der am Donnerstag (9.3.2017) im Bundestag beschlossen werden soll.

In Berlin sind Gewerbehöfe in Wohngebieten schon jetzt nichts Außergewöhnliches. Sie sind durch den historischen Städtebau entstanden und per Landesgesetz geregelt. Die vergleichsweise hohe Dichte von Wohnungen und Firmen ist dort auch der begrenzten eigentlichen Stadtfläche geschuldet.

In Zeiten der Berliner Mauer wurde dies noch dadurch verstärkt, dass die West-Berliner Insulaner nicht einfach ins Umland ziehen und pendeln konnten. Im sozialistischen Osten hingegen konzentrierte sich die Stadtentwicklung vor allem auf bestimmte Neubaugebiete. So kam es nicht zu einer Zersiedelung des Umlandes. 

Dadurch hat Berlin ein urbanes Flair, das viele mögen: Gerade junge Familien finden es chic, fußläufig Wohnen, Arbeit, Einkauf, Freizeit zu verbinden. Positive Nebenefffekte: Lange Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder PKW und der teure Unterhalt des Autos werden vermieden, Energie gespart, die Umwelt geschont. 

Kurze Wege und höhere Lärmimmissionen

Bald könnten Geschäfte, Gewerbebetriebe, Arztpraxen, Ateliers, Kitas und Kulturzentren auch anderswo noch näher an Wohnhäuser rücken. Die Bundesbauministerin will mit ihrem Gesetzentwurf das Zusammenleben in Städten stärken.

Durch sogenannte "Nachverdichtung", Aufstockung, den Ausbau von Hinterhöfen und die Schließung von Baulücken könnte weiterer Wohnraum geschaffen werden. Ferner sollten ehemalige Bürogebäude und Gewerbeflächen umgewidmet werden.

Laut einer Studie der Technischen Universität Darmstadt könnten gut eine Million neue Wohnungen durch Aufstockungen auf Dächern entstehen. Die Verdichtung soll aber nicht auf Kosten von Grünflächen wie Parks, Sportanlagen oder Kinderspielplätzen gehen. Deshalb soll die zulässige Geschossfläche künftig dreimal so groß sein wie das Grundstück. Bisher war in der Regel das 1,2-fache in den meisten Deutschen Städten erlaubt. 

Kritik von Umweltorganisationen

Bündnis 90/ Die Grünen befürchten dafür, dass es in dichter besiedelten Städten auch lauter wird. Die Oppositionspartei lehnen die Novelle daher ab. Nach dem neuen Gesetz dürfte der Lärmpegel in Zukunft tagsüber 63 Dezibel (dB) erreichen und nachts 48 dB nicht überschritten. Das sind drei db mehr als jetzt erlaubt sind.

Frankfurt Dachterrasse im Vordergrund (picture-alliance/dpa/W. Steinberg)

Noch höher hinaus darf gebaut werden - wie in Frankfurt am Main

Befürworter der Wohnverdichtung halten das durchaus für akzeptabel. "Wer im Zentrum wohnt, muss wissen, dass es lauter sein kann", argumentiert Axel Gedaschko, Präsident des Wohnungswirtschaftsverbands GdW. Die Grünen und Umweltverbände halten dagegen, dass ein Anstieg von nur 3 dB  Lärm den Schallschlag des Lärms verdoppelt. 

Änderungen auch in ländlichen Gebieten möglich

Während Stadtstaaten wie Berlin, Hamburg und Bremen oder Bundesländer mit vielen Großstädten wie Nordrhein-Westfalen auf die immer dichtere Besiedlung ihrer Städte setzen, haben Flächenländer wie Brandenburg oder Bayern ganz andere Interessen: Sie wollen neues Bauland ausweisen. So könnten wertvolle Ackerflächen oder naturbelassene Brachen verloren gehen. 

Ein sogenannter "Flächenfraß-Paragraf" (§13b) wurde auf Druck des Freistaates Bayern in das Gesetz eingefügt. Damit dürfen Gemeinden künftig Baugebiete bis zu einer Größe von einem Hektar bebauter Grundfläche in ihrem Außenbereich ausweisen, ohne dass Bürger befragt, Umweltprüfungen durchgeführt oder Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen notwendig werden.

Wird das Gesetz umgesetzt, braucht nicht mehr geprüft zu werden, wie sich ein Bauvorhaben auf die dort heimische  Tier- und Pflanzenwelt auswirkt. Ausgleichsmaßnahmen für Eingriffe in Natur und Landschaft, wie Ersatzpflanzungen oder Renaturierungen von Flächen, würden ebenfalls entfallen. 

Henry Wilke Referent für Siedlungsentwicklung beim Nabu (Nabu/Nils Bornemann)

Wilke: "Der Nabu ist gegen verantwortungslosen Flächenverbrauch"

Umweltverbände schlagen deshalb Alarm. "Gerade bei der Umnutzung landwirtschaftlicher oder naturnaher Flächen auf diese Maßnahmen zu verzichten, ist aus naturschutzfachlicher und städtebaulicher Sicht nicht vertretbar", meint Henry Wilke, Referent für Siedlungsentwicklung beim NABU (Naturschutzbund Deutschland), vor

Bundesregierung verschiebt Flächenverbrauchsziel um zehn Jahre 

Die mögliche Bebauung von Ackerflächen würde die Pläne einer flächensparenden Siedlungsentwicklung zunichte machen, so Wilke. Sämtliche Bundesregierungen hätten seit 2002 das Ziel verkündet, den täglichen Flächenverbrauch bis 2020 auf unter 30 Hektar zu verringern. Im Januar 2017 wurde die Zahl in der Gesetzvorlage der Großen Koalition (Union/ SPD) plötzlich auf 2030 korrigiert - ohne dies zu kommunizieren.

Das bedeutet, dass bis 2030 der Flächenverbrauch in Deutschland ungebremst anhält. "Ein verheerendes Signal", findet Der NABU-Experte für Siedlungs-Entwicklung Wilke. Aktuell werden pro Tag 66 Hektar, umgerechnet 94 Fußballfelder, mit Häusern oder Straßen bebaut.

Dabei zeigt die Erfahrung, dass es gerade für strukturschwache Städte der falsche Weg ist: Für die Innenstädte auf dem Land hatte es verheerende Folgen, wenn in der Peripherie große Gewerbegebiete oder Wohngebiete ausgewiesen wurden. In vielen Ortszentren kam es so zu Leerstand, Verfall und Ödnis. Der NABU verweist auch auf den Klimaschutzplan von November 2016. Darin strebt die Bundesregierung an, bis 2050 keine neue Flächen mehr zu verbrauchen. 

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