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Politik

Der Prügelknabe des Pentagon

Michael Isikoff war in den USA eine Reporterlegende, bis zu seinem Bericht im Nachrichtenmagazin "Newsweek" über angebliche Koran-Schändungen in Guantanamo. Jetzt wird er vom Weißen Haus angefeindet.

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Ralf Hoogestraat

Wie geht doch gleich das Sprichwort: Wenn ein Schmetterling in China mit den Flügeln schlägt, dann gibt es einen Orkan in Amerika. Man muss bloß die Geographie umdrehen. Die Flügel schlugen in Amerika, der Sturm war im Mittleren Osten.

Ganz acht Worte hatten den Sturm ausgelöst: US-Soldaten hätten in Guantanamo Bay Koran-Seiten zerrissen und ins Klo geworfen. Erschienen waren die Worte im amerikanischen Nachrichtenmagazin Newsweek auf einer Seite, die Periskop heißt und meist eher die bunten Absurditäten der Welt beinhaltet.

"Ein unverantwortlicher Dreckskerl"

Und dann brach der Sturm los. In der moslemischen Welt gingen die Entrüsteten auf die Straßen und revoltierten gegen die amerikanischen Besatzer. 17 Menschen starben, andere wurden verletzt. Die Empörung über die barbarischen Amerikaner war groß.

Bis plötzlich Newsweek die Geschichte zurückziehen musste: Die anonyme Quelle, auf die sich der Reporter des Nachrichtenmagazins berufen hatte, war sich plötzlich nicht mehr so sicher, das Pentagon leugnete, der Chefredakteur von Newsweek wurde zum Prügelknaben des Weißen Hauses und des Pentagons.

Der Reporter sei ein unverantwortlicher Dreckskerl, sagten anonyme Quellen im Pentagon, das Weiße Haus klagte, das Ansehen der USA sei wegen dieser Lügengeschichte auf Jahre hinaus geschädigt.

"Hold your Horses", heißt es in einem amerikanischen Sprichwort, immer langsam mit den jungen Pferden, da scheint nicht nur ein kleiner Schmetterling Wind zu machen.

Fakt ist, die ursprüngliche Quelle der Geschichte hat, nach dem weltweiten Aufruhr, den die Aussage hervorgerufen hatte, kalte Füße bekommen.

Vorwurf nicht neu

Fakt ist aber auch, dass das Pentagon schon seit Monaten ähnliche Vorwürfe über die Missachtung der religiösen Gefühle der moslemischen Gefangenen untersucht. Rumsfelds Sprachrohre brauchten wahrscheinlich zehn Tage für ein heftiges Dementi, weil sich die Militärs nicht sicher waren, ob nicht vielleicht doch etwas dran war. Und ehemalige Gefangene von Guantanomo haben wiederholt von solchen Misshandlungen erzählt. Erst jetzt hatte die Nachrichtenagentur AFP wieder einen solchen Gefangenen mit Namensangabe zitiert.

Und der Newsweek-Reporter Michael Isikoff ist nicht irgendein "Dreckskerl", bis vor kurzem war er noch einer der Lieblinge der Republikaner. Isikoff war nämlich der Reporter, der Bill Clintons außereheliche Leibesübungen mit Praktikantin Monica Lewinsky aufgedeckt hatte. Freunde und Feinde bescheinigen ihm, ein außergewöhnlich sorgfältiger Journalist zu sein.

Diesmal hat die Reporterlegende ganz offensichtlich voll daneben gegriffen. Ob deswegen das Ansehen der USA vor allem in der moslemischen Welt zerstört worden ist, wagen unabhängige Beobachter zu bezweifeln. Das hat wohl eher etwas mit der US-Besetzung von Afghanistan und Irak zu tun.

Unverständnis in den USA

Aber Fakt ist auch, dass in ihren religiösen Gefühlen verletzte Moslems wegen der Entweihung und Schändung des Korans zu Protestmärschen auf die Straße gingen und in den darauf folgenden Unruhen 17 Menschen ums Leben kamen, wie Zeitungen weltweit berichteten.

Thomas Friedmann, bekannter Kolumnist der New York Times, schreibt dazu: "In den gleichen Zeitungen kann man auch die letzten Meldungen aus dem Irak lesen, wo Selbstmordattentäter 400 irakische Zivilisten töteten, die beim Einkaufen waren oder auf dem Weg zu den Beerdigungen ihrer getöteten Angehörigen oder Freunde…Aber diese Massenmorde, diese Entweihung und Schändung von echten Moslems durch andere Moslems, haben in der gesamten moslemischen Welt keinen einzigen Protestmarsch ausgelöst."