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Sport

Der Plan geht auf

Die DFB-Elf legt einen Traumstart hin und überrennt ein völlig überfordertes portugiesisches Team. Die Gründe dafür sind taktische Variabilität, physische Überlegenheit und ein Thomas Müller in Weltklasseform.

82. Minute, ein ganzes Stadion erhebt sich. Egal ob im deutschen, brasilianischen oder sogar im portugiesischen Trikot - alles steht auf und klatscht. Während Thomas Müller langsam und von der Hitze gezeichnet vom Platz trabt, erklingt sein Name auf der Tribüne in allen erdenklichen Interpretationen: "Müllaaa!", "Muller!" oder auch "Mullah!". Ein Name, der in der Fußballwelt seit diesem 16. Juni 2014 wieder den Klang hat, den er in den 70er Jahren schon einmal hatte.

Vergleiche mit dem historischen Müller sind in Fußball-Deutschland eigentlich unzulässig. Zu einmalig und unübertroffen thront Gerd Müller, der "Bomber der Nation" und Rekord-Torjäger, über fast jeder Statistik, die etwas mit Tore schießen zu tun hat. Und dennoch muss der Vergleich erlaubt sein: Denn auch der zeitgenössische Müller ist ein ganz Großer seiner Zunft.

Müller, der fleischgewordene Albtraum Portugals

Thomas Müller zeigte beim 4:0 (3:0)-Sieg der deutschen Nationalelf gegen Portugal eine Vorstellung wie aus dem Stürmer-Lehrbuch. Drei Tore schoss der 24-jährige Ausnahmespieler in diesem Spiel und wurde damit zum fleischgewordenen Albtraum der Portugiesen. Doch fast noch beeindruckender als seine Tore, war die Art, wie er sie erzielte, wie er spielte.

An diesem heißen Nachmittag von Salvador war Müller schlicht nicht aufzuhalten. Energisch tankte er sich durch die portugiesische Abwehr, ging viele Wege, war stets anspielbereit und am wichtigsten: Er stand dort, wo ein Stürmer stehen muss. Es war sein großer Tag. Souverän verwandelte er zunächst den von Mario Götze in der 11. Minute herausgeholten Elfmeter zum 1:0. Dann markierte er nach dem zwischenzeitlichen 2:0 durch Mats Hummels (32.) mit einem zwar abgefälschten, aber strammen Schuss das 3:0 (45.+1) und setzte schließlich mit einem Abstauber aus kurzer Distanz den Schlusspunkt (78.) unter eine denkwürdige Partie - und unter eine Debatte.

Das Abwehr-Experiment geht auf

Deutschlands Abwehr hält gegen Portugal dicht. Mitverantwortlich ist auch Verteidiger Mats Hummels (r.). (Foto: Reuters)

Deutschlands Abwehr hält gegen Portugal dicht. Mitverantwortlich ist auch Verteidiger Mats Hummels (r.)

Viel war in Deutschland geunkt worden vor diesem Turnier. Der alternde und verletzungsanfällige Klose als einzigen Stürmer mitzunehmen, sei fahrlässig, urteilten viele Kommentatoren. Auf den zweiten Blick wird klar: Bundestrainer Joachim Löw hatte recht. Er habe sehr wohl mehr Stürmer dabei als bloß Klose, betonte Löw und Müller unterstreicht seine Aussage nun eindrucksvoll. Wenn ein Stürmer sich durch Tore auszeichnet, ist Müller ganz gewiss einer und zwar mit einer Vorliebe für die Wichtigen. Dass er bei der letzten WM Torschützenkönig war, hatte der ein oder andere vielleicht schon verdrängt.

Doch nicht nur dank Müller startet Deutschland furios in diese Weltmeisterschaft. Die umformierte Abwehr aus den vier Innenverteidigern Jerome Boateng, Mats Hummels, Per Mertesacker und Benedikt Höwedes erweist sich als solide und gute Wahl. Zwar ging von den Aushilfs-Außenverteidigern Boateng und Höwedes kaum ein Impuls für das Offensivspiel aus, aber das war ohnehin nicht geplant, wie Höwedes vor dem Spiel bereits klarstellte. Ihr Kerngeschäft erledigten alle vier mit viel Einsatz, in Portugals stürmischer Anfangsphase allerdings auch mit etwas Glück.

Taktische Variabilität und physische Überlegenheit

Und natürlich profitieren sie von einem überragenden Philipp Lahm, der vor der Viererkette ab- und aufräumte. Gemeinsam mit dem wieder gewohnt offensivfreudigen Sami Khedira fungierte Lahm wie geplant als wichtiges Scharnier zwischen der kompakten Defensive und den Offensivkräften. Letztere setzten Löws Plan, nie ausrechenbar zu sein, konsequent um. Die in einer Reihe spielenden Mesut Özil, Toni Kroos und Mario Götze tauschten mehrfach ihre Positionen, brachten so gezielt Unruhe in Portugals Hintermannschaft - mit Erfolg. Schon gegen Ende der ersten Halbzeit wirkten die Portugiesen stehend k.o., konnten dem geschickten Verschieben der Deutschen nichts mehr entgegensetzen.

Die beiden werden wohl keine Freunde mehr: Portugals Pepe (l.) kommt Thomas Müller ganz nahe und fliegt vom Platz. (Foto: dpa)

Die beiden werden wohl keine Freunde mehr: Portugals Pepe (l.) kommt Thomas Müller ganz nahe und fliegt vom Platz

Überhaupt hatte man vom Weltranglisten-Vierten mehr Gegenwehr erwartet. Die von Löw zum "Weltmeister im Konterspiel" geadelte Elf der Portugiesen wirkte nur in der Anfangsphase bissig, dann schnell ausgelaugt, überfordert und schon vor der gänzlich unnötigen, aber verdienten Roten Karte für Pepe (37.) geschlagen. Da Portugal neben dem nun gesperrten Pepe in der zweiten Halbzeit auch noch Coentrao durch eine Verletzung verlor, wird es die demoralisierte Mannschaft nun gegen die USA und Ghana schwer haben, die Gruppenphase überhaupt zu überstehen.

"Ein schöner Sieg, aber wir sind nicht am Ende"

Und die DFB-Elf? Ist das Achtelfinale schon gebucht? Nein, noch längst nicht warnt Kapitän Philipp Lahm zu Recht: "Ein schöner Sieg, aber wir sind nicht am Ende". Denn die 4:0-Gala überdeckte auch einige kleine Schwächen im Spiel: Die Chancenauswertung war beileibe nicht optimal, bei Flanken von außen fehlte oft eine kopfballstarke Anspielstation in der Mitte und Spielgestalter Mesut Özil blieb erneut deutlich unter seinen Möglichkeiten.

Nicht jeder Gegner wird es den Deutschen im weiteren Turnierverlauf so leicht machen wie die Portugiesen, die überraschend schlecht mit dem heißen Klima von Salvador zurecht kamen. Und dennoch: Joachim Löw kann aufbauen auf diese Leistung. Sein auf Ballbesitz ausgelegtes System funktioniert auch in der Mittagshitze von Brasiliens Nordosten. Der erste Härtetest ist bestanden. Die deutsche Mannschaft ist auf den Punkt topfit und vielleicht tatsächlich bereit wie nie für den Titel.