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Aktuell Europa

Der Papst ignoriert die Warnung Erdogans

In der armenischen Hauptstadt Eriwan hat Franziskus erneut der Opfer der Armenien-Massaker vor 100 Jahren gedacht. Die Taten hatte der Pontifex als "Völkermord" bezeichnet – ungeachtet der türkischen Befindlichkeit.

Die Gedenkstätte Zizernakaberd in der armenischen Hauptstadt erinnert an den Tod von bis zu 1,5 Millionen Armeniern vor 100 Jahren. Papst Franziskus legte vor der ewigen Flamme eine weiße Rose nieder und sprach ein Gebet. "Hier bete ich mit Schmerz in meinem Herzen, dass es niemals wieder solche Tragödien geben wird wie diese", schrieb der 79-jährige in das Gästebuch der Gedenkstätte (Artikelbild).

Danach traf er sich mit Nachkommen jener Opfer, die Papst Benedikt XV. (1914-1922) seinerzeit gerettet und in seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo beherbergt hatte. Begleitet wurde Franziskus vom Oberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche, Katholikos Karekin II., und von Staatspräsident Sersch Sargsjan.

Am Freitag, dem ersten Tag seiner Armenienreise, hatte Franziskus die Verfolgung der christlichen Minderheit der Armenier im Osmanischen Reich als "Völkermord" verurteilt und damit seine Worte aus dem vergangenen Jahr bekräftigt. Den Begriff hatte er

nachträglich in seine Rede

eingefügt, ungeachtet der heftigen türkischen Proteste nach der Armenien-Resolution des Bundestages. Die Führung in Ankara lehnt das Wort Genozid vehement ab. Der Papst ignorierte mit seiner Wortwahl auch eine "Rüge" und "Warnung" des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, der im April 2015 gedroht hatte, der "geehrte Papst wird diese Art von Fehler höchstwahrscheinlich nicht wieder begehen".

Papst Franziskus und Armeniens Staatspräsident Sersch Sargsjan im Gedenken an den Völkermord (Foto: Reuters)

Papst Franziskus und Armeniens Staatspräsident Sersch Sargsjan im Gedenken an den Völkermord

Zwischen 1915 und 1918 wurden im damaligen Osmanischen Reich mindestens 300.000, wahrscheinlich aber bis zu 1,5 Millionen christliche Armenier, Pontos-Griechen, Assyrer und Aramäer ermordet. Während Historiker vom "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts" sprechen und der Regierung des damaligen Osmanischen Reichs die Hauptverantwortung zuweisen, räumt die Türkei bislang lediglich ein, dass es Massenvertreibungen und gewalttätige Auseinandersetzungen gegeben habe. In deren Folge seien hunderttausende Menschen gestorben.

Am Nachmittag wird der Papst eine katholische Messe in der nördlichen Stadt Gjumri abhalten sowie an einem ökumenischen Friedensgebet im Zentrum von Eriwan teilnehmen. Dazu werden Zehntausende Gläubige erwartet.

Der Besuch von Franziskus ist erst der zweite eines Papstes überhaupt in Armenien, das als ältestes christliches Land der Welt gilt. Der Besuch ist diplomatisch heikel, weil der Papst im September auch das mit Armenien verfeindete Aserbaidschan besuchen will. Am Freitag hatte er bereits mehrfach zu Frieden und Versöhnung in der konfliktreichen Kaukasus-Region aufgerufen.

rb/jj (afp, dpa, kna)